Söhne sind nachwachsende Rohstoffe

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Arabische Großfamilien in Berlin : Die Macht der Clans

Die Innenminister der Länder, auch Noch-Senator Frank Henkel, CDU, führen eine Liste, auf der die Namen derjenigen Serientäter stehen, die man in den Libanon auszuweisen beabsichtigt. Das ist schwierig, weil viele von ihnen ja schon dort als staatenlos galten. Oder ihre Papiere vernichteten. Um arabische Großfamilien geht es auch in den Koalitionsrunden im Roten Rathaus.

Der ungehaltene Mittdreißiger aus der Neuköllner Wohnung findet sich ebenfalls auf der Liste der Innenminister. Zu ihm heißt es, Stand 2011: „Führen einer halbautomatischen Selbstladewaffe“, „schwerer Bandendiebstahl in acht Fällen“, „gewerbsmäßige Hehlerei“ - das sind nur die Taten, die ihm nachgewiesen wurden. Fünf weitere Katebs stehen auf der Liste. Auf deren Verwandtschaft wird nicht hingewiesen. Rechtlich lässt sich ein „krimineller Clan“ kaum fassen, eine Familie zu „verbieten“ ist aussichtslos, offiziell verwendet die Polizei den Begriff nicht. Außerdem ist oft unklar, wer mit wem verwandt ist, weil in den Ämtern eine einheitliche Transkription aus dem Arabischen fehlte: Etwa „Mohammed“ konnte als „Mohamed“, „Muhamed“, „Muhammed“ notiert werden.

Völlige Unterordnung im Familienprojekt

Auch die Katebs gibt es in drei Schreibweisen. Sie wohnen in Berlin an vier, fünf Orten - Sozialwohnung, gekaufter Altbau, Haus im Grünen, alles dabei. Im Milieu sind andere Familien allerdings bekannter. Von den Huren an der Kurfürstenstraße kassiert ein anderer Clan sogenannte Standgebühren. Aus dieser Familie stammt auch der Kopf des Pokerraubs 2010 am Potsdamer Platz. Zuletzt fiel ein Verwandter auf, der einen Schuldner gefoltert haben soll. Diejenigen wiederum, die kürzlich das KaDeWe überfielen, gehören zu dem Clan, in dessen Wohnung 2003 ein Polizist erschossen wurde. In einer dritten Sippe tötete ein Mann seine Schwester, die Interna ausplauderte. Und ein Angehöriger raste im Luxus-BMW einen Touristen tot.

Das Auto war - wohl für ein Entgelt - auf einen Invalidenrentner zugelassen. Das ist ein übliches Muster. Oft werden Hightech und Wohnungen auf einen unauffälligeren Cousin übertragen, gelegentlich jemanden im Ausland. So verhindern die Familien, dass der Staat allzu Wertvolles beschlagnahmt. In der Berliner SPD wollen einige über eine Bundesratsinitiative die Beweislastumkehr einführen. Verdächtige müssten dann nachweisen, dass Geld legal erwirtschaftet wurde - und nicht die Beamten, dass es aus illegalen Geschäften stammt.

"Knast macht Männer"

Die Macht der Clans resultiert aus der Bereitschaft, sich völlig dem Familienprojekt unterzuordnen. Knast? Flucht? Tod? Söhne sind nachwachsende Rohstoffe. Eine Kateb, die in einen anderen Clan einheiratete, hatte bald 15 Kinder. Ein Mitarbeiter des Neuköllner Bezirksamtes wies die Mutter einst daraufhin, dass einigen Söhnen bald Haft drohe. Na und, entgegnete sie, Knast macht Männer.

Der Mitarbeiter arbeitet heute noch im Rathaus Neukölln. Arnold Mengelkoch, höflich, Brille, unauffällig-wandfarbenes Hemd, war seit 1982 Jugendsozialarbeiter und ist seit 2007 Integrationsbeauftragter. Der vielleicht wichtigste Mitarbeiter des Bezirks sitzt in einem bescheidenen Büro - erste Etage, Spanplattenregale, Hoffenster.

Selbst mehrjährige Haftstrafen, sagt Mengelkoch, schreckten in den Clans niemanden ab. „Viele Richter führen sich die Lebensverhältnisse nicht vor Augen.“ Die Macht der Traditionen, den milieuinternen Heiratsmarkt mit Frauen aus dem Libanon. Mengelkoch, der selbst von Dealern bedroht wurde, will mehr Bildung ins Milieu bekommen. „Wir erhalten uns den sozialen Frieden derzeit durch Geld.“ Und ja, nicht wenige arabische Familien betrügen das Sozialsystem. Fiele das alles weg, könnte es brenzlig werden. Viele Einwanderer, das weiß Mengelkoch, sind nicht krimineller als alteingesessene Deutsche. In Neukölln leben tausende Polen, Vietnamesen, Italiener völlig unauffällig.

