"Bornholmer Straße" in der ARD : Charly Hübner öffnet die Mauer

Den entscheidenden Satz von Günter Schabowski bekam er nicht mit, da war er betrunken. Jetzt ging er mit dem Ex-Grenzer Harald Jäger spazieren, um sein Wesen zu verstehen. Charly Hübner spielt den Mann, der am 9. November 1989 den Grenzübergang an der Bornholmer Straße öffnete. Ein Porträt.

Charly Hübner war fast 17 als die Grenze fiel, die er heute Abend in dem ARD-Film „Bornholmer Straße“ öffnet.
Charly Hübner war fast 17 als die Grenze fiel, die er heute Abend in dem ARD-Film „Bornholmer Straße“ öffnet.dpa/Jens Wolf

Um die Grenze zwischen sich und diesem Bukow zu überwinden, braucht Charly Hübner zwei Handschuhe und einen Sandsack. Manchmal auch nur die bloßen Fäuste, „Schattenboxen“, sagt er, „das fokussiert auch. Halbe Stunde vor jedem Drehtag.“ Halbe Stunde ausweichen und zulangen, dann ist er drin in diesem Bullen, im Bullenhaften dieses Fernsehkommissars. Dann ist der Kopf gesenkt, und die Schultern hängen nach vorne und der Bauch auch, die Augen suchen Gesichter und Räume nach den Vorboten eines Angriffs ab, oder dem, was dieser Bukow dafür hält. Er ist immer bereit zum Losstürmen.

So wie jetzt, mitten an einem „Polizeiruf 110“-Drehtag Ende Oktober. Bukow lehnt an der Wand, Schultern vor, der Blick jagt durchs Zimmer und fängt aber doch bloß eine Pressekonferenz ein. Verbrechen sind geschehen, und die Rostocker „Polizeiruf“-Polizei gibt ein bisschen Auskunft. „Weitere Angaben können wir aus ermittlungstaktischen Gründen nicht machen“, sagt Bukows Vorgesetzter gerade, zum vierten Mal. Komparsenjournalisten fotografieren ihn dabei mit Blitzlichtkameras. „Das betrifft insbesondere die beiden Todesfälle.“

„Todesfälle“ ist das Stichwort für eine Polizistenkollegin Bukows, sie verlässt an dieser Stelle den Raum, er soll ihr laut Drehbuch nachsetzen. Hübner-Bukow tut’s, auch zum vierten Mal nun schon. Vorhin ist er dabei fast gegen einen im Weg stehenden Tisch gelaufen, der schon gar nicht mehr im Kamerabild war, jetzt rempelt er beinahe eines der vielen Kabel aus seiner Buchse. Auch das ist schon längst nicht mehr im Bild.

Wer jeden Drehtagmorgen eine halbe Stunde boxt, um in seine Rolle zu finden, kommt unmöglich wieder aus ihr hinaus, bloß weil einen die Kamera gerade nicht mehr sieht. Das dauert dann doch zumindest ein paar Sekunden länger. Bukow hallt immer ein wenig nach in Hübner.

Die Rolle, in der er an diesem Mittwochabend im Fernsehen zu sehen ist, hallt vor. Sie gibt ihm die Gelegenheit, von sich selbst zu erzählen. Fragen muss man ihn schon noch, den einstigen DDR-Bürger, aber dann kommt es freimütig und ungeschützt aus ihm heraus. Das eine Monströse in seinem Leben, das so gut passt ins kollektive, ins offizielle Aufatmen, Feiern und Gedenken 25 Jahre nach der friedlichen Revolution in Hübners einstigem Vaterland. Das Großartige der alten Zeit, die seine Jugend war, was sich wiederum so gar nicht damit verträgt.

Gab es nicht irgendwas, was gefehlt hat damals? „Ich hätte gern ’ne Westjeans gehabt und die neue AC/DC-Platte“, sagt Hübner. Für ihn ist Drehpause gerade, gleich geht es weiter, und er steht deshalb immer noch Bomberjacken-Bukow zwischen Filmutensilien, Lampen, Monitoren, Kameras. Der Fernsehpolizist, „Bukow wie Tschechow. Oder fuck off“, wie er sich am Anfang seiner bisher viereinhalb Jahre „Polizeiruf“-Arbeit einmal vorgestellt hat. Aber das jetzt muss endlich Hübner sein. Hübner, kein bisschen auf dem Sprung, sondern mit Ruhe gesegnet, obwohl um ihn herum ein Ameisenhaufen wimmelt, der ein Fernsehfilmteam ist.

