Was Berlin an den Touristen verdient

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Berlin: Ferienwohnungsverbot : Wenn das Heim weh tut

Ähnlich argumentiert auch das Onlineportal Airbnb. In ihrer Deutschlandzentrale in Mitte haben sie neulich ein Brainstorming zur Hauptstadt gemacht. Was dabei herausgekommen ist, steht auf einer Tafel, die an der Wand lehnt: Hipster, Altbau, arm, aber sexy. Derzeit werden über Airbnb 10 000 Ferienunterkünfte in Berlin angeboten, bei den meisten, sagt Deutschlandchefin Karolina Schmidt, handle es sich aber um Zimmer in Privatwohnungen. Sie sind vom Verbot ausgenommen – es sei denn ihre Fläche macht mehr als 50 Prozent der gesamten Wohnung aus. Und dann verweist Schmidt noch auf eine Studie, die Airbnb veröffentlicht hat. Ihr zufolge haben die Airbnb-Touristen im Laufe eines Jahres 100 Millionen Euro in die Stadt gebracht – Geld, das in zentrumsfernen Gegenden landete, weil eben auch dort viele Unterkünfte sind, Geld, das Berliner benutzen konnten. Viele könnten ihre Miete nur noch zahlen, weil sie sich durch Airbnb etwas dazu verdienen könnten.

Muss Berlin dankbar sein?

Das klingt so, als müssten die Hauptstädter dankbar sein, doch seitdem die Berliner Mietergemeinschaft 2011 dazu aufgerufen hat, Probleme mit Ferienwohnungen zu melden, sind etliche Beschwerden eingegangen. Sie berichten über gestiegene Heizkosten und Einbrüche. In einer der letzten Nachrichten schrieb eine Frau aus der Sonnenburger Straße in Prenzlauer Berg, dass fast 80 Prozent ihres Hauses an Touristen vermietet seien. Auf Nachfrage sagt sie, eine oder zwei Ferienwohnungen würden sie nicht stören. Aber so viele? Sei das nicht auch ein Betrug an den Touristen, die auf der Suche nach einem Lebensgefühl seien, einen Kiez kennenlernen wollten und sich dann unter ihresgleichen wiederfänden?

Nicht weit von der Sonnenburger Straße, in der Prenzlauer Allee 220 gab es bis vor kurzem auch ein Dutzend Ferienwohnungen. Der Bezirk ging dagegen auf Grundlage des Baurechts vor, das Verwaltungsgericht gab ihm recht: Die Ferienwohnungen widersprächen dem Gebot der Rücksichtnahme. Pankows Stadtentwicklungs-Stadtrat Jens-Holger Kirchner sagt, er sei ein bisschen stolz auf diese Pionierleistung. Der Fall zeige aber auch, wie kompliziert es werde, das Zweckentfremdungsverbot durchzusetzen. Im Zweifel müsste alles vor Gericht ausgefochten werden, und da würden dann Handtücher und Bettbezüge gezählt, weil man ja nachweisen müsse, dass eine Ferienwohnung auch wirklich eine Ferienwohnung sei. Inzwischen ist der Fall vor dem Oberverwaltungsgericht. Bis die Wohnungen im Haus regulär vermietet werden können, wird also noch einige Zeit vergehen.

Bis 2016 herrscht ein Moratorium

Auch durch das Zweckentfremdungsverbot wird sich so schnell nichts ändern, da bis Mai 2016 ein Moratorium herrscht. Binnen dieser Zeit können diejenigen, die ihre Ferienwohnung weiter betreiben wollen, Anträge stellen. Genehmigt würden sie nur in Ausnahmefällen, sagt die Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung – was genau darunter zu verstehen ist, müssten die Bezirke entscheiden.

Manche Eigentümer, die besonders trickreich sein wollen, haben ihren Antrag bereits gestellt. Sie spekulieren darauf, dass die Ämter noch nicht genug Personal haben, um die 14-Wochen-Frist einzuhalten. Laut Gesetz muss jeder Antrag innerhalb dieser Zeit beantwortet sein, sonst gilt er als genehmigt. Allerdings greift diese Frist erst nach Ablauf der zwei Jahre, und bis dahin werden die Bezirke sich so aufgestellt haben, dass sie auch alle Gesuche bearbeiten können.

Sie zeigte die Nachbarn an

Maren Finke hat einen anderen Weg gewählt. Sie schickte in einer schlaflosen Nacht ihrer Hausverwaltung eine E-Mail mit einem Verweis auf das Wohnungsinserat, weil sie davon ausging, dass ihre Nachbarn bestimmt keine Erlaubnis zur Untervermietung hätten. Seitdem ist es nebenan still geworden. Ein bisschen, sagt Finke, habe sie sich wie ein Schwein gefühlt, jemanden so zu verpfeifen. Trotzdem freut sie sich darauf, dass sie vielleicht schon diesen Sommer richtige Nachbarn haben wird. Von denen sie sich mal Eier leihen kann und die sie, wenn sie ihnen auf der Treppe begegnet, ganz normale Sachen fragen kann – zum Beispiel wie es im Urlaub war.

Der Text erschien auf der Dritten Seite.

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