Islam-Hass und Verschwörungstheorien

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Berliner Rechtspopulisten in Marzahn-Hellersdorf : Herr Keßler und seine Freunde von der AfD
AfD-Plakate in Marzahn-Hellersdorf. Die Partei ist in alle zwölf Berliner Bezirksverordnetenversammlungen eingezogen – und ins Landesparlament.
AfD-Plakate in Marzahn-Hellersdorf. Die Partei ist in alle zwölf Berliner Bezirksverordnetenversammlungen eingezogen – und ins...AFP

Das Knifflige an Schafspelzen ist ja, dass man nie sagen kann, ob wirklich ein Wolf druntersteckt. Am Ende kann es sich eben tatsächlich bloß um ein Schaf handeln.

Dass Rolf Keßler ein vernünftiger Mensch ist, sagt auch Martin Krisp. Er hat den Bezirksverband Marzahn-Hellersdorf mitaufgebaut, war erster Vorsitzender. 2015 verließ er die Partei, weil sie ihm zu rechts wurde, folgte Bernd Lucke zur Neugründung „Alfa“. In deren Geschäftsstelle sitzt er jetzt und sagt, die Berliner AfD und ganz besonders die Sektion Marzahn-Hellersdorf seien lange gemäßigt gewesen, wirtschaftsliberal halt. Nationalistische Töne habe es nur aus Steglitz-Zehlendorf gegeben.

Der Schock kam mit dem Bundesparteitag in Essen, im Juli 2015. Als der rechte Flügel Lucke die Macht entriss, als Gemäßigte bepöbelt und bedroht wurden. Als fremdenfeindliche Parolen durch die Halle schallten. Martin Krisp sagt: „Da wusste ich, dass wir verloren hatten.“ Fünf von sieben Vorstandsmitglieder des Bezirks seien ausgetreten. Dafür seien andere in die Partei nachgerückt, die sich Rechtsauslegern wie dem Thüringer Björn Höcke verbunden fühlten.

Ein Aussteiger warnt vor "üblem Islamhasser"

Legt man Krisp eine Liste mit den Namen der AfDler vor, die es nun neben Keßler in die BVV geschafft haben, schüttelt der den Kopf. Und legt los: Der eine sei ein „übler Islamhasser“, der andere könne sich nicht entscheiden, ob er „Rechtsaußen oder Kommunist“ sei. Ein Dritter versuche fehlende Kompetenz durch Gepoltere zu verstecken, ein Vierter habe einen beschränkten Intellekt: „Ganz ehrlich: Der ist dumm wie drei Brote.“

Vermutlich schwingt in Krisps Urteil Groll mit. Vielleicht auch Ärger darüber, dass seine neue Partei Alfa nur 0,4 Prozent erhielt. Aber je mehr man sich mit den Menschen auf dieser Liste beschäftigt, desto mehr möchte man dem Abtrünnigen recht geben.

Da ist zum Beispiel Bernd Lau. Tischler aus Mahlsdorf. Er gilt als einer der erfahrensten und aktivsten Mitglieder der neuen Fraktion. Es gibt Dokumente, in denen Lau den Islam als Ideologie beschreibt, „welche sich einem Krebsgeschwür ähnlich ausbreitend die Weltherrschaft anstrebt“. Fester Bestandteil des Islams sei „die Unterwerfung und Ermordung Andersgläubiger“. Wohlgemerkt: Er spricht hier nicht über Terrorgruppen wie "IS" oder Al-Qaida, sondern pauschal über den Islam als Ganzen. Den Koran nennt er ein „hasserfülltes Machwerk“, das sich möglicherweise zu verbrennen lohne. Bernd Lau ist bei Pegida in Dresden und beim Berliner Ableger Bärgida mitgelaufen. Er behauptet, er habe dort keine Nazis gesehen. Ein Treffen sagt Lau erst zu, nach Rücksprache mit Parteifreunden wieder ab.

Mit rechter Vergangenheit

Bevor sich Bernd Lau der AfD anschloss, war er Mitglied der rechten Kleinpartei „Die Freiheit“, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Als im Oktober 2013 Flüchtlinge am Brandenburger Tor campierten, ging er hin und hielt ein Schild mit der Aufschrift „Asylanten? Erpresser“ hoch. Er schlug auch vor, die regierenden Politiker des Landes vor Gericht zu stellen, Arbeitstitel: „Nürnberg 2.0“. Mögliche Anklagepunkte seien „Erlassen von Gesetzen zum Nachteil der Deutschen, Bevölkerungsaustausch durch ungebremste Zuwanderung, Vernichtung unserer Kultur und Sprache und letztlich Preisgabe unseres Territoriums.“ Lau weiter: „Diese Politikerbande, die unserem Volk so etwas angetan hat, kann ruhig erfahren, was ihnen blüht.“

Konfrontiert man seinen Fraktionschef Rolf Keßler mit all diesen Ausfällen, sagt der nur: „Dazu möchte ich mich nicht äußern.“

Oder Bernd Pachal, der am Dienstag zu Keßlers Stellvertreter gewählt wurde. Pachal interessiert sich für Geschichte und Geschichten. Er glaubt zum Beispiel, die USA stehe heimlich hinter der Terrormiliz „Islamischer Staat“. Er glaubt, die zwölf Sterne auf der Flagge der Europäischen Union symbolisierten die „zwölf Stämme Israels“. Außerdem empfiehlt Pachal die Lektüre des Buchs „Der Streit um Zion“ des britischen Holocaustleugners Douglas Reed. In dem wimmelt es von antisemitischen Theorien. So wird etwa behauptet, Hitler sei ein Agent des Zionismus gewesen, habe also im Auftrag von Juden gehandelt.

Auch für den Beginn des Zweiten Weltkriegs hat Bernd Pachal eine eigenwillige Erklärung. Er glaubt, Nazi-Deutschland sei, ähnlich dem Beginn einer Schulhofschlägerei, von anderen Mächten provoziert worden. Zitat Pachal: „Zuerst wird ein Kleiner vorgeschickt, der stänkert. 1939 war es Polen.“

Konfrontiert man seinen Fraktionschef Rolf Keßler mit all diesen Ausfällen, sagt der: Das müsse er prüfen.