Der Tod und die Mädchen : Der Fall Epstein als Steilvorlage für Verschwörungstheoretiker

Sollten die Vorwürfe gegen ihn stimmen, könnten viele mächtige Männer daran interessiert gewesen sein, dass der Finanzier Jeffrey Epstein stirbt.

Jeffrey Epsteins Geliebte, Freundin, mutmaßliche Mittäterin - gegen Ghislaine Maxwell erhebt ein mutmaßliches Opfer schwere Vorwürfe.
Jeffrey Epsteins Geliebte, Freundin, mutmaßliche Mittäterin - gegen Ghislaine Maxwell erhebt ein mutmaßliches Opfer schwere...Foto: Patrick McMullan via Getty Image

Kann das wahr sein? Am Samstag wurde der Milliardär Jeffrey Epstein morgens in seiner Zelle im amerikanischen Bundesgefängnis, dem Metropolitan Correctional Center in New York City, nicht ansprechbar aufgefunden. So lautet der offizielle Befund. Im Krankenhaus, dem New York Presbyterian Lower Manhattan Hospital, wurde dann sein Tod festgestellt. Reanimierungsversuche waren erfolglos geblieben. Die ermittelnden Behörden gehen von einem Suizid aus. Der wegen Misshandlung minderjähriger Frauen angeklagte Investmentbanker soll sich mit einem Laken erhängt haben.

Das Gefängnis im Süden Manhattans gilt als ausbruchssicher. Es wurde 1975 eröffnet, ist für alle Sicherheitsstufen ausgerüstet und stellt an seine Mitarbeiter höchste Ansprüche. Der mexikanische Drogenboss „El Chapo“ saß ebenso dort wie der ägyptische Islamist Omar Abdel-Rahman und der Drahtzieher des Bombenanschlags auf das World Trade Center im Jahr 1993, Ramzi Ahmed Yousef.

Der 66-jährige Epstein soll bereits vor drei Wochen versucht haben, sich umzubringen. Er habe benommen und mit Wunden am Hals auf dem Zellenboden gelegen, berichteten US-Medien. Trotzdem wurde offenbar wenige Tage vor seinem Tod eine gesonderte Überwachung für suizidgefährdete Häftlinge beendet.

Die beiden Wärter wiederum, die ihn in seiner Todesnacht beaufsichtigen sollten, schliefen während der Arbeit. Statt jede halbe Stunde nach dem Insassen zu schauen, sei dieser für rund drei Stunden nicht kontrolliert worden, schreibt die „New York Times“. Anschließend sollen die Wärter ihren Arbeitsbericht gefälscht haben, um ihr fatales Versäumnis zu verschleiern.

Belastendes über Bill Clinton

Die „New York Post“ berichtet, dass Einzelheiten des Todes von Epstein bereits 40 Minuten, bevor das Ereignis öffentlich bekannt gegeben wurde, anonym im Internetforum „4chan“ erzählt worden seien. „Fragt mich nicht, woher ich es weiß“, schrieb ein Nutzer, „aber Epstein ist vor einer Stunde durch Erhängen gestorben, Herzstillstand.“ Insgesamt sechs Beiträge veröffentlichte dieselbe Person zum Tode Epsteins auf „4chan“.

Seitdem gibt es ständig neue Gerüchte, Spekulationen und Verschwörungstheorien. US-Präsident Donald Trump retweetete eine Twitter-Nachricht des konservativen Aktivisten und Comedian Terrence K. Williams, derzufolge Bill und Hillary Clinton für Epsteins Tod verantwortlich sein sollen. Laut Williams habe Epstein belastende Informationen über Bill Clinton gehabt.

Einer von Trumps Gegnern, der Jura-Professor von der Harvard-Universität, Laurence Tribe, twittert: „Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um hier eine böse Vertuschung zu sehen, die viele mächtige Männer schützen soll.“ Man müsse vielmehr schrecklich naiv sein, um so etwas nicht zu sehen.