Eine Westjeans und eine Schallplatte. Hübner meint das fast kein bisschen ironisch, er meint das ernst. Es gibt nicht wenige, die bauen ihre ganze Selbstdarstellung auf dem Umstand auf, irgendwann einmal mit dieser DDR zu tun gehabt zu haben. Hübner sagt, er habe sich nicht unterdrückt gefühlt.

Er ist heute Abend im Film „Bornholmer Straße“ als DDR-Oberstleutnant zu sehen, als ein Stasi-Mann und stellvertretender Leiter der PKE einer GÜSt, der Passkontrolleinheit an der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße in Berlin. Harald Jäger heißt das historische Vorbild für die Rolle, der Mann ist derjenige, der in der Nacht des 9. November 1989 die Mauer aufgemacht hat.

Der Stoff ist Weltgeschichte

Der Stoff ist Weltgeschichte, die Lage am Ort des Geschehens war dramatisch. Wohl jeder im Land, der damals auf der Welt und bei Sinnen war, erinnert sich daran. Sie doch auch, Herr Hübner?

Es ist eine naheliegende Frage, und er selbst weiß nicht mehr, wie oft er sie in den vergangenen Wochen schon beantwortet hat. Das Interesse an ihm ist groß derzeit, nicht nur des großangekündigten ARD-Films zum Mauerfalljubiläum wegen. Hübner ist so etwas wie der deutsche Fernsehschauspieler der Stunde. Seine Arbeit ist gefragt, in der Durchschnittswoche kommt er auf nicht weniger als vier Drehtage.

Also? Hübner war fast 17 damals im November 1989, und er hat nichts davon mitbekommen. Weder jene andere Pressekonferenz, auf der Günter Schabowski „Das trifft nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“ sagte, noch die Stunden danach an der Bornholmer Straße. Er war nicht zugegen, vor allem aber: „Ich war betrunken“, sagt er. Der 11.11. stand vor der Tür, der Anfang der Karnevalssaison. Hübner und ein paar Freunde übten daheim in Mecklenburg ein Satireprogramm ein, eine Art Karneval-Verarschungsstück, und am 9. November war Generalprobe. Die Probe lief für alle Beteiligten zufriedenstellend, danach wurde getrunken.

Harald Jäger öffnete am 9. November 1989 den Grenzübergang Bornholmer Straße.
Harald Jäger öffnete am 9. November 1989 den Grenzübergang Bornholmer Straße.picture alliance / dpa

Am nächsten Morgen, auf der Zugfahrt vom heimatlichen Feldberg ins nahe Neustrelitz, zur Schule, hörte er zwei stadtbekannten Trinkern dabei zu, wie sie sich beratschlagten. Wann genau fahren wir heute nach West-Berlin?, das war der Gesprächsgegenstand, und Hübner dachte: So früh, und schon so besoffen. In der Schule hat man es ihm schließlich erzählt.

Dazwischen, am Morgen zu Hause, also nicht. Warum, danach kann er heute nicht mehr fragen. Es ist zu spät dafür.

Total gelassen berichtet er davon, ein großer, dann doch erstaunlich schlanker Mann in einer zu engen Bomberjacke und schwarzen Jeans, das Gesicht mit Grundierschminke versehen, „damit er nicht ganz so blass ist“, hat die Maskenbildnerin vorhin gesagt. Dafür dann aber mit einer Schicht Schlammgrau unter den Augen, des Kontrastes wegen und „damit er müde wirkt“. An manchen Tagen kommt auch noch Fettschminke an den Lidern dazu, „schön rot“.

Im Fernsehen ist manchmal Rostock in Hamburg

Nichts im Fernsehen ist, wie es scheint. Rostock ist dort auch nicht immer Rostock, sondern Hamburg, wo alle Innenaufnahmen des Bukow-Polizeirufs gedreht werden. Praktisch für Hübner, er lebt seit Jahren in der Stadt, und am hiesigen Schauspielhaus spielt er Theater.

