Berlin-Alexanderplatz : Am Alex wird's friedlicher - geprügelt wird woanders

„Es hat sich rumgesprochen, dass wir da sind“, sagt Hauptkommissar Fröhlich. Seit seine Truppe am Berliner Alexanderplatz ermittelt, wird dort weniger geschlagen, getreten, zugestochen. Das passiert woanders.

Die neue Alex-Wache an der Weltzeituhr allein hält Unruhestifter nicht ab. Darum wurde die "Ermittlergruppe Alex" eingesetzt.
Die neue Alex-Wache an der Weltzeituhr allein hält Unruhestifter nicht ab. Darum wurde die "Ermittlergruppe Alex" eingesetzt.Foto: Paul Zinken/Picture Alliance/dpa

Alle zwei, drei Minuten kommen Kolleginnen und Kollegen durch die Tür, fragen nach der Vorladung eines Verdächtigen, reden über Akten für den Staatsanwalt, beginnen, einen Einsatz zu planen, einen anderen auszuwerten. Es geht um die Straftaten junger Männer – und fast immer um einen mehr als fünf Kilometer östlich von diesem Büro gelegenen Ort. Berlin-Mitte, Alexanderplatz.

Kriminalhauptkommissar Jörg Fröhlich – Glatze, T-Shirt, Turnschuhe – sitzt am Schreibtisch und beantwortet die Fragen seiner Kollegen freundlich und knapp. Gießt sich aus der Thermoskanne noch einen Kaffee ein. Bisschen bitter, aber hält wach. Dass er regelmäßig Sport macht, sieht man Fröhlich an.

Vielleicht kennt niemand jenen, einen einstündigen Fußmarsch von diesem Schreibtisch in einem Moabiter Polizeirevier entfernten Platz in der Mitte Berlins so gut wie dieser Mann. Obwohl Jörg Fröhlich, 37 Jahre alt, selbst nur noch ab und zu dort vorbeischaut, ist er in den vergangenen Monaten zum Alexanderplatzversteher geworden. Zum Sozialkartografen des bekanntesten Platzes der Hauptstadt.

Weil es so einen brauchte.

800 Gewalttaten im Jahr

Der Alexanderplatz – formal ist das bloß der Raum zwischen Kaufhof-Kaufhaus und Weltzeituhr – und das namenlose, benachbarte Areal, auf dem Fernsehturm und Neptunbrunnen stehen: Das sind 0,3 Quadratkilometer Urbanität. Am S-, U- und Regionalbahnhof, an den Straßenbahn- und Bushaltestellen steigen 350 000 Menschen täglich aus, ein oder um. Zehntausende Touristen flanieren sommertags vorbei. Am Fuß des Fernsehturms stehen jeden Tag 4000 Besucher an, 40 000 Menschen gehen täglich zum Kaufhof. In den Häusern am Alex wohnen 10 000 Berliner. So gesehen, sagt Fröhlich, also relativ betrachtet, auf die Massen umgerechnet, sei die Lage gar nicht so schlimm.

Doch ihm liegt die andere Sichtweise näher. Er kennt all die Fälle, die dazu führten, dass der Alex sogar bundesweit Gesprächsthema wurde. Das fing 2012 an, als ein Mann aus Wedding hier den 20-jährigen Jonny K. totprügelte. 2013 erschoss ein Beamter einen Mann, der ein Messer trug, 2014 erstach ein Heranwachsender einen Diskobesucher, 2015 attackierten zwei Libanesen zwei Mongolen wegen deren asiatischen Aussehens in der U-Bahn. Von einem der dann fast schon gewöhnlichen Angriffe 2016 gibt es ein Handyvideo: Ein arabischer Jugendlicher sticht auf der Wiese vor dem Roten Rathaus einen Pakistani und einen Afghanen nieder. Am Fernsehturm schlug 2017 ein Mann eine lesbische Frau womöglich mit einem Schlagring ins Gesicht. In jenem Jahr registrierte die Polizei am Alex fast 800 Gewalttaten, allein im Bahnhof waren es 200 – „die gefährlichste Station der Stadt“, titelten Zeitungen.

Weil diese Wirklichkeit und der Ruf des Alex’ über Berlin hinaus keine guten sind, geriet der Senat unter Druck. Innensenator Andreas Geisel weiß, dass die rot-rot-grüne Regierungskoalition auch daran gemessen wird, ob sie diesen Platz in den Griff bekommt.

