Das Fernsehen in der Coronakrise : „Wir wollen senden – egal was passiert“

Keine Gäste, Interviews per Skype, Moderatoren als Tontechniker und Maskenbildner: Die Coronakrise bringt Sendungen wie das ZDF Morgenmagazin an ihre Grenzen.

Studiogäste gibt es beim ZDF Morgenmagazin seit Beginn der Coronakrise nicht mehr.
Studiogäste gibt es beim ZDF Morgenmagazin seit Beginn der Coronakrise nicht mehr.Foto: privat

Es ist noch nicht ganz halb vier Uhr morgens, als Harriet von Waldenfels in ihrem Büro im ZDF-Hauptstadtstudio mit ihrem Ellenbogen das Licht anschaltet. Der schwarze Blazer und die grüne Bluse für die Moderation im ZDF Morgenmagazin hängen über ihrem Arm. Ihr Gesicht ist noch ungeschminkt, die langen Haare etwas kraus, weil sie mit nassen Haaren eingeschlafen ist.

Und die Nacht war kurz. Der Wecker klingelte um 2.43 Uhr, eine fiese Zeit. „Immer, wenn eine zwei vorne auf dem Wecker steht, ist es schon sehr schwer“, sagt die ZDF-Moderatorin, „da kämpfe ich um jede Minute Schlaf.“

Für viele Journalisten beginnt derzeit der Arbeitstag früher als sonst, um die minütlich reinkommenden Meldungen zur Corona-Pandemie zu sichten und einzuordnen, um die Bevölkerung in dieser besonderen Zeit zu informieren.

Während fast alle Zeitungsjournalisten in der Krise mittlerweile von Zuhause arbeiten und auch Radiojournalisten im Homeoffice moderieren, kann Fernsehen größtenteils nicht von Zuhause aus stattfinden. Zu komplex sind Sendeabläufe und Technik. Zu aufwendig ist die Produktion einer Livesendung.

Das Fernsehpublikum ist schon seit mehreren Wochen aus den Sendungen verbannt. Talkshows treffen die Gäste über Skypeschalten in ihren Wohnzimmern. Doch Nachrichtensendungen mit aktuellen Beiträgen und Interviews, wie das ZDF Morgenmagazin, können nicht allein aus dem Homeoffice produziert und gesendet werden.

Auf ihrem Schreibtisch liegen Desinfektionstücher

So stehen Fernsehsender und Fernsehredaktionen, wie viele andere systemrelevante Berufsgruppen auch, vor einer nie dagewesenen Herausforderung: Wie beachten sie die verhängten Abstands- und Kontaktregelungen und stellen gleichzeitig sicher, dass sie weiterhin senden können? Beim Formaten wie dem ZDF Morgenmagazin ist die Herausforderung besonders groß: Eine Live-Sendung ist ohne ein großes Team fast unmöglich.

[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Auf von Waldenfels’ Schreibtisch im ZDF-Hauptstadtstudio Unter den Linden liegt eine Packung Desinfektionstücher. Als erstes wischt die Journalistin damit Telefonhörer, Lichtschalter, Tastatur und Maus ab. Eigentlich wären sie hier zu zweit. Eigentlich hätte von Waldenfels gemeinsam mit Redaktionsleiter Andreas Wunn in dieser Woche die zweite Hälfte des Morgenmagazins moderieren, ab 7 Uhr sind zwei Moderatoren auf Sendung, weil in dieser Zeit viele Interviews mit Politikern, Experten und anderen Gästen geführt werden.

Doch weil auch die Moderatoren Abstand halten müssen, ist der zweite Moderator bis auf Weiteres erst einmal gestrichen. Für von Waldenfels bedeutet das: früher aufstehen, mehr Vorbereitung und mehr Interviews, die sie live führen muss.

Der österreichische Sender ORF hat am vergangenen Mittwoch sogar 13 Mitarbeiter in Isolation in eines ihrer Studios geschickt, um auch weiterhin ohne Ausfälle senden zu können. Ob es bald auch ein Bettenlager im ZDF-Hauptstadtstudio gibt?

„Wenn die Lage das erfordert, kann ich mir das bei uns auch vorstellen. Bisher sehe ich die Notwendigkeit nicht", sagt Andreas Wunn, der für das ZDF Morgenmagazin und das ZDF Mittagsmagazin redaktionell verantwortlich ist. „Das Wichtigste ist für uns, neben der Gesundheit der Mitarbeiter, Sendesicherheit herzustellen. Wir wollen senden – egal was passiert. Gerade weil es so viel Unsicherheiten gibt, was unsere Zukunft bringt, brauchen wir eine Bevölkerung, die gut informiert ist und Medien, die den Politikern auf die Finger schauen“, sagt Wunn.

