Der NSU-Prozess geht zu Ende : Die Ohnmacht der Angehörigen

Seinem Vater wurde das Leben genommen, Mutter und Schwester haben ein neues angefangen. Das von Abdul Kerim Simsek aber tritt auf der Stelle. Er weiß: Auch sein Plädoyer im NSU-Prozess wird ihn nicht erlösen.

Ein Mahnmal in Erinnerung an die Opfer der NSU-Terrorzelle in Nürnberg
Ein Mahnmal in Erinnerung an die Opfer der NSU-Terrorzelle in NürnbergFoto: dpa/Daniel Karmann

Nun, wo das Warten auf ein Urteil wohl nur noch eine Frage von Monaten und nicht mehr von Jahren ist, kommt auch seine Angst wieder näher. Die Angst davor, dass dieses Warten danach einfach weitergeht und diese merkwürdige Bremse, die er seit Jahren spürt, sich nicht löst. Dass die große Sehnsucht, in seinem Leben trotz des Mordes an seinem Vater wieder voranzukommen, unerfüllt bleibt.

Abdul Kerim Simsek ist einer der vielen Nebenkläger in diesem monumentalen NSU-Verfahren. Er freut sich einerseits auf das Plädoyer der eigenen Familie an diesem Dienstag, schließlich haben sie alle so viele Jahre darauf warten müssen; andererseits sagt er mit einer abwehrenden Handbewegung: „Bringt ja doch nichts …“ Er zweifelt ständig an vielem, auch an sich. Seit Jahren studiert er Medizintechnik, aber nun, kurz vor dem Abschluss, ist er auch damit nicht mehr im Reinen. „Ich will aufhören und lieber arbeiten gehen.“

Unbeweglich sitzt er Ende Dezember auf einer Stoffcouch in einem fast kahlen Raum in einer Wohnung im hessischen Friedberg, sein Körper ist mit jeder Faser angespannt, er sagt: „Wie soll ich abschließen mit etwas, das mich wütend macht, mit dem ich so unzufrieden bin? Ich werde noch verrückt, aber das geht nicht.“

Er ist jetzt 30, ein Mann in seinen besten Jahren, der erschöpft wirkt und gleichzeitig ständig um Statur und Stärke bemüht ist. Als sein Vater Enver Simsek am 9. September 2000 getötet wird, ist er 13 Jahre alt. Seitdem lebt er ein Leben auf der Flucht vor dem eigenen Trauma. Umso mehr Zeit ins Land geht, desto stärker wird sein Gefühl, in einer Art Sackgasse gelandet zu sein: Hinter Simsek, ihm immer dicht auf den Fersen, ist, wie er es formuliert, „die Verzweiflung“. Vor ihm eine Wand, die er nicht überwinden kann. Dahinter wiederum, glaubt er, könnte ein glücklicheres Leben warten. Vielleicht.

Abdul Kerim Simsek war 13 Jahre alt, als sein Vater mit neun Schüssen hingerichtet wurde.
Abdul Kerim Simsek war 13 Jahre alt, als sein Vater mit neun Schüssen hingerichtet wurde.Foto: Armin Lehmann

Der NSU hat ihm ein anderes Leben aufgezwungen

Der selbst ernannte „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) hat nicht nur Menschen getötet und Familien zerstört, sondern Hinterbliebenen wie Abdul Kerim Simsek auch ein anderes Leben aufgezwungen. Er musste wie seine Schwester Semiya Simsek von jenem Tag an, als der Vater aus nächster Nähe mit neun Schüssen hingerichtet wird, nach außen stark sein, das gebieten Ehre und Stolz. Das innere Leid wird weggesperrt, man will nicht zulassen, dass die Mörder auch noch die Hinterbliebenen zugrunde richten. Dabei ist das ein Teil der Wahrheit, den alle Opfer der NSU-Mordserie und des Sprengstoffattentats von Köln und ihre Angehörigen gut kennen.

Simsek sagt: „Es soll aufhören.“

Ein Urteil – lebenslänglich für Beate Zschäpe –, das wäre eine gewisse Erleichterung, „wenigstens das“, sagt Simsek. Aber eine Befreiung aus seiner Lage? Er schüttelt nur traurig den Kopf.

Enver Simseks Sohn hat sich kurz vor Beginn des neuen Jahres entschieden, noch einmal zu erzählen, was dieser Mord und das, was in den mehr als 17 Jahren danach geschah, aus ihm gemacht haben. Am Dienstag, wenn der NSU-Prozess am 9. Januar mit dem 402. Verhandlungstag fortgesetzt wird, ist die Familie Simsek eine der letzten Nebenkläger, die gemeinsam mit ihren Anwälten ihre Abschlussplädoyers halten werden. Kurz vor Silvester ist noch nicht klar, ob er oder seine Schwester reden werden.

Antworten fehlen noch immer. Warum wir? Woher der Hass?

Abdul Kerim Simsek hat diesen Prozess bislang durchgestanden, weil er möchte, dass sein Vater „nicht umsonst gestorben ist“. Es gab auch gute Momente, auf die er nicht vorbereitet war. Einmal traf er einen alten Mann, einen Zuschauer, der sich schon frühmorgens um fünf Uhr in die Schlange gestellt hatte, um in den Gerichtssaal zu kommen. Der Mann sagte ihm, er sei so früh aufgestanden, „damit kein Nazi den Platz besetzen kann“. Das fand er beeindruckend.