Das zweigeschossige Backsteinhaus hier draußen an einem toten Arm der Elbe ist folglich auch kein Polizeirevier, sondern ausweislich eines Emailleschildes neben der Tür die „Verwertungsstelle Abteilung Hamburg“ der wegen einer EU-Verordnung in Auflösung befindlichen „Bundesmonopolverwaltung für Branntwein“.

Das staatliche Branntweinmonopol, die Europäische Union, zwei deutsche Wirklichkeitsfetzen, der eine kommt aus der Vergangenheit, der andere ist von heute, und dazwischen hängt diese Hübner-Erzählung vom verspäteten Mitkriegen des Mauerfalls in der Luft, vom elterlichen Verschweigen eines Weltereignisses am Morgen des 10. November. Dass dies auch mit Schein und Sein zu tun hatte, sollte er erst viel später erfahren.

Das war, als ihm sein Vater offenbarte, bei der Staatssicherheit gewesen zu sein, genau wie jener Harald Jäger. Hübner hatte damals schon längst die Ausbildung an der Berliner Ernst-Busch-Schauspielschule hinter sich. Sieben Jahre Theater, kurz in Berlin, lange in Frankfurt am Main, 40 Rollen, die in einer Sinnkrise endeten. Woher die kam, wusste er anfangs nicht genau, irgendwann aber wurde ihm klar: Es musste das Theater sein. Hübner war erschöpft.

Er hörte auf damit, schrieb einen Viertelstundenkrimi, spielte alle Rollen darin selbst und versandte den fertigen Film reihum in der Branche. Es klappte, seit 2003 stand er schließlich vor der Kamera. Unter anderem auch vor der von Florian Henckel von Donnersmarck, der Regisseur hatte Hübner für eine Nebenrolle in „Das Leben der Anderen“ ausgesucht. Hübner spielte darin die Wachablösung Ulrich Mühes, er war der Mann, der die Abhör-Nachtschicht übernahm.

Der Film lief auch in Neustrelitz. Hübner ging mit seinen Eltern hin. Hinterher, seiner Erinnerung nach muss es auf der Heimfahrt im Auto gewesen sein, sagte der Vater den Satz: „Solche Kameras wie ihr in dem Film hatten wir nicht.“

Wir?

Viel mehr als das haben Hübner und seine beiden Geschwister danach nicht mehr aus ihrem Vater herausbekommen. Mittlerweile ist er gestorben, und die Mutter ist dabei, alles zu vergessen.

Hübner erzählt diese doch sehr private Geschichte ohne Scheu, vollkommen arglos und offenbar auch ohne die Absicht, dabei heroisch wirken zu wollen. Es wäre eine ideale Gelegenheit, ein Bild von sich zu formen, aus dem sich irgendwelches Kapital schlagen ließe. Hübner, der Verratene, vom Leben in der Diktatur gezeichnet oder so etwas. Stattdessen sagt er: „Meine Kindheit war schön. Sehen Sie“, sagt er und beschreibt das Elternhaus. Er steht auf dem Hof des Branntweinmonopols, zeigt aufs Nachbarhaus, „da ungefähr, so nah, da fing der Wald an“. Er streckt den Arm aus, dreht sich ein halbes Mal im Kreis, „und der zieht sich so rum und hört dann nicht mehr auf. Und da vorn, wo jetzt der Catering-Tisch steht, da ist der See.“

Das Komische ist, dass ausgerechnet in diesem Moment acht Kraniche hoch oben über diesen Hof fliegen. Feldberger-Seenlandschaft-Gedenkkraniche.

„Dass ich von dort komme“, sagt Hübner, „und dass ich heute hier bin, das Wundern darüber, diese Wurzel ist total agil.“ Ob ihm die eigene Familiengeschichte geholfen habe, jenen Maueröffner Jäger zu verstehen, besser in den eintauchen zu können?