Unter den Namen der vielen mächtigen Männer aus Epsteins Netzwerk, die nun kursieren, findet sich auch der einer Frau: Ghislaine Maxwell. Jüngst freigegebene Dokumente eines New Yorker Gerichts – erstellt im Zuge einer vor drei Jahren verhandelten Klage gegen Maxwell – unterstellen ihr eine maßgebliche Rolle beim Betreiben von Epsteins mutmaßlichen Sexhandelsring. Erhoben werden die Vorwürfe von einem mutmaßlichen Opfer. Maxwell, 57 Jahre alt, war über Jahre Epsteins Geliebte, später Freundin und Vertraute, außerdem seine Assistentin. Die Tochter des britischen Medienunternehmers Robert Maxwell war 1991 in die USA gezogen – kurz nach dem Tod ihres Vaters, der bei einem Segeltörn vor den Kanarischen Inseln über Bord gegangen war. Wo sich Maxwell derzeit aufhält, ist nicht bekannt.

Ein „großartiger Typ“

Kein Zweifel, Epstein war bestens vernetzt. Er hatte Kontakte zum heutigen Präsidenten Donald Trump, zu Ex-Präsident Bill Clinton und Prinz Andrew aus Großbritannien. Ein Video aus dem Jahr 1992 zeigt den Milliardär bei einer Feier mit Trump in dessen Golfklub Mar-a-Lago im Bundesstaat Florida. Die Aufnahmen wurden, laut Fernsehsender NBC, für eine Folge der Sendung „A Closer Look“ über den Lebensstil Trumps gemacht.

Zu sehen ist der damals frisch von seiner ersten Frau Ivana geschiedene Trump, wie er Epstein bei der Party begrüßt. Die Männer stehen nebeneinander und reden über die Cheerleader der Footballmannschaft Buffalo Bills, die vor ihnen tanzen. „Sie ist scharf“, meint Trump über eine der Frauen und zeigt auf sie. Noch zehn Jahre später sagte er in einem Interview über Epstein, der sei ein „großartiger Typ“. Der Banker möge schöne Frauen, von denen viele jünger seien.

Zur Frage, ob er wirklich glaube, dass die Clintons in den Tod Epsteins verwickelt seien, sagte Trump am Dienstag: „Ich habe keine Ahnung.“ Den von ihm weitergeleiteten Tweet habe ein „hoch angesehener konservativer Experte“ geschrieben. „Das war ein Retweet, das war nicht von mir, das war von ihm.“ Vor vier Wochen hatte Trump betont, seit 15 Jahren kein Wort mehr mit Epstein gewechselt zu haben. „Ich kannte ihn, wie jeder in Palm Beach ihn kannte“, sagte er. „Ich war kein Fan.“

Auch Bill Clinton distanziert sich von seinen damaligen Kontakten zu Epstein. Am 8. Juli ließ er eine Erklärung veröffentlichen, derzufolge er nichts von dessen Sexualstraftaten und den „schrecklichen Verbrechen“ gewusst und seit mehr als zehn Jahren nicht mit ihm gesprochen habe.

45 Jahre Haft

Wer wusste wann was? Wer hatte wen in der Hand? Wer hatte Angst vor möglichen Enthüllungen durch ein Gerichtsverfahren? Zu viele Fragen, zu wenige Antworten. Die „New York Times“ schreibt in einem Editorial über die zahlreichen Gerüchte: „Die schmutzige Geschichte enthält fast alle Markenzeichen eines stereotypischen Verschwörungsstoffes – Sexhandel mit Kindern, mächtige Führer der Weltpolitik, dubiose Flüge in Privatjets, Milliardäre, deren Reichtum unerklärlich ist. Das Gift verbreitet sich.“

Epstein war am 6. Juli 2019 in den USA, auf dem Flughafen Teterboro in New Jersey, bei der Rückkehr von einer Frankreich-Reise festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft in New York wirft ihm vor, zwischen 2002 und 2005 Dutzende minderjährige Mädchen missbraucht und einen illegalen Sexhandelsring aufgebaut zu haben. Im Falle einer Verurteilung hätten ihm bis zu 45 Jahre Haft gedroht.

