Nachwuchspflege

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Arabische Großfamilien in Berlin : Die Macht der Clans

Das Leben der meisten Katebs findet bis heute in 4,5 Quadratkilometern Nordneuköllns statt. Die Hälfte der 70 000 Bewohner dort bezieht Sozialleistungen. Fahren die Katebs im Luxusauto durch das Viertel, fragen sich die Abdullahs, Ismails, Samirs am Straßenrand, wozu sie sich in der Schule abmühen sollen. Kann ja offenbar auch so klappen.

Das hat auch Thomas Böttcher beobachtet, das Hemd weiß, die Haare grau, der Kaffee schwarz. Böttcher leitet den Polizeiabschnitt 55, Rollbergstraße, Nordneukölln, 250 Beamte. Die Türen zwischen den Gängen sind verschlossen, Sicherheitsgründe. Böttcher ist gut gelaunt und überrascht in seinem Büro mit Zitaten von Karl Marx und Pierre Bourdieu. Neukölln wandelt sich, sagt Böttcher, doch die Clans bleiben ein Problem. Einschlägig bekannte Männer suggerieren im Kiez: Die Deutschen wollen nicht, dass ihr Erfolg habt, machts besser so wie wir. Nachwuchspflege Protzen.

Ein Polizist nervt den Clan

Ein 150 000-Euro-Wagen ist da nur Mittelfeld. Im August findet in Neukölln ein Boxturnier statt. Einer jener Termine, bei dem sich die Unterwelt zeigt. Auch ein Lamborghini für 300 000 Euro steht vor der Tür. Der Wagen gehört einem Mann, der jenem Clan nahesteht, der am KaDeWe-Überfall beteiligt war und 2015 den Nebenbuhler eines Patriarchen von einem Auftragsmörder niederschießen ließ. Nach einer Razzia in Neukölln 2016 vertrieb ein Elfjähriger - vormittags - die Reporter. Schulpflicht? Papa und Mama haben andere Sorgen.

Eine Schlacht hat Polizeichef Böttcher gewonnen. Auf das Shisha-Café der Katebs, ungefähr zu jener Zeit, als 2013 ein Albaner im Streit um eine Ladung des Aufputschmittels Tilidin dort drei Männer niederschießt, erhöht ein Einsatzleiter aus Böttchers Truppe den Druck. Er fährt dauernd mit Kollegen vor das Lokal. Wildes Parken? Strafzettel. Jugendschutz missachtet? Anzeige. Blockieren des Gehwegs? Bußgeld.

Jederzeit können Routineeinsätze eskalieren

Im Clan ist man genervt. Und die Männer tun, was sie von anderen Kriminellen unterscheidet. In den Familien ist geregelte Arbeit selten, Zeit aber vorhanden. Und so warten einige Katebs vor der Wache, bis die Schicht jenes Einsatzleiters endet. Sie fahren ihm nach, sprechen andere auf den Beamten an, drohen latent - immer an der Schwelle zur Strafbarkeit. No-Go-Areas dulden wir nicht, sagt Böttcher. Er schickt noch mehr Kollegen vor das Café, lässt noch mehr kontrollierenen - allerdings, sicher ist sicher, mit einem anderen Einsatzleiter.

Das Kateb-Café ist derzeit geschlossen. Doch die Gangster, sagt Böttcher, sind nur ein Problem. Das andere ist die Stimmung drum herum. Jederzeit können Routineeinsätze eskalieren, Verkehrsunfälle, Lärmbeschwerden.

Gibt's noch Hoffnung?

Einmal fahren zwei Brüder im BMW durch Neukölln, vor ihnen ein Streifenwagen. Den 26 und 19 Jahre alten Brüdern war der zu langsam, sie überholten, bremsten den Streifenwagen aus, brüllten die Beamtin, die hinter dem Steuer hervorkam an, einer schlug ihr ins Gesicht. Im anschließenden Handgemenge wurde die Frau erneut geschlagen. Vor 50 Schaulustigen. Einige feuerten die Brüder an, sagt ein Kioskverkäufer, riefen Scheißfotze, Scheißschlampe. Jede Streifenbesetzung weiß, sagt Böttcher, sofort kann sich ein Mob sammeln - deshalb kommen immer Kollegen hinterher. Die Brüder werden festgenommen.

Gibts noch Hoffnung? Ihren Einfluss werden die Clans vorerst nicht verlieren. Für Integrationsbeauftragten Mengelkoch ist klar: „Familien- und Jugendrichter, Jugendämter, Polizei, Jobcenter, Schulen, Staatsanwälte müssen besser zusammenarbeiten. Jede Behörde arbeitet für sich, Daten werden nicht ausgetauscht, Entscheidungen verzögert.“ In einem Polizeipapier heißt es, nur ein „behördenübergreifender Bekämpfungsansatz grundsätzlicher Natur“ helfe. Das Papier ist 13 Jahre alt.

Nahe der Stadtrandvilla befindet sich ein Supermarkt. Die Kateb-Teenager, so erzählt es ein Anwohner, laden vor ein paar Monaten den Einkaufswagen voll, schieben ihn zur Kasse, brechen ohne zu zahlen durch, rollen ihn nach Hause.

Ein bisschen besser aber ist es geworden, sagt Mengelkoch, immerhin tragen einige Söhne nun Zahnspangen. Vor zehn Jahren wäre so wenig Männlichkeit in den Clans nicht akzeptiert worden.