Mein Vater, der Stasi-Mitarbeiter

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"Bornholmer Straße" in der ARD : Charly Hübner öffnet die Mauer

Das war, als ihm sein Vater offenbarte, bei der Staatssicherheit gewesen zu sein, genau wie jener Harald Jäger. Hübner hatte damals schon längst die Ausbildung an der Berliner Ernst-Busch-Schauspielschule hinter sich. Sieben Jahre Theater, kurz in Berlin, lange in Frankfurt am Main, 40 Rollen, die in einer Sinnkrise endeten. Woher die kam, wusste er anfangs nicht genau, irgendwann aber wurde ihm klar: Es musste das Theater sein. Hübner war erschöpft.

Er hörte auf damit, schrieb einen Viertelstundenkrimi, spielte alle Rollen darin selbst und versandte den fertigen Film reihum in der Branche. Es klappte, seit 2003 stand er schließlich vor der Kamera. Unter anderem auch vor der von Florian Henckel von Donnersmarck, der Regisseur hatte Hübner für eine Nebenrolle in „Das Leben der Anderen“ ausgesucht. Hübner spielte darin die Wachablösung Ulrich Mühes, er war der Mann, der die Abhör-Nachtschicht übernahm.

Der Film lief auch in Neustrelitz. Hübner ging mit seinen Eltern hin. Hinterher, seiner Erinnerung nach muss es auf der Heimfahrt im Auto gewesen sein, sagte der Vater den Satz: „Solche Kameras wie ihr in dem Film hatten wir nicht.“

Wir?

Viel mehr als das haben Hübner und seine beiden Geschwister danach nicht mehr aus ihrem Vater herausbekommen. Mittlerweile ist er gestorben, und die Mutter ist dabei, alles zu vergessen.

Hübner erzählt diese doch sehr private Geschichte ohne Scheu, vollkommen arglos und offenbar auch ohne die Absicht, dabei heroisch wirken zu wollen. Es wäre eine ideale Gelegenheit, ein Bild von sich zu formen, aus dem sich irgendwelches Kapital schlagen ließe. Hübner, der Verratene, vom Leben in der Diktatur gezeichnet oder so etwas. Stattdessen sagt er: „Meine Kindheit war schön. Sehen Sie“, sagt er und beschreibt das Elternhaus. Er steht auf dem Hof des Branntweinmonopols, zeigt aufs Nachbarhaus, „da ungefähr, so nah, da fing der Wald an“. Er streckt den Arm aus, dreht sich ein halbes Mal im Kreis, „und der zieht sich so rum und hört dann nicht mehr auf. Und da vorn, wo jetzt der Catering-Tisch steht, da ist der See.“

Das Komische ist, dass ausgerechnet in diesem Moment acht Kraniche hoch oben über diesen Hof fliegen. Feldberger-Seenlandschaft-Gedenkkraniche.

„Dass ich von dort komme“, sagt Hübner, „und dass ich heute hier bin, das Wundern darüber, diese Wurzel ist total agil.“ Ob ihm die eigene Familiengeschichte geholfen habe, jenen Maueröffner Jäger zu verstehen, besser in den eintauchen zu können?

Dreimal hab Hübner Jäger getroffen

Hübner hat ihn dreimal getroffen. Da sei es hilfreich gewesen, er habe in den Gesprächen „nach Essenzen gesucht“, nach dem Konzentrat, „wo man alles drin hat, was ihn – Harald – ausmacht“. Zum Konzentrat gehörte nicht der Blick von oben auf Jäger, auf die historische Rolle des Mannes und wie Hübner sie einschätzt. „Ihn würde ich niemals als Helden bezeichnen“, sagt er, „macht er ja selber auch nicht. Aber die Tat war heldenhaft. Das spricht dafür, dass im Herzen immer noch ’ne Kammer frei ist für Humanismus.“

Aber das half ihm als Schauspieler wenig weiter. Eines Tages trafen sich die beiden an der Bornholmer Straße. Sie gingen das Terrain ab. Jäger erinnerte sich, „hier hab’ ich zu dem gesagt, dort hab’ ich dann zu dem gesagt“, und dann fragte Hübner, wie viele sie denn in jener Nacht gewesen seien. Jäger, geboren in Sachsen, zugezogen ins Brandenburgische, habe in so einer Art Dialekt-Mischmasch geantwortet: „Naja, mir war’n zu“ – dann sei eine Pause gekommen – „zehnt“.

Das war die Polung, sagt Hübner. Das Ruhige, Überlegte Jägers, die Pause, in der er im Kopf nachzählte, das war sein Schlüssel zu dieser Figur. „Daraus entsteht alles.“

Hübner hat den Schlüssel oft benutzen müssen. Haufenweise Nachtdrehs, die Uniform habe zusätzlich auf das Gemüt geschlagen, dazu die 500 Komparsen. Viel Ablenkung, viel Lärm. Schauspielern, ob am Theater oder inmitten eines Drehteams, sei ja ohnehin „schon so eine übersozialisierte Situation“. Aber der „Bornholmer Straße“-Dreh sei dann noch etwas krasser gewesen.

Was wäre aus ihm geworden, wäre die Mauer nicht gefallen?

Was mit ihm passiert wäre, hätte Jäger 1989 anders gehandelt, hätte die DDR weitergelebt, darüber hat Hübner sich später immer wieder Gedanken gemacht. Eineinhalb Jahre darauf, nach dem Abitur, wäre der Ernst des sozialistischen Lebens auf ihn zugekommen. Die jovialen Gespräche mit dem Werbepersonal des Systems. „Na, junger Mann, wir möchten doch studieren, oder?“ Hübner zählt auf: die Armee, die Partei, die Stasi. Nee, die Stasi vielleicht nicht. Aber die Armee auf jeden Fall. „Ich weiß nicht, ob ich dem widerstanden hätte.“

Er kannte ja die Geschichten, aus Eggesin zum Beispiel, einem der größten NVA-Standorte, nicht allzu weit weg von zu Hause. Die Geschichten vom Drill und der täglichen Gemeinheit dort, und die von Selbstmördern.

Charly Hübner als Polizeiruf-Kommissar Bukow.
Charly Hübner als Polizeiruf-Kommissar Bukow.NDR/Christine Schroeder

Aber kam ja dann anders. Könnte auch wieder anders kommen. Die Sicht auf die Geschichte jedenfalls ändere sich ja ständig, sagt Hübner, man nehme nur dieses Buch mit den Kohl-Gesprächsprotokollen. Stehen ja auch Sachen drin über die friedliche Revolution, die man zu Regierungszeiten dieses Kanzlers ganz anders von ihm gehört hat.

Was macht man dann? Revidiert man dann wieder alles, was vorher war, im Zweifel auch die Sicht auf das eigene Leben, so wie Jäger das tun musste? Hübner hält es mit Skepsis. „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“, sagt er. „Aber auch nicht schelten.“

Es passt gut, dass nun der Aufnahmeleiter ruft, Bukow wird wieder gebraucht. Aus dem Mann, der eben übers Gestern nachdachte, der kein Freund von Urteilen mit Ewigkeitsanspruch ist, sondern vor allem die Gegenwart zu schätzen scheint, wird wieder der Polizist. Er geht über den Hof und wieder hinein ins Branntweinmonopol-Haus. Bukow, von dem der Fernsehzuschauer weiß, dass der zwar auch irgendeine Vergangenheit hat, aber nicht genau, welche. Sie liegt im Zwielicht.

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels.