"Ich zog mein Messer und stieß es dem Opfer in den Rücken"

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Ein Weddinger in Israel : Vom Kleingangster zum Armeesprecher
Rückkehr zu den alten Zeiten. Arye Sharuz Shalicar bei einem Besuch in Berlin. Er steht vor dem Diesterweg-Gymnasiums, seiner alten Schule in Wedding.
Rückkehr zu den alten Zeiten. Arye Sharuz Shalicar bei einem Besuch in Berlin. Er steht vor dem Diesterweg-Gymnasiums, seiner...Foto: dpa

Damals ist Shalicar der unangefochtene König. Boss Aro, nennen sie ihn. Er vertickt Gras, hängt mit den Kolonie- Boys ab, den Jungen aus seiner Straße. Teil der Gang wird er nie, doch es sei besser gewesen, die Gefährlichen auf seiner Seite zu haben. Coban sagt heute: „Wir wollten dazugehören. Wären alle mit Block und Stift durch die Straßen gelaufen, hätten wir das auch gemacht.“

Doch das tat niemand. Stattdessen geht Shalicar nicht mehr ohne Gaspistole, Messer und Schlagring aus dem Haus. Mit 17 sticht er auf einen Türken ein, der seine Freunde von den Kolonie-Boys angemacht hat. Zu fünfzehnt verfolgen sie ihn, schlagen noch auf ihn ein, als er am Boden liegt. Shalicar soll ihm den Rest geben. „Ich zog mein Messer und stieß es dem Opfer zwei- bis dreimal in den Oberschenkel und in den Rücken“, erinnert sich Shalicar. Der Türke überlebt, Shalicar wird nicht von der Polizei erwischt. Doch von nun an ist klar, um anerkannt zu werden, würde Shalicar töten.

Eine Weile geht das auf. Die Judenwitze werden weniger, und wenn doch einer kommt, lächelt Shalicar ihn weg. Coban versteht nicht, warum er sich immer weiter radikalisierte. Erst in der Rückschau wird klar, wie es in Shalicar gebrodelt haben muss.

2010 hat er seinen inneren Konflikt in einem autobiografischen Buch verarbeitet. „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“, heißt es. Darin erzählt er von seiner Jugend in Wedding. Es ist eine Abrechnung mit dem Antisemitismus, wie er auch in jüngster Zeit, auch in Berlin wieder offen zutage tritt. Angeheizt vom Krieg zwischen Israel und der Hamas. Denn der Hass, der dem unreligiösen Straßengangster Shalicar entgegenschlug, war nicht der Hass der europäischen Antisemiten. Sondern der importierte Hass aus Nahost.

Von Israel aus beobachtet Shalicar die Proteste in seiner alten Heimat in den Medien. Sieht, wie Palästinenser über den Ku’damm in Berlin ziehen und rufen: „Jude, Jude, feiges Schwein“. Überrascht ist er darüber nicht. Was der Junge ihm damals an der Pankstraße gesagt habe, sei genau das, was er heute bei der Hamas erkenne: „Israel, wir wollen euch nicht in unserer Gegend haben.“

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