Ein Angriff auf den Papst? : Ehemalige FBI-Agenten durchleuchten den Vatikan

Früher brachten sie Mafiosi hinter Gitter. Jetzt ermitteln sie gegen Kardinäle. Ex-Agenten suchen Hinweise auf Sexualverbrechen. Ein Komplott gegen den Papst?

Die Initiatoren der Untersuchung sind sich einig, dass Papst Franziskus wohl nicht gewählt worden wäre, wenn bereits 2013 ein Ermittlungsbericht vorgelegen hätte.
Die Initiatoren der Untersuchung sind sich einig, dass Papst Franziskus wohl nicht gewählt worden wäre, wenn bereits 2013 ein...Foto: Maurizio Brambatti/dpa

Sie sind längst pensioniert, könnten ihren Ruhestand genießen. Doch Joaquin Garcia und Phil Scala haben ihren ehemaligen Beruf zum Hobby gemacht – und nun kein geringeres Ziel als den Vatikan. Die zwei Ex-FBI-Agenten nehmen Mitglieder des Kardinalskollegiums ins Visier. Genauer gesagt: jene 124 Kardinäle, die das 80. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, im Konklave derzeit also wahlberechtigt sind, falls ein Nachfolger von Papst Franziskus bestimmt werden muss.

124 Kardinäle, nachdem Joaquin Garcia und Phil Scala im Lauf ihres Berufslebens zum Beispiel den New Yorker Gambino-Clan der „Cosa Nostra“ infiltrierten und dazu beitrugen, dass im Jahr 2005 insgesamt 32 Mafiosi verhaftet wurden.

Beide arbeiteten mehr als 25 Jahre lang undercover, haben korrupte Politiker verfolgt und korrupte Polizisten. Garcia ging gegen kolumbianische und mexikanische Drogenkartelle vor und gegen Verbrecherbanden aus Russland und Asien. Scala war verantwortlich für Operationen gegen die Hell’s Angels, aufständische Gefängnisinsassen, eine Bombenfabrik der Al Qaida.

Die Schuldigen zur Verantwortung ziehen

Nun also die Kardinäle. Angeheuert wurden die Ex-Agenten von einer katholischen Laienorganisation in den USA, die sich „The Better Church Governance Group“ nennt – Gruppe für eine bessere Kirchenleitung. Sie wurde am 30. September in Washington D. C. gegründet und will die potenziellen Papst-Wähler auf ihre mögliche Beteiligung an „Skandalen, Missbrauch und Vertuschungen“ untersuchen.

Im Frühjahr 2020 sollen die Ergebnisse veröffentlicht werden. Als „Red Hat Report“ – wegen der roten Kopfbedeckung der Kardinäle. Für jeden Kardinal ist ein Rating vorgesehen, das Auskunft darüber gibt, wie er sich bei Missbrauchsfällen verhalten hat. Die Kategorien reichen von „schwerer Schuld“ über „glaubhafte Anschuldigungen“ bis „sauber“. Ein erstes Dossier, das sich mit US-Kardinälen befasst, könnte schon im kommenden Jahr erscheinen.

„Wir untersuchen Fälle von Missbrauch und Korruption in der Hierarchie der katholischen Kirche“, heißt es auf der Webseite der Better Church Governance Group. „Wir ziehen die Schuldigen zur Verantwortung und rehabilitieren diejenigen, die zu Unrecht eines Vergehens beschuldigt worden waren. Wir unterstützen Ehrlichkeit, Klarheit und Treue in der Kirchenleitung, und wir wollen das Vertrauen zwischen Laien und dem Klerus wieder herstellen.“

Ein Angriff auf den Papst

Wer sich erinnert, was aus der Sowjetunion wurde, nachdem Michail Gorbatschow für Glasnost geworben hatte, ahnt, welche Sprengkraft für den Vatikan in diesem Transparenz-Projekt stecken könnte. Finanziert wird es durch Spenden. Rund eine Million Dollar soll 2019 zur Verfügung stehen. Ein Team von Gelehrten und Wissenschaftlern, Ex-Agenten und Freiwilligen muss damit weltweit unterstützt werden, junge Akademiker, die für 25 Dollar pro Stunde bei den Ermittlungen helfen, werden noch gesucht.