Die Tagesschau erreicht zurzeit einen Marktanteil von fast 50 Prozent

Das Interesse an Information und seriösen Nachrichten ist mit der Covid-19-Pandemie deutlich gestiegen. Die Tagesschau hat in diesen Tagen einen Marktanteil von fast 50 Prozent erreicht, vor der Pandemie waren es meist um die 35 Prozent. Am vergangenen Sonntag sahen mehr als 18,7 Millionen Menschen die ARD-Nachrichten. Vergangenes Jahr lag der Durchschnitt im Vergleich noch bei 9,8 Millionen Zuschauern. Auch das ZDF-Morgenmagazin hat nun mehr Zuschauer. In dieser Woche statt der üblichen 800.000 Menschen weit mehr als eine Million die vollständige Sendung, Teile davon sahen weit mehr als vier Millionen Zuschauer.

Moderatorin Harriet von Waldenfels muss sich selbst schminken, Maskenbildnerin Netty gibt Tipps aus der Distanz.
Moderatorin Harriet von Waldenfels muss sich selbst schminken, Maskenbildnerin Netty gibt Tipps aus der Distanz.Foto: privat

Um 5.38 Uhr eilt von Waldenfels in die Maske, der Tagesspiegel ist per Videoanruf dabei. „Hallo, guten Morgen Netty“, ruft die Moderation und winkt der Maskenbildnerin, die am anderen Ende des kleinen Raumes steht. Nettys Haare sind zu einem Dutt hochgesteckt, damit die Bänder ihres grünen Mundschutzes am Hinterkopf besser halten. Harriet von Waldenfels setzt sich auf einen drehbaren Stuhl vor den großen Spiegel und legt einen schwarzen Kleiderschutz über ihre Schultern, damit Bluse und Blazer sauber bleiben.

„Was ist das jetzt nochmal?“, fragt von Waldenfels und zeigt auf einen der Pinsel vor ihr. Seit dieser Woche müssen sich alle Moderatoren selbst schminken, Körperkontakt ist nicht mehr erlaubt. Für jeden Moderator legt Netty daher die passenden Pinsel und Puderfarben bereit. Für Stirn, Gesicht und Hals braucht jeder Moderator verschiedene Farben. „Das ist wie das Besteck von einem Sieben-Gänge-Menü“, sagt von Waldenfels lachend.

"Hast du schon gehört? Der Kollege hat Fieber"

Zwei lange Flure weiter ist auch Wetter-Moderator Benjamin Stöwe im ZDF-Hauptstadtstudio angekommen. Die Gänge sind ungewöhnlich leer, selbst der Kaffeewagen ist verwaist, neben dem Fahrstuhl hängt ein Verbotsschild: Mehr als zwei Personen sind in den Aufzügen nicht mehr erlaubt. Das Telefon klingelt: „Hast du schon gehört? Der Kollege hat Fieber und ist zuhause geblieben.“ Noch gibt es keinen Corona-Fall beim ZDF Morgenmagazin.

Besondere Sendesituationen ist die Redaktion des ZDF Morgenmagazin eigentlich gewöhnt. Als am 11. März 2011 um kurz vor halb acht Uhr morgens die ersten Agenturmeldungen vom schweren Erdbeben in Japan und dem Tsunami reinkamen, warf die Crew des Morgenmagazins das Programm während laufender Sendung spontan um. Und Guido Westerwelle, damaliger Bundesaußenminister, der eigentlich zum Thema Libyen eingeladen war, nahm früher als vereinbart im Studio Platz und sprach als einer der ersten Außenpolitiker weltweit zu dem Unglück.

Ein Programm auf Sparflamme - das gab es noch nie

Nicht anders war die Situation nach dem Terroranschlag am Breitscheidplatz im Dezember 2016. Als Anis Amri um 20.02 Uhr mit dem gestohlenen LKW auf dem Weihnachtsmarkt elf Menschen ermordete, war die Sendung für den nächsten Tag längst fertig geplant, Die Redaktion verwarf die Planung für die dreieinhalbstündige Livesendung des nächsten Tages und begann von vorn.

Doch dass das Programm über Wochen oder vielleicht Monate auf Sparflamme läuft und der Redaktionsalltag komplett umgestellt werden muss, das gab es in fast 28 Jahren Morgenmagazin bisher nicht. Als vor knapp zwei Wochen klar wurde, dass die Lage sich auch in Deutschland verschärft und die Politik handelt, schickte Redaktionsleiter Andreas Wunn als erstes ein komplettes Team ins Homeoffice. „Ich hatte am Anfang die große Angst, dass mir die halbe Redaktion wegbricht, wenn wir einen Krankheitsfall hätten.“

Auch die meisten Kameraleute und Kabelhilfen bleiben zuhause.
Auch die meisten Kameraleute und Kabelhilfen bleiben zuhause.Foto: privat

Heute arbeiten die Redakteure, die tagsüber die Sendung planen und vorbereiten oder die Social-Media-Kanäle betreuen, fast alle von zuhause. Wer tagsüber unabdingbar ist, bekommt ein Einzelbüro. Niemand soll sich mehr begegnen.

Bei jedem Dreh wird jetzt abgewogen: Brauchen wir das Material wirklich? Zwischen Cutter und Redakteur steht in den Schnitträumen ein durchsichtiger Raumtrenner. Konferenzen gibt es nur noch per Telefon. Reporter produzieren Beiträge aus dem Wohnzimmer, haben im Privatkeller einen Schnittraum eingerichtet. Carsten Behrendt, ein Reporter aus dem ZDF-Landesstudio Berlin, schaltet sich als Ein-Mann-Team per Selfie-Stick in die Sendung.

