Alternativlos. Warum Hofreiter trotzdem fest im Sattel sitzt

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Anton Hofreiter : Grünen-Fraktionschef mit Antrittsproblemen
Mir san mim Radl do. Als Fraktionsvorsitzender hat Anton Hofreiter Anspruch auf die Fahrbereitschaft des Bundestags. Er fährt jedoch lieber Rad.
Mir san mim Radl do. Als Fraktionsvorsitzender hat Anton Hofreiter Anspruch auf die Fahrbereitschaft des Bundestags. Er fährt...Thilo Rückeis

Trotzdem sitzt Hofreiter im Moment fest im Sattel. Zum einen, weil es gerade keine ernst zu nehmende Konkurrenz gibt. Auch wenn seinem Vorgänger Trittin gelegentlich unterstellt wird, er arbeite an einem Comeback, so ist der doch zugleich einer seiner wichtigsten Berater. Vielen jüngeren Abgeordneten gefällt außerdem der neue Führungsstil, der auf Zuhören und Integrieren und nicht auf Ansagen setzt. „Es dauert halt eine Weile, bis so ein Generationenwechsel bewältigt ist“, sagt einer, der schon lange im politischen Geschäft ist. Noch geben sie Hofreiter die Zeit, sich zu bewähren.

In internen Runden beteuert Hofreiter, dass er mit seiner Partei nicht zum vierten Mal in Folge in der Opposition landen will. Aber ist der linke Flügelmann auch tatsächlich bereit zu regieren? Zur Regierungsfähigkeit gehört schließlich auch, Kompromisse einzugehen, die hart an die Schmerzgrenze gehen. Wie weh das tun kann, hat der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann seinen Parteifreunden kürzlich in der Asylfrage gezeigt.

Es war einer der Momente, in denen Hofreiter seinen Ärger nur schwer verbergen konnte. Ausgerechnet an dem Freitag, als der Bundesrat über den Asylkompromiss entschied, hatte die Fraktion zum Freiheitskongress eingeladen. Hunderte Besucher waren ins Paul-Löbe-Haus gekommen, um mit den Grünen über Freiheit zu debattieren. Doch die Journalisten wollten an diesem Morgen nur eines von Hofreiter wissen: Was hält er davon, dass Kretschmann der Asylrechtsreform zustimmen will?

Wie alle aus der Bundesspitze hatte Hofreiter sich dafür starkgemacht, dass die grün mitregierten Länder das Kompromissangebot der Bundesregierung ablehnen, weil ihm die Zugeständnisse nicht reichten. Ohne Erfolg, Kretschmann scherte aus. Dass die Grünen in den Verhandlungen auch Verbesserungen für Flüchtlinge erreicht haben, drang nicht mehr durch, so laut waren die Verratsrufe aus den eigenen Reihen.

Ist er zur Härte fähig? Bisher musste er das nicht beweisen

Als sich die Wogen wieder etwas geglättet haben, versucht Hofreiter zu erklären, was passiert ist. Ein Ministerpräsident wie Kretschmann müsse halt manchmal anders handeln als eine Bundespartei in der Opposition, sagt er in einem Interview. Das mag stimmen. Es beantwortet aber nicht die Frage, ob Hofreiter zu der Regierungshärte fähig wäre, die Kretschmann bewiesen hat. Wäre er bereit, einen Koalitionsvertrag zu unterschreiben, wenn der Preis wäre, nur die halbe Welt retten zu können? Und wenn er sich dafür auch noch von seinen eigenen Leuten verprügeln lassen müsste, wie Kretschmann? Bisher musste er das noch nicht beweisen.

Es ist ja nicht so, dass Hofreiter in diesem vergangenen Jahr nichts erreicht hätte. Er sorgte dafür, dass die grünen Länder trotz unterschiedlicher regionaler Interessen bei der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes an einem Strang zogen. Er trug außerdem dazu bei, dass die Bundestagsfraktion nahezu geschlossen die Rentengeschenke der großen Koalition als generationenvergessen ablehnte. Nur geschah das gewissermaßen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Und wenn er Korrekturen am grünen Programm einfordert, etwa in der Steuerpolitik, passiert das ohne großes Tamtam.

In Parlamentswochen sitzt Hofreiter nun im Reichstag in der ersten Reihe, direkt neben dem CDU-Mann Volker Kauder. Mit Leuten wie Kauder fremdelt er noch, so wie auch manch einer aus dem Berliner Politikbetrieb mit ihm fremdelt. „Manche Leute, die sehr lange in der Politik sind, kommen schon irgendwie apparatschikhaft rüber. Das will ich nicht“, sagt Hofreiter. Auch was sein Auftreten angeht, will er sich nicht anpassen. Die langen blonden Haare schneidet er nicht ab, auch wenn ihm seine Mähne in den letzten Monaten manchmal mehr Aufmerksamkeit beschert hat als seine politischen Vorstöße. Er weigert sich, Krawatte zu tragen, es sei denn, er ist im Ausland auf Staatsbesuch. Und auch wenn er in seiner neuen Rolle als Fraktionschef vorsichtiger geworden ist, verwendet er immer noch gerne Kraftausdrücke.

Er zehrt von seinem Image. Doch wie lange geht das noch?

Das macht auch einen Teil seiner Glaubwürdigkeit aus. Trotz seiner Führungsrolle verkörpert er immer noch den „Toni von der Basis“. Der Linken-Abgeordnete Jan Korte gehört zu der rot-rot-grünen Parlamentarierrunde, in der Hofreiter in den letzten Jahren aktiv war, gemeinsam haben sie viele Abende in der Stammkneipe im Prenzlauer Berg verbracht. Korte lobt, dass Hofreiter nicht „die Attitüde eines Fraktionsvorsitzenden“ habe. „Wenn man ihn auf einem Sommerfest trifft, schaut er nicht, ob am Nachbartisch jemand Wichtigeres steht.“ Auch Wolfgang Rzehak findet, dass Hofreiter sich treu bleiben sollte. Der Landrat aus Miesbach kennt Hofreiter, seit sie zusammen in der Grünen Jugend in Bayern aktiv waren. „Ein Imageberater würde ihm vielleicht raten, es so wie Alexander Dobrindt zu machen: eine Nerd-Brille zulegen, perfekt geschnittene Anzüge tragen, zehn Kilo abnehmen. Aber dann wäre er nicht mehr der Toni“, sagt Rzehak.

Doch von diesem Image allein wird Hofreiter nicht auf Dauer zehren können. Seine Glaubwürdigkeit müsse er sich auch durch inhaltliche Arbeit erwerben, findet eine Parteifreundin. Innerhalb des neuen Führungsquartetts hält Hofreiter sich bislang zurück. Alleingänge, wie Grünen-Chef Özdemir sie beim Thema Waffenlieferungen zur Profilierung genutzt hat, sind nicht seine Sache. Er würde sich auch nie so weit aus dem Fenster lehnen wie Göring-Eckardt mit den Bodentruppen. Als Hofreiter am Tag nach ihrem Vorstoß ein Statement abgibt, spricht er auch davon, dass es unklug sei, wenn die Bundesregierung nicht einmal versuche, in den nächsten Monaten oder im nächsten Jahr ein UN-Mandat zu erzielen. Doch die heiklen Worte „deutsche Soldaten“ vermeidet er sorgsam. Natürlich ist Hofreiter klar, dass im Falle eines UN-Mandats auch nach dem Beitrag der Bundeswehr gefragt würde, er wäre sogar bereit, darüber zu reden. Doch den Zeitpunkt für diese Debatte sieht er noch nicht gekommen.

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagespiegels.

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