Wer die Tür eines Clubs besetzt, kontrolliert den Drogenhandel

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Clans in Berlin : The Good Fellow
Sicherheitsmann Michael Kuhr
Sicherheitsmann Michael Kuhr kooperiert mit der Polizei. Sie sei die „stärkste Gang der Stadt“.Foto: Michael Trippel/laif

Für einen Security-Mann ist Michael Kuhr ziemlich klein. 1,67 Meter, die meisten Türsteher sind mindestens einen Kopf größer. Deswegen nennt er sich selbst einen „sprechenden Embryo“. Kuhr macht gern Witze über sich. Am Anfang seiner Laufbahn wurde er oft unterschätzt. Aber Michael Kuhr war mal Hochleistungssportler. Er ist sechsfacher Weltmeister im Kickboxen. Geboxt hat er auch. Aufgewachsen ist Michael Kuhr in Wedding. Seestraße, Ecke Kapernaumkirche. Zuerst war er Postbote, verteilte morgens ab fünf seine Briefe. Seestraße 1 bis 60. Um danach zu trainieren. Mit 17 war er schon Vizeweltmeister.

Aus der Zeit als Kickboxer kennt er viele Unterweltgrößen. Oder besser gesagt: Sie kennen ihn, weil sie zu seinen Kämpfen kamen und ihn bejubelten. Auch mit den Abou-Chakers verstand er sich gut. Bis zu dem Moment im Gericht, als sich Kuhr entscheiden musste.

Er hat damals nicht nur ausgesagt, weil es moralisch das Richtige war, sagt Michael Kuhr heute. Sondern auch aus Eigennutz. Er musste um den Ruf seiner Firma fürchten. Jemand hatte das Gerücht gestreut, einer seiner Mitarbeiter sei in den Raub verwickelt gewesen. Hätte er der Polizei nicht bei der Aufklärung geholfen, hätte ihn das verdächtig gemacht. Außerdem ist genau das Kuhrs Politik, seit er 1982 angefangen hat in diesem Geschäft: Er kooperiert immer mit der Polizei. Er sieht sie als seine Verbündeten, sagt Sätze wie: „Die sind die stärkste Gang der Stadt.“ Das ist sehr selten in der Branche.

Mit dieser Strategie hat er sich ein Imperium aufgebaut. Seine Firma Kuhr Security beschäftigt heute 70 Mitarbeiter, stellt die Türsteher für Dutzende Clubs in der Stadt, zu den bekanntesten gehören die „Amber Suite“ und das „Adagio“. Kriminelle haben mehrfach versucht, Kuhrs Einfluss zurückzudrängen oder in seine Firma einzusteigen, denn es gilt die Regel: Wer die Tür eines Clubs besetzt, kann drinnen den Drogenhandel fördern und kontrollieren. Das bringt Geld.

Michael Kuhr hat beides stets abgewehrt, die Drogen und alle Versuche, seine Firma zu kapern. Sein Unternehmen ist auch für die Sicherheit im Soho House und im Estrel-Hotel zuständig, schützt Veranstaltungen wie die Gala „Cinema for Peace“, und wenn das Einkaufszentrum „Leipziger Platz Quartier“ steht, wird er auch dort seine Leute hinschicken, vorgestern hat er den Zuschlag bekommen, an seinem 52. Geburtstag.

Kann es so was überhaupt geben: einen ehrlichen, unbestechlichen Security-Chef?

Kann es so was überhaupt geben: einen ehrlichen, unbestechlichen Security-Chef, der allem Druck widersteht und konsequent mit der Polizei zusammenarbeitet? Ein LKA-Ermittler sagt: ja, genauso ist es. Kuhr sei eine Ausnahmeerscheinung, einer, der mit „beeindruckender Gradlinigkeit sein Ding durchzieht“. Außer Kuhrs Firma kennt der Ermittler nur einen einzigen Sicherheitsdienst in Berlin, der eine ähnlich klare Politik fahre. Dafür aber viele andere, die früher oder später eingeknickt sind vor den Banden. „Man kann sagen: Michael Kuhr ist ein Segen für diese Stadt.“

Der Richter im Pokerraub-Prozess hat Mohammed Abou-Chaker damals als Drahtzieher verurteilt. Per Handy hatte der das Startsignal für den Überfall gegeben. Strafe: sieben Jahre und drei Monate Haft. Die Aussage von Michael Kuhr war nicht der ausschlaggebende Grund für die Verurteilung, es gab zahlreiche andere Beweise. Und trotzdem hatte Kuhr einen Tabubruch begangen. Ein Mann, den sie seit Jahren kannten, hatte vor Gericht tatsächlich gegen einen Abou-Chaker ausgesagt.

Anderthalb Jahre später, im Frühjahr 2012, erhielt die Polizei einen Tipp. Michael Kuhr sollte ermordet werden. Angeblich wurde sogar bereits ein Killer beauftragt, das potenzielle Opfer seit Wochen observiert. Der Auftrag soll aus dem Umfeld des Clans gekommen sein.

„Da war ich erst mal drei Monate eins“, sagt Kuhr heute. Bedeutet Gefahrenstufe eins. Bewachung rund um die Uhr. Die Polizei lud dann zwei hochrangige Clanmitglieder zur sogenannten Gefährderansprache, auch Kuhr war im Raum. Die Ermittler warnten den Clan, es gebe Hinweise auf einen Mordplan. Sinngemäß sagten sie: Falls Michael Kuhr etwas zustößt, wissen wir, gegen wen wir ermitteln werden. Die Abou-Chakers wiesen alle Vorwürfe weit von sich. Und wer könnte überhaupt ausschließen, dass der angeblich Gefährdete alles nur inszeniert habe, um sich zu promoten?

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