Die Katebs bleiben unter sich

Doch während zehn Prozent der Neuköllner arabische Wurzeln haben, trifft das auf 54 Prozent der jugendlichen Serientäter zu. Parallelgesellschaft heißt eben, nebeneinander wohnen und verschiedene Lebensweisen pflegen. Auch die linksliberalen Zuzügler, die Neuköllner Hipster, haben mit ihren arabischen Nachbarn nichts zu tun. Gemischte WGs, deutsch-arabische Paare fehlen.

Auch die Katebs bleiben unter sich. Viel Zeit verbringen Brüder und Cousins, seltener Schwestern und Cousinen, im familieneigenen Shisha-Café nahe der Hermannstraße. Schuldner, Dealer, Hehler kommen vorbei, Laufpublikum mit Lust auf Kaffee und Kuchen fehlt. Im Laden wird geklärt, wer welche Ware sucht. Die Katebs handeln mit Diebesgut oder bekommen eine Abgabe dafür, dass ihre Infrastruktur die Deals ermöglicht.

Ein Libanese schoss im Streit seine Pistole leer

Um die Ecke betreibt ein Verwandter einen Falafel-Imbiss. Anwälte und Anwohner berichten, dass sich die Katebs oft dort einmieten, wo andere Lokale florieren. Dann wird bei den Nachbarn eingebrochen, gepöbelt, vor die Tür uriniert. Entweder die Lokale zahlen Schutzgeld - oder sie geben auf und die Katebs übernehmen die Gäste

Besonders unangenehm wird es, wenn sich Clans streiten. Das führt zu jenen Polizeimeldungen, in denen von „Massenschlägereien“, „Messern“, „Schusswaffen“ die Rede ist. Auslöser können Geschäfte, Blicke - oder der Syrienkrieg sein. Ein Libanese schoss 2012 in der Sonnenallee im Streit über Schiiten und Sunniten seine Pistole leer. Danach, sagt ein Beamter, flog ein Neuköllner nach Beirut, um die Fehde über einflussreiche Verwandte regeln zu lassen. Auch in Berlin vermitteln Gesandte zwischen Familien, manchmal sind es Imame.

Diese fremde Welt war zuletzt Thema im Bremer „Tatort“ - dort hat übrigens in der Realität ein einziger Clan das Sagen. Im Frühjahr 2017 kommt eine sechsteilige Serie aus Berlin ins Fernsehen. An Originalschauplätzen gedreht, so muss man es wohl sagen, nähert sich „4 Blocks“ den Neuköllner Clans.

Viele der Katebs beziehen Transferleistungen

Auch ein Kateb wird mal erwachsen. Und mit steigendem Alter wird Geld nicht vorrangig für Autos, Kokain, Anwälte ausgegeben. Ein Kateb-Zweig ist in ein Haus an der Stadtgrenze gezogen. Es wurde von einem Angehörigen, der zuvor Hartz IV bezog, gekauft. An jenem Oktobertag spazieren weißhaarige Damen mit winzigen Handtaschen vorbei. Runtergelassene Rollläden, Kinderschuhe vor der Tür, Stühle im Garten. Klingeln. Nichts.

Wie siehts denn nun drinnen aus?

Sauber ist es, sagt ein Grundschullehrer, und auf den Kommoden stehen kitschige Figuren. Der Lehrer unterrichtet vor einem Jahr einen der Kateb-Söhne und besucht dessen Familie in Nordneukölln. Der Junge, sagt der Lehrer, dominiert damals die Klasse. „Isch fick deine Schwester!“ So was. Schreiben kann der Zögling das weder auf Deutsch noch Arabisch, Lernschwäche. Erst sind die Eltern nett, sagt der Lehrer. Als er Hausbesuche ankündigt, wird es ernst. Die Familie verschiebt Termine, meldet das Kind bei Verwandten in Schöneberg an. Bevor sie sich doch einigen, nennt der Vater den Lehrer „armen Mann“ - obwohl der 4400 Euro Monatsbrutto verdient.

Viele Katebs beziehen Transferleistungen, je nach Laune des Vaters gehen aber monatlich 200 bis 400 Euro Taschengeld an den Sprössling. Der wedelt auf dem Schulhof tatsächlich mit Scheinen, um anderen zu zeigen, was für Verlierer sie sind. Und obwohl die Familie einen „Berlin-Pass“ hat, also für Bus und Bahnen weniger zahlt, bringt Papa den Kleinen zur Schule. Im 150 000-Euro-Wagen.

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