Laut Anklageschrift seien einige Mädchen erst 14 Jahre alt gewesen und mit großen Summen Bargeld angelockt und dazu verleitet worden, weitere Mädchen heranzuschaffen. Dutzende Frauen werfen Epstein vor, sie als Schülerinnen oder Studentinnen in seinen Luxus-Wohnsitzen in Palm Beach und New York missbraucht zu haben – manche mehrmals am Tag. Die Opfer in einem „ständig wachsendem Netzwerk“ seien überwiegend „wirtschaftlich benachteiligte, minderjährige Mädchen“ gewesen, sagt Staatsanwalt Geoffrey Berman.

Laut der Zeitung „Miami Herald“ soll Epstein ein „kleines schwarzes Buch“ mit den Namen von mehr als hundert Mädchen geführt haben. Viele der Übergriffe sollen sich in Epsteins „Massage“-Salon ereignet haben, den er mit pornografischen Bildern und Sexspielzeug ausgestattet hatte. Pro Besuch sollen die Mädchen 200 bis 300 Dollar erhalten haben.

Der Arbeitsminister trat zurück

Eines der mutmaßlichen Opfer ist die heute 32-jährige Jennifer Araoz. Dem Sender „NBC News“ erzählte sie, wie das System funktionierte. Im Alter von 14 Jahren sei sie vor ihrer Schule an der Upper East Side in New York von einer jungen Frau angesprochen worden. Diese habe von Epsteins Hilfsbereitschaft geschwärmt. Sie selbst sei damals „ein wenig verloren“ gewesen, sagte Araoz, das habe die Frau wohl gespürt.

In der Folgezeit traf sich Jennifer Araoz regelmäßig mit Epstein. Im Herbst 2002, sie war damals 15, habe er sie vergewaltigt. Vor einer Anzeige sei sie zurückgeschreckt. „Er kannte viele mächtige Leute. Ich wusste nicht, was er mir antun könnte.“

Dieses Opfer hat jetzt doch Klage eingereicht. Die Zivilklage richtet sich gegen Ghislaine Maxwell, gegen Epsteins Nachlassverwalter und drei weitere Mitarbeiterinnen. Die aktuelle Klage wurde durch ein neues Gesetz im Bundesstaat New York ermöglicht, das Opfern von weit zurückliegenden Sexualverbrechen ein Jahr Zeit lässt, um rechtliche Schritte einzuleiten. Jennifer Araoz wirft dem Verstorbenen vor, sie im Jahr 2002 vergewaltigt zu haben. Damals war sie 14 Jahre alt. In der von Araoz eingereichten Klageschrift beschuldigt die heute 32-Jährige Maxwell und die anderen Frauen, miteinander konspiriert und so den Missbrauch erst ermöglicht zu haben.

Eine andere Zeugin erzählt, dass Epstein minderjährige Mädchen auch an Freunde und Bekannte vermittelt habe – mit der Absicht, diese dann anschließend „in der Tasche“ zu haben. Epsteins Privatjet hieß unter Eingeweihten „The Lolita Express“, sein Wohnsitz in Miami „Orgy Island“, Insel der Orgien.

Schon einmal war Epstein wegen sexueller Verbrechen verurteilt worden. Nach einer rund 13-monatigen Ermittlung, in deren Verlauf sich mehr als 50 mutmaßliche Opfer gemeldet hatten, bot er der Staatsanwaltschaft im Jahr 2008 einen außergerichtlichen Deal an, um einem Bundesverfahren wegen Missbrauchsanschuldigungen und einer drohenden lebenslangen Freiheitsstrafe zu entgehen.

Der damalige Staatsanwalt in Florida und spätere Arbeitsminister im Kabinett Trump, Alexander Acosta, willigte ein. Epstein bekannte sich schuldig, Minderjährige zur Prostitution gezwungen zu haben, und saß ohne Verfahren vor einem Bundesgericht eine Gefängnisstrafe im „Palm Beach County Jail“ von 13 Monaten ab. Täglich hatte er bis zu zwölf Stunden Freigang. Acosta trat jetzt wegen des Deals als Arbeitsminister zurück.