Dreimal hab Hübner Jäger getroffen

Hübner hat ihn dreimal getroffen. Da sei es hilfreich gewesen, er habe in den Gesprächen „nach Essenzen gesucht“, nach dem Konzentrat, „wo man alles drin hat, was ihn – Harald – ausmacht“. Zum Konzentrat gehörte nicht der Blick von oben auf Jäger, auf die historische Rolle des Mannes und wie Hübner sie einschätzt. „Ihn würde ich niemals als Helden bezeichnen“, sagt er, „macht er ja selber auch nicht. Aber die Tat war heldenhaft. Das spricht dafür, dass im Herzen immer noch ’ne Kammer frei ist für Humanismus.“

Aber das half ihm als Schauspieler wenig weiter. Eines Tages trafen sich die beiden an der Bornholmer Straße. Sie gingen das Terrain ab. Jäger erinnerte sich, „hier hab’ ich zu dem gesagt, dort hab’ ich dann zu dem gesagt“, und dann fragte Hübner, wie viele sie denn in jener Nacht gewesen seien. Jäger, geboren in Sachsen, zugezogen ins Brandenburgische, habe in so einer Art Dialekt-Mischmasch geantwortet: „Naja, mir war’n zu“ – dann sei eine Pause gekommen – „zehnt“.

Das war die Polung, sagt Hübner. Das Ruhige, Überlegte Jägers, die Pause, in der er im Kopf nachzählte, das war sein Schlüssel zu dieser Figur. „Daraus entsteht alles.“

Hübner hat den Schlüssel oft benutzen müssen. Haufenweise Nachtdrehs, die Uniform habe zusätzlich auf das Gemüt geschlagen, dazu die 500 Komparsen. Viel Ablenkung, viel Lärm. Schauspielern, ob am Theater oder inmitten eines Drehteams, sei ja ohnehin „schon so eine übersozialisierte Situation“. Aber der „Bornholmer Straße“-Dreh sei dann noch etwas krasser gewesen.

Was wäre aus ihm geworden, wäre die Mauer nicht gefallen?

Was mit ihm passiert wäre, hätte Jäger 1989 anders gehandelt, hätte die DDR weitergelebt, darüber hat Hübner sich später immer wieder Gedanken gemacht. Eineinhalb Jahre darauf, nach dem Abitur, wäre der Ernst des sozialistischen Lebens auf ihn zugekommen. Die jovialen Gespräche mit dem Werbepersonal des Systems. „Na, junger Mann, wir möchten doch studieren, oder?“ Hübner zählt auf: die Armee, die Partei, die Stasi. Nee, die Stasi vielleicht nicht. Aber die Armee auf jeden Fall. „Ich weiß nicht, ob ich dem widerstanden hätte.“

Er kannte ja die Geschichten, aus Eggesin zum Beispiel, einem der größten NVA-Standorte, nicht allzu weit weg von zu Hause. Die Geschichten vom Drill und der täglichen Gemeinheit dort, und die von Selbstmördern.

Charly Hübner als Polizeiruf-Kommissar Bukow.
Charly Hübner als Polizeiruf-Kommissar Bukow.NDR/Christine Schroeder

Aber kam ja dann anders. Könnte auch wieder anders kommen. Die Sicht auf die Geschichte jedenfalls ändere sich ja ständig, sagt Hübner, man nehme nur dieses Buch mit den Kohl-Gesprächsprotokollen. Stehen ja auch Sachen drin über die friedliche Revolution, die man zu Regierungszeiten dieses Kanzlers ganz anders von ihm gehört hat.

Was macht man dann? Revidiert man dann wieder alles, was vorher war, im Zweifel auch die Sicht auf das eigene Leben, so wie Jäger das tun musste? Hübner hält es mit Skepsis. „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“, sagt er. „Aber auch nicht schelten.“

Es passt gut, dass nun der Aufnahmeleiter ruft, Bukow wird wieder gebraucht. Aus dem Mann, der eben übers Gestern nachdachte, der kein Freund von Urteilen mit Ewigkeitsanspruch ist, sondern vor allem die Gegenwart zu schätzen scheint, wird wieder der Polizist. Er geht über den Hof und wieder hinein ins Branntweinmonopol-Haus. Bukow, von dem der Fernsehzuschauer weiß, dass der zwar auch irgendeine Vergangenheit hat, aber nicht genau, welche. Sie liegt im Zwielicht.

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels.

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