Ein Aufklärungsprojekt? Oder ist das alles ein Komplott mit dem Ziel, Papst Franziskus zum Rücktritt zu zwingen?

Geleitet werden die Untersuchungen von Philip Nielsen, der bis vor Kurzem Forschungsdirektor am „Center for Evangelical Catholicism“ im US-Bundesstaat South Carolina war. „Wir befinden uns noch in einem sehr frühen Stadium“, sagt er. Neben insgesamt 15 ehemaligen FBI-Agenten seien in das Projekt weltweit bisher rund 50 Personen involviert, davon 20 in Europa.

Den Vorwurf, die Initiative sei ein Angriff auf Papst Franziskus und das Kardinalskollegium, weist Nielsen zurück: „Wir wollen die katholische Kirche stärken, indem wir größere Transparenz in das System bringen.“ Dazu gehöre die Offenlegung der Verwendung von Spendengeldern, der sexuellen Verbrechen von Priestern, der Einsetzung oder Absetzung von Bischöfen. Eine politische Agenda verfolge die Better Church Governance Group nicht.

Das "unmoralische Treiben" eines Bischofs

Die Ex-FBI-Agenten gehen nach Lehrbuch vor. „Wir sprechen mit Opfern, sammeln Beweise, lassen uns von Quellen informieren, die wir innerhalb der Kirchenhierarchie haben“, sagt einer von ihnen. „Außerdem werten wir E-Mails und Kurznachrichten aus, falls möglich setzen wir bei Befragungen auch Lügendetektoren ein.“ Seit ihre Aktivitäten bekannt geworden seien, würden sich immer mehr Menschen, einige anonym, bei ihnen melden. „Wir arbeiten ohne Angst und Vorurteile. Das schafft Vertrauen.“

Schon seit längerer Zeit war die Ermittlungs-Initiative geplant. Doch vor allem der sogenannte Viganò-Brief ließ die Empörung zur Tat werden. Carlo Maria Viganò war von Oktober 2011 bis Mai 2016 der Apostolische Nuntius in den Vereinigten Staaten. Am 25. August – dem ersten Tag der Irland-Reise von Papst Franziskus – veröffentlichte er in mehreren konservativen katholischen US-Medien ein elfseitiges Schreiben, in dem er Franziskus und mehr als ein Dutzend Bischöfe und Kardinäle zum Rücktritt auffordert. Viganò bezichtigt sie, das „unmoralische Treiben“ des späteren Washingtoner Erzbischofs Theodore E. McCarrick gedeckt zu haben.

Das Oberhaupt schweigt, nichts geschieht

Um McCarrick ranken sich Legenden. Seit Jahrzehnten war dem Kardinal Missbrauch an Seminaristen und jungen Priestern vorgeworfen worden. Doch die entsprechenden Berichte blieben bis nach seiner Emeritierung im Jahr 2006 folgenlos, denn er galt als kirchenpolitisch und finanziell mächtig. Papst Benedikt XVI. war es, der dann die ersten Strafen gegen McCarrick verhängte, er untersagte ihm etwa, in der Öffentlichkeit Gottesdienste zu feiern. Franziskus hob die Strafen wieder auf und machte ihn zu seinem Berater. Einige meinen sogar, McCarrick sei eine Art Schlüsselfigur des jetzigen Pontifikats. Viganò behauptet, Franziskus noch im Juni 2013 über Verfehlungen McCarricks informiert zu haben. Nichts sei geschehen.

Und der Papst? Der schweigt. Auf die Frage, ob es wahr sei, dass Erzbischof Carlo Viganò ihn 2013 über McCarricks angebliches sexuelles Fehlverhalten informiert habe, und ob es wahr sei, dass Benedikt XVI. zuvor Sanktionen gegen den ehemaligen Kardinal verhängt habe, erwiderte Papst Franziskus im Flugzeug auf dem Rückflug von Dublin nach Rom, er würde lieber über die Irland-Reise reden.

