"Das Hungern ist der schlimmste Tod. Man stirbt jeden Tag ein Stückchen"

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Auschwitz-Überlebender : Natan Grossmann stellt sich 70 Jahre später der Erinnerung

Schon 1940 müssen alle Juden Zgierz verlassen. Das Schtetl gibt es nicht mehr. Die Grossmanns ziehen zu einer Tante nach Lodz. Wenig später wird dort ein Ghetto für die Juden errichtet. Natan bekommt Arbeit in einer Schmiede. Das ist sein Glück: Dort ist es im Winter warm, und es gibt eine Suppe zusätzlich wegen der harten Arbeit. 200 000 Juden sind damals im Ghetto von Lodz eingesperrt. Das Kriegsende erleben nur zwischen 7000 und 10 000.

Der Alltag ist geprägt von Hunger und Krankheiten. Immer wieder werden Juden in die Vernichtungslager deportiert. Im März 1942 verschwindet Natans großer Bruder. Erst kürzlich hat Natan herausgefunden, dass er im Vernichtungslager Chelmno in einem Lastwagen vergast wurde. Der Vater stirbt wenige Monate später im Roten Haus von Lodz, dem Sitz der Kriminalpolizei. „Die haben systematisch Menschen geholt und gefoltert, sie wollten von ihnen das Gold und die Diamanten haben.“ Damals habe man geglaubt, alle Juden seien reich. „Mein Vater hat seinen Ring gehabt, das war sein ganzes Gold. Er war ja ein armer Schuster.“ Avram Grossmann wird totgeschlagen und in ein Massengrab gelegt. „Die Mutter ist zu mir gekommen und hat gesagt: Du hast kejn tatn (keinen Vater) mehr.“ Er konnte für seinen Vater nicht einmal das Kaddisch, das jüdische Totengebet, sagen.

Das Essen reicht nicht für zwei

Natan bleibt mit seiner Mutter allein. Doch das Essen, das sie haben, reicht nicht für zwei, das muss die Mutter gemerkt haben, glaubt Natan heute. „Sie hat von ihrem Essen noch mir etwas gegeben. Ich habe das nicht gewusst, ich war ein Kind.“ Am 16. September 1942 stirbt Bluma Grossmann, sie ist verhungert. „Nur du bist mir schade“ (nur um dich tut es mir leid), sind ihre letzten Worte an Natan. Als er das erzählt, mehr als 72 Jahre später, bricht seine Stimme. Er setzt die Brille ab, wischt sich schnell die Tränen aus den Augen. Und redet weiter.

„In Lodz haben sie uns nicht erschossen, sie haben uns nicht vergast. Sie haben uns sterben lassen vor Hunger. Wenn man jemanden erschießt, dauert es nicht lange, dann ist er tot. Viele Menschen wünschen sich einen schnellen Tod. Aber das Hungern ist der schlimmste Tod. Man stirbt jeden Tag ein Stückchen. Das Schlimmste, was kann nur sein.“

Plötzlich ist Natan mit 14 oder 15 Jahren ganz allein. Er schläft nun in einem Keller. Im Winter wird es entsetzlich kalt, er zieht sich Erfrierungen zu, deren Folgen ihn bis heute plagen. Später wohnt er bei einem Bekannten, der den Widerstand im Ghetto organisiert. In der Schmiede fertigen sie Brechstangen für die deutsche Wehrmacht – und aus den Reststücken schmiedet Natan heimlich Waffen, Bajonette. Anders als im Warschauer Ghetto gab es in Lodz jedoch keinen Aufstand.

Eines Tages im August 1944 kommt der Leiter des Ghettos und sagt: „Ihr werdet jetzt ins (Deutsche) Reich geschickt. Dort wird es euch gut gehen. Nehmt alles mit, was ihr habt.“ Natan und die anderen Juden, die für diesen Transport bestimmt sind, schöpfen Hoffnung. Sie versammeln sich am Bahnhof Radegast in Lodz. Doch der Zug fährt nicht nach Westen. Er fährt nach Auschwitz-Birkenau.

Im August 1944 verlassen 67 000 Männer, Frauen und Kinder das Ghetto Lodz Richtung Auschwitz. 45 000 Menschen werden in den Gaskammern ermordet.

Von der Baracke waren die Krematorien nicht weit

Der Zug kommt auf der Rampe in Auschwitz-Birkenau an, Natan Grossmann sieht Häftlinge in gestreifter Kleidung. Ihre Aufgabe ist es, sich um das Gepäck derer zu kümmern, die in den Tod geschickt werden. Aber das begreift Natan erst viel später. SS-Leute entscheiden, wer sterben und wer als Arbeitssklave noch etwas weiterleben soll. Natan Grossmann, der Schmied, ist kräftiger als viele andere. „Dann hat mich diese Gruppe um den Dr. Mengele geschickt zur Arbeit.“ Er und die anderen müssen ihre Kleidung abgeben – „die haben doch gedacht, wir hätten da Gold und Diamanten eingenäht“ –, sie werden kahl geschoren und erhalten Häftlingskleidung. Eine Nummer wird ihnen nicht eintätowiert, weil sie bald zur Zwangsarbeit weggebracht werden sollen.

Eigentlich könne er nicht viel über Auschwitz erzählen, hat Natan Grossmann vor der Begegnung fast entschuldigend am Telefon gesagt. Er sei doch nur drei oder vier Wochen dort gewesen. Tatsächlich wird er wortkarg, wenn es um die Gaskammern geht. Doch von seiner Baracke im ehemaligen „Zigeunerlager“ waren die Krematorien nicht weit.

Jeden Tag bekommen die Häftlinge Schläge von den Wachleuten. „Sie sind reingekommen und haben zugeschlagen. Die, die groß waren, haben die Schläge bekommen. Ich war ja klein. Ich wusste schon, wie ich mich verstecken musste.“

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