Was, wenn jemand irgendwann den peinlichen Rest öffentlich machen würde?

Seite 3 von 3
Angela Marquardt : Ihre Akte, unser Urteil

Wir befinden uns in der alten Schleife, die fast alle Stasi-Enthüllungsfälle irgendwann so peinlich macht. Wenn nichts mehr zu bestreiten ist, heißt es: Ich habe niemandem geschadet. In ihrem Fall sollte das doch anders laufen. Sie war minderjährig. Ein pubertierendes Werkzeug. Muss sich so jemand rechtfertigen?

Die Bundestagsuntersuchung im Jahr 2002 kam zum Schluss, dass man Angela Marquardt keinen Vorwurf machen könne, weil sie minderjährig gewesen und eine wissentliche Mitarbeit nicht nachweisbar sei. War damit denn nicht alles gut?

Zwei Gründe, warum überhaupt nichts gut war für Angela Marquardt. Der eine: Dem Ausschuss standen nur ein paar Blätter aus ihrer dicken Akte zur Verfügung. Was, wenn jemand irgendwann den peinlichen Rest öffentlich machen würde? Der zweite, wichtigere: Sie selbst war damals wie betäubt. Das, was sie in ihrer Akte las, verstand sie nicht, wollte es vielleicht auch nicht verstehen. Es ging um Verdrängtes, Unbewusstes. Wie lange braucht man, um so etwas vorzuholen?

Sie spricht von ihrem „Geheimnis“

Und was immer man in der Akte lesen konnte – es war nie die ganze Geschichte. Denn Grundlage für den Missbrauch durch die Stasi war der Missbrauch durch den Stiefvater. Das wurde ihr mit den Jahren immer klarer. Im Buch spricht sie von ihrem „Geheimnis“. Was da wirklich vorgegangen ist, darüber hat sie ja nicht nur gegenüber allen anderen geschwiegen. Welches Mädchen, welche Frau ist in der Lage, klar zu sagen, was ein jahrelanges Leben mit sexuellen Übergriffen, Schmerz und Angst ausrichtet? Darüber steht im Buch nicht viel, auch im Gespräch umschiffen wir so gut wie möglich dieses Thema. Was wir Danebenstehenden wissen müssen, wissen wir: Da ist nicht nur ein unreifer Mensch in die Stasi-Fänge geraten, sondern eine tief verletzte Seele.

Über die Verdrängungsleistung, die sich an eine solche Geschichte anschließt, kann der Hobbypsychologe lange spekulieren. Er kann über das stachelige Outfit, das die kleine Frau sich seit ihrem 18. Lebensjahr verpasst hat, mutmaßen – Kommt mir nicht zu nahe! – über den Vaterersatz, den die Stasi ihr bot, und selbstverständlich auch über das, was folgte. Kann man ihr schnelles Einpassen in die Reihen der PDS nicht auch als eine Vatersuche verstehen? Man hat sich ja immer gefragt, was das bunte Igelwesen zwischen den grau-beigen Altherren suchte. Sie zuckt die Schultern, kann schon sein. Und erzählt von einem anderen Journalisten, dessen These war, dass sie sich nach Stiefvater und Stasi von der PDS habe gebrauchen lassen.

Sie hatte einen Schnitt gemacht

Kann sein, kann nicht sein, ihre Rolle in der PDS war jedenfalls die der Jungen, Frischen, die mit den barmenden Geschichten der Alten, dass nicht alles schlecht gewesen, dass man seiner Geschichte beraubt worden sei, nicht viel anfangen konnte (dankbar hätte sie sein können, wenn jemand ihre Geschichte geraubt und nicht wieder herausgegeben hätte). Sie erlebte, wie ehemalige Spitzel aufflogen, sie verfolgte die Stasi-Debatten und wünschte sich, dass die Genossen den DDR-Dreck nicht verteidigen, sondern sich distanzieren würden, dass man das Fass zumacht und sich endlich aktuellen Themen widmet. Hat sie das alles nie auf sich bezogen, auf ihre eigene Geschichte?

Hat sie nicht, sagt sie. Sie hatte einen Schnitt gemacht. Dort das alte Leben, das sie bis zur Wende in Greifswald geführt hatte, hier das neue, Berlin, irgendwann Bonn, die Politik, Talkshows. Die kleine Angela, naiv, verängstigt, missbraucht, gab es nicht mehr, sollte es nie mehr geben. Mit der Stasi hatte ihre Mutter zu tun gehabt und ihr Stiefvater. So weit reichte die Erinnerung, das Eingeständnis. Das hatte sie sogar mal ihren Chefs von der PDS gesagt. Die ihr wohl übers Haar gestrichen hätten, wäre es nicht so toupiert gewesen. Mensch Mädchen, wen geht das was an?

Und wen geht ihre Geschichte etwas an, die vollständige? Ihr Stiefvater hat sich totgesoffen. Über ihre Mutter spricht Angela Marquardt nicht. Die Stasi-Leute gibt es noch – ob die sich schämen? Einem von ihnen ist sie vor zwei Jahren begegnet, sie haben kurz miteinander gesprochen – über linke Politik. Er hatte sich kaum verändert, und er tat so, als stünde da nichts zwischen ihnen. Sie hatte den Eindruck, er könnte meinen, sie sei eine von denen. Und brüllte ihn nicht an. Sondern traf die Entscheidung, dieses Buch zu schreiben.

Dieser Text erschien auf der Dritten Seite.

Artikel auf einer Seite lesen