„Ich habe die Erklärung heute Morgen gelesen, und ich muss Ihnen aufrichtig sagen, dass ich Ihnen und all denen, die daran interessiert sind, dies sagen muss: Lesen Sie die Erklärung sorgfältig durch und treffen Sie ihr eigenes Urteil“, ergänzte Franziskus, „ich werde kein einziges Wort dazu sagen.“ Dann, erneut an die Adresse der mitgereisten Journalisten: „Wenn die Zeit vergeht und ihr eure Schlüsse gezogen habt, werde ich vielleicht darüber sprechen. Aber ich möchte, dass eure berufliche Reife die Arbeit für euch erledigt. Es wird euch guttun.“

Geleitet von der inneren Stimme

Jacob Imam ist der operative Direktor der Better Church Governance Group. Derzeit reist er viel durch die USA, sammelt Spenden, hält Vorträge. „Kardinäle müssen für gewisse Vergehen öffentlich zur Verantwortung gezogen werden“, sagt er. „Wir können es nicht mehr zulassen, dass unsere Kinder, die Unschuldigen, die Kleinen, die Seminaristen auf diese Weise verschlungen werden, wie es bis jetzt passiert ist.“ Deshalb müssten die Wähler, die in der Konklave einen Stellvertreter Christi bestimmen sollen, der vermutlich das Amt bis zu seinem Tod bekleidet, aufgeklärt werden über ihre Mitbrüder.

Imam ist 25 Jahre alt und das, was man einen Überflieger nennt. Er reiht diverse Auszeichnungen und Förderungen aneinander, bis vor Kurzem war er Forschungsstipendiat des Marshall Scholarships an der Universität Oxford, mit den Fächern Islamwissenschaft und Geschichte. Als Sohn eines Palästinensers aus Ost-Jerusalem, der 1979 in die USA emigriert war, konvertierte er vor drei Jahren vom Islam zum Katholizismus. In Israel organisiert er Gespräche zwischen Imamen, Rabbinern und Priestern. An der Hebräischen Universität will er eines Tages Jüdische Wissenschaften studieren. Und im vergangenen Oktober war er bei der Bischofssynode in Rom. Die meisten Kardinäle, die er auf das Ermittlungs-Projekt seiner Organisation ansprach, seien ekstatisch gewesen, sagt er.

Der Viganò-Brief habe vielen noch einmal die Augen geöffnet. „Kardinäle, Bischöfe und Priester opfern unschuldige Menschen für ihre dämonischen Ziele“, meint Imam. Für die Arbeit am BCG hat er seine Studien unterbrochen. „In manchen Krisen hörst du eine innere Stimme, die dich zum Handeln auffordert. Das war auch diesmal so.“

Eine "Verschwörung von Schwulen"

Geschockt von den MissbrauchsSkandalen, getrieben vom Wahrheits- und Aufklärungswillen, in Sorge um die Moral, politisch neutral – so präsentieren sich die Mitglieder der Better Church Governance Group. Das Konklave beeinflussen zu wollen, wäre ohnehin ein Verstoß gegen kanonisches Recht. Aber bei vielen, die beim Thema Missbrauch jetzt plötzlich initiativ werden, mischt sich in den Aufklärungswillen auch konservativer Widerwille gegen Papst Franziskus – zu barmherzig sei er, zu wenig dogmatisch, zu kapitalismuskritisch, zu liberal, zu ökologisch – sowie Homophobie.

Erzbischof Viganò macht „Schwule“ und eine „Verschwörung von Schwulen“ für die Missbrauchskrise verantwortlich, während der Papst eher strukturelle und hierarchische Gründe anführt. „Die schwulen Netzwerke“, schreibt Viganò in seiner Anklageschrift, „die heute weit verbreitet sind in vielen Diözesen, Seminaren und religiösen Orden, arbeiten im Geheimen und mit der Macht von Tintenfisch-Tentakeln.“ Als Franziskus 2016 in die USA reiste, organisierte Viganò, sehr zum Ärger des Papstes, ein demonstratives Treffen mit Kim Davis, einer Standesbeamtin in Kentucky, die sich weigerte, gleichgeschlechtliche Ehen zu schließen.