Unruhestifter meiden den Platz zunehmend

Im Abgeordnetenhaus verkündete der SPD-Politiker kürzlich, dass die Zahl der Gewalttaten am Alex abnehme. Verglichen mit dem Vorjahreszeitraum ist etwa die Zahl der Körperverletzungen in den ersten fünf Monaten von fast 280 auf 220 gesunken. Das ist auch der Verdienst von Ermittler Fröhlich.

Im Herbst des vergangenen Jahres ließ Senator Geisel in einem Glas-Stahl-Kasten an der Weltzeituhr eine Polizeiwache eröffnen. Die sieht aus wie ein geputztes Aquarium, ist jedoch ein 70 Quadratmeter großer High-Tech-Bunker mit hochauflösenden Kamera-Monitoren und schusssicheren Scheiben, 24 Stunden am Tag besetzt. Der Senator eröffnete in der vergangenen Woche auch an anderen Orten ähnliche Wachen, allerdings mobile: große Einsatzfahrzeuge statt Bunker.

Weil zu ahnen war, dass sich die jungen Schläger, die aus der ganzen Stadt zum Alexanderplatz kommen, von einer Polizeiwache allein nicht abschrecken lassen, wurde die „Ermittlungsgruppe Alex“ gegründet, die EG Alex. Jörg Fröhlich ist ihr Chef, vorher hat er im Intensivtäterkommissariat gearbeitet. Er sagt: „Es hat sich rumgesprochen, dass wir da sind.“ Unruhestifter mieden den Platz zunehmend. Doch wer sind die Unruhestifter überhaupt – und: Wo sind sie hin?

„Der Alex ist beliebt, weil er aus allen Richtungen schnell erreichbar ist“, sagt Fröhlich. „Wir treffen dort Jugendliche, die in Steglitz oder Hohenschönhausen leben.“ In einem Polizeipapier von 2017 steht, am Alexanderplatz registriere man „bei der Täterklientel eine gesteigerte Gewaltbereitschaft unter Inkaufnahme von schwersten Gefährdungen und körperlichen Schäden Dritter“. Das habe auch damit zu tun, dass die meist jungen Männer, von denen viele ohne Eltern nach Berlin gekommen sind, oft betrunken seien. Die Täter stammen häufig aus Afghanistan, Syrien, Irak und Pakistan.

Fünf Intensivtäter wurden festgenommen

Auch die Asylsuchenden, die Heiligabend 2016 Feuer an einen schlafenden Obdachlosen im fünf Stationen entfernten U-Bahnhof Schönleinstraße legten, haben sich am Alexanderplatz zum Trinken getroffen. Zwei von ihnen stehen erneut vor Gericht, weil sie 2017 mit einem Messer einen Mann bedroht haben sollen – am Alex.

Zur EG Alex gehören 14 Männer und Frauen. Bis zu 150 Heranwachsende haben sie im Blick, alle von denen sind am Platz aufgefallen. Der harte Kern, der schwerer Taten verdächtigt wird, besteht aus ungefähr 25 jungen Männern. Vor einigen Wochen hat Fröhlichs Ermittlungsgruppe fünf von ihnen festgenommen. Sie kommen aus Afghanistan und Syrien und sitzen nun in Untersuchungshaft. Allein das habe die Lage am Alexanderplatz entspannt, sagt Fröhlich: „Es sind oft wenige Wortführer, die andere anstiften. Und an diesen Wortführern sind wir dran.“

Wie sieht das aus? Sechs Beamte – sie sprechen Deutsch, Türkisch, Kurdisch, Arabisch, Englisch – sind in Zivil am Alexanderplatz unterwegs. Auf Treppen, in Eingängen, auf den ober- und unterirdischen Bahnsteigen, an den Straßenbahn- und Busstationen, in Imbissen, Kiosken, Cafés. Sie ziehen über die Wiesen, wenn es sein muss durch die Büsche, kennen die Ecken an der Marienkirche, am Fernsehturm. Manchmal rennen sie den Cliquen in die Bahnen hinterher, besuchen sie dort, wo sie wohnen. Immer wieder gehen die Fahnder direkt auf die Verdächtigen zu, geben ihnen die Hand. Die Männer sollen sich beobachtet fühlen.

In der Wache in Moabit wiederum – dem Haus sieht man die Sparpolitik an, die Wände fahlgelb, das Faxgerät klobig – sitzen sechs Beamte, dazu Fröhlich und der Vize-Chef der Truppe, und werten die Berichte aus. Alles ist dann interessant: die Spitznamen der Verdächtigen und ihre Alias-Identitäten. Ihre Sprachen, beliebte Getränke – verbreitet ist Wodka – Frömmigkeit hin oder her –, dazu andere Rauschmittel, oft ist es die billige Labordroge „Bonzai“.

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