Aber dann hat Simsek immer wieder nur dort gesessen, und es passierte nichts, nichts, was ihm hätte helfen können, nichts, was seine Fragen beantwortet hätte: Gab es einen Kontakt zum Verfassungsschutz? Wie wurden die Opfer ausgesucht? Warum sein Vater? Warum die vielen Schüsse? Woher der Hass?

Und so begann der Prozess ihn zu quälen. „Weil keine einzige Frage, die mir wichtig ist, geklärt wurde.“

Die Dimensionen des Prozesses, der am 6. Mai 2013 in München vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts begann, sind gewaltig. Fast 600 Zeugen und Sachverständige wurden von den fünf Richtern gehört, die zahllose Befangenheitsanträge überstanden haben. 95 Opfer und Angehörige sind Nebenkläger, sie werden von 60 Anwälten vertreten. Jeder einzelne Prozesstag kostet 150 000 Euro. Für die Hauptangeklagte Beate Zschäpe hat die Bundesanwaltschaft in ihrem Strafantrag lebenslange Haft mit Sicherheitsverwahrung wegen der besonderen Schwere der Tat gefordert. Vier weitere mutmaßliche Hintermänner sind angeklagt, darunter Ralf Wohlleben, der das Trio geschützt, gestützt und die Mordwaffe mitorganisiert haben soll.

Wie das Vergangene vergehen lassen?

Abdul Kerim Simsek sitzt an jenem Freitag Ende Dezember in der kleinen Einliegerwohnung, die seine Mutter und seine Schwester bewohnen, wenn sie zu Besuch aus der Türkei in Deutschland sind. Er selbst wohnt in dem gelb gestrichenen Haus mit seinen Onkeln und deren Familien sowie seiner eigenen Familie, der Frau und der zweijährigen Tochter. Bisher hat fast immer die Schwester Semiya für die Familie gesprochen. Sie hat, unterstützt von ihren Anwälten und einem Journalisten, ein Buch geschrieben, ihre Geschichte ist sogar verfilmt worden. Kurz nach dem Staatsakt für die Opfer und Angehörigen der Mordserie im März 2012 im Berliner Konzerthaus ist Semiya Simsek, die wie ihr Bruder in Deutschland geboren wurde, in die Türkei gezogen, hat dort geheiratet. Sie lebt in der Nähe des Dorfes, aus dem Enver Simsek stammt und wo er begraben liegt.

Mutter und Tochter haben in gewisser Weise ein neues Leben angefangen. Semiya Simsek arbeitet in einer sozialen Einrichtung, die Mutter kümmert sich mit um die beiden Kinder der Tochter, die seit dem Wegzug geboren wurden. Bevor sie damals abreiste, hatte sie gesagt: „Ich brauche eine Wende in meinem Leben, auch wenn Deutschland immer meine Heimat bleibt.“

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Abdul Kerim Simsek ist in Deutschland geblieben. Doch spätestens, als der Prozess begann, haben sich die Monster der Vergangenheit auch in seinem Innersten bemerkbar gemacht. Da ist die Wut auf die Mörder und die Angeklagten und einen Prozess, der einfach nicht helfen kann, den eigenen Schmerz zu lindern. Da sind Trauer und Sehnsucht nach dem toten Vater, da ist die Ohnmacht, die so lähmt, und die daher rührt, dass er einfach nicht weiß, wie er das Vergangene vergehen lassen kann.

Die Beamten behaupten: Der Vater hatte eine Zweitfamilie, heimlich

Elf Jahre lang durften Abdul Kerim Simsek, seine Schwester, ihre Mutter, durfte die ganze Familie nicht einmal mit reinem Gewissen Opfer sein. Immer lag da die Last auf ihnen, dass vielleicht doch jemand aus der Familie verantwortlich sein könnte.

Enver Simsek war der Erste in dieser beispiellosen Mordserie, der aufgrund seiner Herkunft getötet wurde. Die Polizei, die einen rechtsextremen Hintergrund ausschloss, verunsicherte die Angehörigen mit ihren Ermittlungen und erzeugte Misstrauen unter ihnen. Viele Jahre steht Abdul Kerims Familie unter Verdacht, womöglich selbst einen Auftragsmörder angeheuert zu haben; die Polizei verfolgt auch hartnäckig die Theorie, dass Enver Simsek ein Drogenhändler sei oder der türkischen Mafia angehöre.

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Der junge Abdul Kerim erlebt, wie seine Mutter depressiv wird – sie wird es viele Jahre bleiben – und kaum noch aufhört zu weinen. Die Verdächtigungen sickern ins private Umfeld, in die Schule, den Verein, zu den Nachbarn. Die Ermittler versuchen, die Mutter mit Tricks zu einem Geständnis zu bewegen, erzählen ihr, ihr Mann habe eine Geliebte gehabt und zwei weitere Kinder. Der Mutter werden Bilder von einer blonden Frau gezeigt. Sie sagt, wenn das so sei, möchte sie die Frau und die Kinder gerne kennenlernen. Da verraten die Beamten ihren Bluff: „Wir wollten dich nur testen.“

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