Prinz Andrew, ein Gouverneur, ein Senator

Ein Richter in West Palm Beach in Florida hatte befunden, dass die Absprache von 2008 gegen ein Gesetz zum Schutz der Rechte von Opfern verstoße – sie waren nicht informiert oder vorab befragt worden waren. Juristische Experten in den USA indes sind sich uneins, ob diese elf Jahre alte Absprache damit obsolet ist – oder ob einstige, mutmaßliche Mittäter Epsteins von ihm profitieren könnten. Ghislaine Maxwell zum Beispiel.

Im Jahr 2016 wurde Maxwell von einem anderen mutmaßlichen Opfer von Epstein, Virginia Giuffre, wegen Verleumdung verklagt. Giuffre hatte ausgesagt, von Epstein nicht nur zum Geschlechtsverkehr mit ihm selbst gezwungen worden zu sein, sondern auch mit anderen Prominenten – darunter der britische Prinz Andrew, der ehemalige Gouverneur von New Mexico Bill Richardson, der ehemalige demokratische Senator George Mitchell und viele mehr. Alle Genannten bestreiten die Vorwürfe. Maxwell bezichtigte Giuffre der Lüge, woraufhin diese die Verleumdungsklage einreichte. Das Verfahren wurde 2017 unter dem Siegel der Vertraulichkeit beigelegt.

Giuffre ist heute 36 Jahre alt. Sie sagt, sie sei als „Sex-Sklavin“ von Epstein auch zum französischen Geschäftsmann Jean-Luc Brunel, dem Chef einer Model-Agentur, geschickt worden. In Paris besaß Epstein eine Immobilie im vornehmen 16. Arrondissement. Zwei französische Kabinettsmitglieder fordern nun, dass eine Untersuchung über mögliche Querverbindungen eingeleitet wird. Frankreichs Justizminister bremste allerdings, über Fragen der Justiz entscheide nicht die Regierung.

„Ein intellektueller Fehler“

Trotz des Todes des Hauptverdächtigen, Jeffrey Epstein, laufen die Ermittlungen weiter. Mögliche Komplizen des Milliardärs sollten sich nicht in Sicherheit wiegen, warnt US-Justizminister William Barr. „Die Opfer verdienen Gerechtigkeit und werden sie bekommen“, versprach er. „Wir werden den Dingen auf den Grund gehen und die Täter zur Rechenschaft ziehen.“ Er selbst und sein ganzes Ministerium seien entsetzt und wütend über die Versäumnisse im Metropolitan Correctional Center. Barr versetzte den Direktor der Haftanstalt und beurlaubte die beiden Wächter, die mit der Aufsicht von Epstein betraut waren. Das FBI durchsuchte am Montag des Anwesen des Unternehmers auf den Amerikanischen Jungferninseln.

Vor 55 Jahren, im November 1964, schrieb der amerikanische Historiker Richard Hofstadter im „Harper’s Magazine“ einen Essay über „The Paranoid Style in American Politics“. Die Paranoia bestehe aus Übertreibungen, Verdächtigungen, Verschwörungsphantasien. Sie kann sich gegen Europa, den Papst, Mormonen und Jesuiten, Kommunisten und Banker, Kosmopoliten und Intellektuelle richten.

Die Struktur ist immer gleich: Stets will eine kleine, böse Gruppe, um sich zu schützen oder ihre Macht auszubauen, eine verbrecherische Wahrheit vertuschen. Ganz gleich, ob es dabei um die Kennedy-Ermordung, den Tod von Lady Di, die Mondlandung, die Terroranschläge vom 11. September 2001 – oder den Tod von Jeffrey Epstein geht.

Könnte es sein, dass manche Verschwörungstheorien ein Körnchen Wahrheit enthalten? Sie zu verachten, schreibt Ross Douthat, Kolumnist der „New York Times“, könne jedenfalls „ein intellektueller Fehler“ sein, der blind mache gegenüber abseitig klingenden Theorien. Woody Allen soll es einmal so ausgedrückt haben: „Nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht trotzdem hinter dir her sind.“