"Der Lidschatten ist noch zu fleckig"

„Geht das so?“ Mit einem Makeup-Schwämmchen tupft von Waldenfels zuerst ihr Gesicht ab. „Mehr verblenden“, kommentiert Netty und macht die Bewerbung aus der Ferne vor. „Der Lidschatten ist noch zu fleckig.“

Auf einem Fernseher oben in der Ecke läuft das Morgenmagazin aus dem Studio eine Etage tiefer. Die Politik im Krisenmodus, ein Lagebericht des Korrespondenten aus Spanien, wo das Virus eine ähnlich gefährliche Ausbreitung nimmt wie in Italien. Der Corona-Ticker mit den aktuellen Fallzahlen in Deutschland und der Welt. Eigentlich würde es an diesem Morgen auch die aktuellen Kinotipps der Woche geben. Doch weil kein Kino mehr offen hat, bewertet der Kulturredakteur vom heimischen Sofa aus Filme und Dokumentationen aus der ZDF-Mediathek.

„Was muss ich jetzt machen, Rouge?“, fragt von Waldenfels. Netty nickt. Auf dem Fernseher spricht ein Sportmoderator über die Entscheidung, die Olympischen Spiele zu verschieben, zu verstehen ist er in der Maske nicht, die Föhn-Rundbürste übertönt ihn.

Nicht zu viel Werbung fürs schöne Wetter. Die Zuschauer sollen zuhause bleiben

Kurz nach 6 Uhr informiert Benjamin Stöwe über das Wetter: Sonne satt. Eigentlich wäre Stöwe in dieser Woche für die „moma Wetter-Tour“ live in der Eifel unterwegs gewesen. Alles wurde kurzfristig abgesagt. Nun beschert Hochdruckgebiet „Jürgen“ seit Tagen einen wolkenlosen, blauen Himmel. „Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu viel Werbung für das schöne Wetter mache. Die Leute sollen ja zuhause bleiben“, sagt Stöwe.

Gerade in den frühen Morgenstunden, wenn die Technik für die Live-Sendung hochgefahren wird, wenn Regie und Bild- und Tonmischung besetzt sein müssen, sind Homeoffice und Abstandhalten besonders schwierig. Und damit die Gefahr besonders groß, dass sich Mitarbeiter untereinander anstecken.

Normalerweise ist dann die Schlussredaktion das Herz dieser Livesendung. Dort, wo vor einer Wand mit zwölf Fernsehbildschirmen der Chef vom Dienst, der Abläufer, der die Reihenfolge der Beiträge und den Ablauf der Sendung baut, und Rechercheure für die Moderatoren sitzen, wo nachts alle Fäden zusammenlaufen und alle inhaltlichen Entscheidungen getroffen werden, ist es in dieser Woche ruhig.

Nur noch die wichtigsten drei Mitarbeiter, die die Sendung inhaltlich während der Livesendung betreuen, dürfen den Raum betreten. Konferenzen finden sowieso nur noch per Telefon statt.

Um 6.45 Uhr öffnet Harriet von Waldenfels im Erdgeschoss die schwere Metalltür zum Studio 1. Normalerweise würde jetzt ein Tontechniker zu ihr kommen und sie mit dem Mikrofon verkabeln. Doch seit dieser Woche sind die Moderatoren selbst Tontechniker und müssen das Mikro, dass sie sich anstecken, selbst ausrichten. Alle Kabelhilfen im Studio wurden nach Hause geschickt. Von den großen Studiokameras sind nur noch zwei, höchstens drei besetzt. Das gesendete Bild ist statischer geworden, die Einstellungen weniger flexibel.

Interviews per Skype, aus der Froschperspektive

Um 6.58 Uhr sitzt Harriet von Waldenfels auf dem roten Sofa und sagt: „Guten Morgen!“ Sie wird allein dort sitzen bleiben. Es werden keine Studiogäste mehr eingeladen. Die Interviewpartner schalten sich fast alle via Skype live ins Fernsehen. Das Bild ruckelt etwas, die meisten sieht man in einer Froschperspektive vom Kinn aufwärts, aber es funktioniert.

„Vorher haben wir alles getan, um Skype-Schalten in schlechter Qualität zu vermeiden. Jetzt haben wir uns schon an die Ästhetik gewöhnt“, sagt Wunn. Die Sendung ist anstrengend für Harriet von Waldenfels: Live-Schalten zu Korrespondenten, Interviews mit Politikern wie Dietmar Bartsch von der Linken, Karl Lauterbach, SPD, oder Peter Boehringer von der AfD. Dazu eine Erziehungswissenschaftlerin zum Abitur in Corona-Zeiten, ein Philosoph zum Wandel in der Gesellschaft.

„Schon wenn wir zu zweit wären, würden wir sagen. Heute ist aber viel zu tun", sagt von Waldenfels. Doch die Sendung läuft, die Skype-Verbindungen halten. Um kurz vor neun verabschiedet sich die Moderatorin: „Bleiben Sie gesund.“