Wie Hübner seine Jugend in der DDR erlebte

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"Bornholmer Straße" in der ARD : Charly Hübner öffnet die Mauer

Gab es nicht irgendwas, was gefehlt hat damals? „Ich hätte gern ’ne Westjeans gehabt und die neue AC/DC-Platte“, sagt Hübner. Für ihn ist Drehpause gerade, gleich geht es weiter, und er steht deshalb immer noch Bomberjacken-Bukow zwischen Filmutensilien, Lampen, Monitoren, Kameras. Der Fernsehpolizist, „Bukow wie Tschechow. Oder fuck off“, wie er sich am Anfang seiner bisher viereinhalb Jahre „Polizeiruf“-Arbeit einmal vorgestellt hat. Aber das jetzt muss endlich Hübner sein. Hübner, kein bisschen auf dem Sprung, sondern mit Ruhe gesegnet, obwohl um ihn herum ein Ameisenhaufen wimmelt, der ein Fernsehfilmteam ist.

Eine Westjeans und eine Schallplatte. Hübner meint das fast kein bisschen ironisch, er meint das ernst. Es gibt nicht wenige, die bauen ihre ganze Selbstdarstellung auf dem Umstand auf, irgendwann einmal mit dieser DDR zu tun gehabt zu haben. Hübner sagt, er habe sich nicht unterdrückt gefühlt.

Er ist heute Abend im Film „Bornholmer Straße“ als DDR-Oberstleutnant zu sehen, als ein Stasi-Mann und stellvertretender Leiter der PKE einer GÜSt, der Passkontrolleinheit an der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße in Berlin. Harald Jäger heißt das historische Vorbild für die Rolle, der Mann ist derjenige, der in der Nacht des 9. November 1989 die Mauer aufgemacht hat.

Der Stoff ist Weltgeschichte

Der Stoff ist Weltgeschichte, die Lage am Ort des Geschehens war dramatisch. Wohl jeder im Land, der damals auf der Welt und bei Sinnen war, erinnert sich daran. Sie doch auch, Herr Hübner?

Es ist eine naheliegende Frage, und er selbst weiß nicht mehr, wie oft er sie in den vergangenen Wochen schon beantwortet hat. Das Interesse an ihm ist groß derzeit, nicht nur des großangekündigten ARD-Films zum Mauerfalljubiläum wegen. Hübner ist so etwas wie der deutsche Fernsehschauspieler der Stunde. Seine Arbeit ist gefragt, in der Durchschnittswoche kommt er auf nicht weniger als vier Drehtage.

Also? Hübner war fast 17 damals im November 1989, und er hat nichts davon mitbekommen. Weder jene andere Pressekonferenz, auf der Günter Schabowski „Das trifft nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“ sagte, noch die Stunden danach an der Bornholmer Straße. Er war nicht zugegen, vor allem aber: „Ich war betrunken“, sagt er. Der 11.11. stand vor der Tür, der Anfang der Karnevalssaison. Hübner und ein paar Freunde übten daheim in Mecklenburg ein Satireprogramm ein, eine Art Karneval-Verarschungsstück, und am 9. November war Generalprobe. Die Probe lief für alle Beteiligten zufriedenstellend, danach wurde getrunken.

Harald Jäger öffnete am 9. November 1989 den Grenzübergang Bornholmer Straße.
Harald Jäger öffnete am 9. November 1989 den Grenzübergang Bornholmer Straße.picture alliance / dpa

Am nächsten Morgen, auf der Zugfahrt vom heimatlichen Feldberg ins nahe Neustrelitz, zur Schule, hörte er zwei stadtbekannten Trinkern dabei zu, wie sie sich beratschlagten. Wann genau fahren wir heute nach West-Berlin?, das war der Gesprächsgegenstand, und Hübner dachte: So früh, und schon so besoffen. In der Schule hat man es ihm schließlich erzählt.

Dazwischen, am Morgen zu Hause, also nicht. Warum, danach kann er heute nicht mehr fragen. Es ist zu spät dafür.

Total gelassen berichtet er davon, ein großer, dann doch erstaunlich schlanker Mann in einer zu engen Bomberjacke und schwarzen Jeans, das Gesicht mit Grundierschminke versehen, „damit er nicht ganz so blass ist“, hat die Maskenbildnerin vorhin gesagt. Dafür dann aber mit einer Schicht Schlammgrau unter den Augen, des Kontrastes wegen und „damit er müde wirkt“. An manchen Tagen kommt auch noch Fettschminke an den Lidern dazu, „schön rot“.

Im Fernsehen ist manchmal Rostock in Hamburg

Nichts im Fernsehen ist, wie es scheint. Rostock ist dort auch nicht immer Rostock, sondern Hamburg, wo alle Innenaufnahmen des Bukow-Polizeirufs gedreht werden. Praktisch für Hübner, er lebt seit Jahren in der Stadt, und am hiesigen Schauspielhaus spielt er Theater.

Das zweigeschossige Backsteinhaus hier draußen an einem toten Arm der Elbe ist folglich auch kein Polizeirevier, sondern ausweislich eines Emailleschildes neben der Tür die „Verwertungsstelle Abteilung Hamburg“ der wegen einer EU-Verordnung in Auflösung befindlichen „Bundesmonopolverwaltung für Branntwein“.

Das staatliche Branntweinmonopol, die Europäische Union, zwei deutsche Wirklichkeitsfetzen, der eine kommt aus der Vergangenheit, der andere ist von heute, und dazwischen hängt diese Hübner-Erzählung vom verspäteten Mitkriegen des Mauerfalls in der Luft, vom elterlichen Verschweigen eines Weltereignisses am Morgen des 10. November. Dass dies auch mit Schein und Sein zu tun hatte, sollte er erst viel später erfahren.