Eine Machete - das ist den Halbstarken dann doch zu viel

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Eine Nacht auf dem RAW-Gelände : Das St. Pauli in Berlin - ohne Polizeirevier
Gemischt. Hippies, Touristen, Halbstarke und Gestrandete – auf das RAW-Gelände strömen sie im Sommer alle.
Gemischt. Hippies, Touristen, Halbstarke und Gestrandete – auf das RAW-Gelände strömen sie im Sommer alle.Christian Mang

Die aggressiven Jungs tauchen wieder aus dem Dunkeln auf. Das letzte Polizeiauto ist vor einer Minute vorbeigefahren. Breitbeinig lehnen sie sich an eine Wand. Was war denn eigentlich los: Juden, Schwuchteln und Kuffar? So richtig können sich die beiden nicht erinnern. Der Besonnenere vermutet, „der andere Typ“ habe blöd geguckt und sich vor „seiner Schlampe“ aufspielen wollen.

Die Beiden machen nicht den Eindruck, dass hinter ihnen ein Netzwerk steckt, dass sie besonders überlegt, gut organisiert vorgehen: Welcher Profi würde einen so lukrativen Absatzmarkt wie das RAW-Gelände wegen seines Testosteronspiegels riskieren?
Aber hier muss man eben kein Profi sein, hier reicht Brutalität. Das Hausrecht der Türsteher, die den Halbstarken in jeder Hinsicht überlegen sind, endet an den Toren der Clubs. Einige Überwachungskameras gibt es zwar. Die Revaler Straße, auf der die letzten Angriffe passierten, filmen die aber nicht. Die Straße ist öffentliches Land.

Linke, offene Kultur - so hat es auf dem RAW-Gelände angefangen

Das RAW-Gelände ist einst von alternativen, linken Kulturmachern erschlossen worden. Das „Astra“ und das „Cassiopeia“ stehen bis heute für eine offene Kultur, es gibt immer wieder politische Veranstaltungen. Auf dem gesamten Areal hängen Plakate linker Initiativen und werben Flüchtlingshelfer um Unterstützung. Die meisten Frauen und Männer, die auf dem Gelände arbeiten, bezeichnen sich als links, antirassistisch, sozialkritisch. Dass die Halbstarken aus Familien stammen, die einst aus dem Nahen Osten und Nordafrika gekommen sind, sagen zwar alle. Nur tun sie das eben anonym. Sie wollen nicht riskieren, dass ihnen einer Rassismus vorwirft.
„Es sind“, sagt ein Türsteher, „immer dieselben, die Ärger machen.“ Sie fingen oft schon Streit an, wenn sie am Eingang auf Waffen durchsucht werden sollen. Immer wieder gebe es Beschwerden von Frauen, dass bestimmte Männer sie angegrapscht hätten. In einigen Clubs hängen Hinweise in den Damenklos, auf denen vor Übergriffen gewarnt wird.
Einer, der sich traut, auch unter seinem vollen Namen zu sprechen, ist André Krüger. Er sitzt bei einer Cola im Biergarten des „Astra“. Mit 50 Mitarbeitern ist die Konzerthalle einer der größeren Akteure in Friedrichshain und Krüger leitet sie. Krüger – rote Turnschuhe, weißes T-Shirt, rotes Basecap – hat klare, markante Gesichtszüge, ist kräftig, groß. Er könnte Werbung für Milchshakes oder Sportgeräte machen. Kurz: Der Mann ist cool, und er sagt: „Die Dealer sind unser kleinstes Problem.“

Das St. Pauli in Berlin

Es sei die Distanzlosigkeit, die Aggressivität, die Hemmungslosigkeit. Fast jedes Wochenende halte die „Astra“-Security zwei, drei Männer fest, die Gäste beraubt haben. Die Polizei kooperiere, könne aber auch nur so viel machen, wie ihre Personalstärke hergebe. Dennoch, Krüger hat den Eindruck, es werde zu viel toleriert. Der studierte Sozialwissenschaftler vergleicht den RAW-Kiez mit Hamburg: „Wir sind das St. Pauli in Berlin – nur auf St. Pauli gibt es mittendrin eben die Davidwache.“ Das nächste Polizeirevier in der Wedekindstraße ist zwar auch nicht weit weg, drei Autominuten maximal. Doch weil am Wochenende in der Innenstadt viel los ist, stecken die Beamten oft in anderen Einsätzen fest.
Einige der Läden wollen nun Flutlichter anbringen, damit dass Areal besser ausgeleuchtet wird. Seit diesem Frühjahr gehört das RAW-Gelände größtenteils der Göttinger Kurth-Gruppe. Die örtlichen Gastronomen schätzen den neuen Eigentümer, der ebenfalls mehr Licht ankündigte und zudem Büsche roden lassen wolle. Allerdings geschahen die letzten Taten auf der Revaler Straße, also öffentlichem Land. Dort ist es fast dunkler als auf dem Gelände selbst.
Übergriffe gibt es auch in den Clubs – wobei viele Läden die jungen Araber nicht mehr reinlassen. Ein Halbstarker, den Türstehern schon länger bekannt, hat einer jungen Frau neulich an die Brust gefasst. Als die Security ihn aus dem Laden schmiss, wollte er sich erst mit den Türstehern prügeln, dann verlangte er allen Ernstes, dass die von ihm belästigte Frau vor die Tür kommen solle.

Ein Video zeigt, wie sich Männer vor dem Club mit Flaschen bewaffnen

Auf einem Video, das ein Türsteher vor einigen Tagen mit seinem Handy aufgenommen hat, sind vier, fünf Männer zu sehen, die sich vor einem Club mit Flaschen bewaffnen. Die Sicherheitsleute, alle seit Jahren im Nachtleben aktiv, rücken schwer ausgerüstet vor: stichsichere Schutzwesten, Pfefferspray, Taschenlampen in der Hand. Oft filmen die Mitarbeiter solche Einsätze, damit ihnen später niemand Unverhältnismäßigkeit vorwerfen kann.
Neben Wirten und Gästen scheinen die jungen Araber auch den einen oder anderen Profi-Kriminellen zu stören. Zumindest erzählen Mitarbeiter des Geländes von einer Nacht vor einigen Monaten. Auf der Revaler Straße habe plötzlich ein Wagen gehalten. In dem Auto saßen Hünen, ein bisschen älter, sollen wie Bodybuilder ausgesehen und Türkisch gesprochen haben. Vielleicht, so mutmaßt ein Angestellter, wollten sie Reviere abstecken. Einer der Männer jedenfalls hielt in der Hand für alle sichtbar eine Machete. Die jungen Aufschneider blieben dann eine Zeit lang weg.

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