Die Ermittlungs-Initiative als Teil einer rechten Treibjagd auf Papst Franziskus – Direktor Nielsen wehrt sich gegen diesen Vorwurf. „Einige unserer Unterstützer sind rechts, andere links“, sagt er, „wer uns eine politische Agenda unterstellt, will unsere Arbeit diskreditieren.“ Die „New York Times“ jedoch zitiert Peter Isely, ein Missbrauchsopfer: „Das ist ein Grabenkampf zwischen verschiedenen Fraktionen der Kurie. Einige instrumentalisieren die Missbrauchskrise und beuten deren Opfer aus, um in der Kirche mehr Macht zu bekommen.“

So wäre Franziskus nie gewählt worden

Auch Imam meint, dass sich die Aktion in keiner Weise gegen Franziskus richte. Allerdings habe er sich schon oft gefragt, was geschehen wäre, wenn das Konklave 2013 einen anderen Papst gewählt hätte. Beim Gründungstreffen der Better Church Governance Group sollen die Anwesenden darin übereingekommen sein, dass Papst Franziskus wohl nicht gewählt worden wäre, wenn bereits 2013 ein Ermittlungsbericht vorgelegen hätte, wie er jetzt in Auftrag gegeben worden sei.

Eingehend und analytisch präzise hat sich Thomas Schärtl, der an der Universität Regensburg über philosophische Grundfragen der Theologie lehrt und von 2006 bis 2009 Theologie-Professor in Washington D. C. war, mit dem Zustand der katholischen Kirche in den USA befasst. Sein Aufsatz in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Stimmen der Zeit – Die Zeitschrift für christliche Kultur“ trägt die Überschrift „Amerikanischer Albtraum“. Der Brief von Erzbischof Viganò biete eine „handfeste Verschwörungstheorie aus dem Reich der blühenden, traditionalistisch gesonnenen Fantasie“. Homosexualität werde per se als eine Art Krankheit betrachtet. Zunehmend zerbreche die Loyalität mit dem Papst, Franziskus gelte in konservativen Kreisen als „Statthalter eines doktrinalen Relativismus, eines sozialpolitischen Kommunismus und der Öko-Ideologie“.

Wird in den Dossiers die sexuelle Orientierung von Kardinälen erwähnt? Wenn die sexuelle Orientierung für die Gesamtbeurteilung der Person wichtig sei, werde sie erwähnt, heißt es bei der Better Church Governance Group. Das gelte sowohl für homosexuelle als auch für heterosexuelle Geistliche. Wenn ein Bischof eine Freundin habe und außereheliche Kinder, werde das selbstverständlich vermerkt.

Der Computer wurde gehackt

Aufklärung und Transparenz!, rufen die einen. Ausforschung und Schnüffelei!, wettern die anderen. Und beide Seiten bezichtigen einander, in Wahrheit entweder den Missbrauch vertuschen oder eine größere, machtpolitische Agenda verfolgen zu wollen. Sicher ist: Mit dem Material, das gesammelt wird, muss sorgfältig umgegangen werden. Imam erzählt, dass sein Computer vor Kurzem von Unbekannten gehackt worden sei. „Zum Glück war nichts Sensibles drauf“, sagt er. Sicherheitshalber will er sich trotzdem von Scala und Garcia beraten lassen. Den Ex-FBI-Agenten, die einst Antworten darauf fanden, wie die New Yorker Mafia Geld eintreibt. Welche Regeln innerhalb der „Familie“ gelten.

Joaquin Garcia hat nach seiner Pensionierung ein Buch über seine Zeit beim FBI geschrieben, es heißt „Making Jack Falcone“ – Ich war Jack Falcone – und erzählt, wie er zum Gangster ausgebildet und in die Mafia eingeschleust wurde. Verdeckt arbeitende Ermittler im Vatikan – das könnte noch spektakulärer werden.