Bei Kindesmissbrauch gilt die Zwei-Zeugen-Regel

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Berliner Aussteiger : Warum ein junger Vater die Zeugen Jehovas verließ
Ausgaben der Publikationen "Wachtturm" und "Erwachet".
Ausgaben der Publikationen "Wachtturm" und "Erwachet".Arne Dedert/dpa

Der erste Sohn kommt 2011 zur Welt, der zweite 2013. Wolschke ist inzwischen zum Dienstamtgehilfen aufgestiegen, ein Rang unter dem Ältesten. Aber jetzt als junger Vater hat er Mühe, seinen Missionsdienst zu erfüllen. Mehrfach bitten ihn Älteste zum Gespräch, ermahnen ihn. Falls er sich nicht bessere, müssten sie ihm sein Amt wegnehmen. „Ich habe vor ihnen geweint“, sagt Wolschke. „Der Entzug wäre ein furchtbarer Gesichtsverlust gewesen.“ Also beginnt er, mehr Stunden in seinem Bericht zu notieren, als er tatsächlich missioniert. Er denkt sich: Wenn ich irgendwann wieder mehr Zeit habe, werde ich zusätzliche Stunden leisten und die dann als Ausgleich nicht angeben. Jehova wird das verstehen.

Wolschke bekommt auch Zweifel, ob er die Regeln, nach denen er aufgewachsen ist, seinen Kindern zumuten will. Was soll er tun, sollte einer seiner Söhne mal eine Bluttransfusion benötigen? Zeugen Jehovas lehnen diese ab, begründen es mit Bibelstellen. Immer wieder sind deswegen Menschen ums Leben gekommen. Eine „Wachtturm“-Ausgabe erzählt die Biografien von Heranwachsenden, die starben, weil sie keine Transfusion erhielten. Die Ausgabe heißt: „Jugendliche, die Gott den Vorrang geben“.

Wolschke denkt auch: Was passiert, sollte sich eines meiner Kinder taufen lassen, dann aber aussteigen? Er kann sich nicht vorstellen, dass er zum radikalen Kontaktabbruch, zur „Liebevollen Vorkehrung“, imstande wäre.

Anfang dieses Jahres öffnet er sich seiner Frau. Sie will es nicht hören, sie weiß, was passieren muss, sollte Oliver die Zeugen verlassen. Sie sagt: Damit würdest du unsere Familie zerstören. Nach ein paar Tagen sprechen sie doch. Tauschen Zweifel aus. Und beginnen, im Internet zu suchen. Auf Seiten von Aussteigern finden sie Berichte über interne Richtlinien, von denen sie selbst bis dahin nichts wussten. Oliver Wolschke glaubt, in diesen Tagen habe er es irgendwie geschafft, seine Firewall auszuschalten.

Eine fürchterliche Entdeckung

„Für andere Menschen gibt es sicher andere Gründe, aus dieser Organisation auszusteigen“, sagt Wolschke. Er selbst fand es am schlimmsten zu erfahren, wie in seiner Religionsgemeinschaft mit Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch umgegangen wird. Dass es diese auch unter Zeugen Jehovas gibt, war ihm klar - nur die Regeln nicht: Bei Zeugen ist es gängige Praxis, Fälle von Kindesmissbrauch nicht den Behörden zu melden. Stattdessen wird im kleinen Kreis unter Ältesten darüber beraten. Und es gilt die Zwei-Zeugen-Regel. Das bedeutet: Außer dem Kind muss mindestens eine weitere Person bestätigen, dass sich der Missbrauch ereignet hat.

Die Zeugen begründen das mit einem Vers bei Matthäus. Kann also außer dem Opfer selbst niemand den Missbrauch bezeugen und streitet der Beschuldigte die Tat ab, wird nichts gegen den mutmaßlichen Täter unternommen. Oder wie es im Buch „Hütet die Herde Gottes“, einer unter Verschluss gehaltenen Handlungsanweisung für die Ältesten, heißt: „die Angelegenheit wird Jehova überlassen“.

Was aber, wenn das Opfer eines Missbrauchs von sich aus auf die Idee kommt, den Täter bei der Polizei anzuzeigen? Im Buch für die Ältesten steht: „Auf Anfrage sollte man deutlich sagen, dass es jedem selbst überlassen ist, die Angelegenheit anzuzeigen oder nicht “ Auf Anfrage.

In einer „Wachtturm“-Ausgabe findet Wolschke außerdem den Rat, wie Älteste reagieren sollen, wenn ein Erwachsener einen früheren Missbrauch anzeigen will: Demjenigen soll empfohlen werden, zunächst mit dem mutmaßlichen Täter zu sprechen. „Auf diese Weise kann sich der Angeklagte vor Jehova zu der Beschuldigung äußern.“ Und dann noch: „Es könnte auch sein, dass der Beschuldigte gesteht und es zu einer Aussöhnung kommt. Welch ein Segen das doch wäre!“

Aus Australien, wo sich Zeugen Jehovas an dasselbe Regelwerk wie überall halten, gibt es Zahlen. Eine staatliche Kommission untersuchte dort den Umgang mit Kindesmissbrauch in verschiedenen Organisationen, unter anderem bei den Zeugen Jehovas. In ihrem Abschlussbericht nannte sie vier Zahlen: Zwischen 1950 und 2014 wurden mindestens 1800 Kinder mutmaßlich missbraucht, es gab 1006 mutmaßliche Täter. 579 von ihnen haben ihre Verbrechen im internen Rechtskomitee der Zeugen Jehovas gestanden. Und keiner wurde anschließend den Behörden gemeldet.

Wolschke und seine Frau sind fassungslos, als sie von diesen Zahlen erfahren. Und es ist ihnen klar, dass sie die Organisation verlassen müssen.

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