Eine Prüfung fürs Leben : Was es bedeutet, zur Abschlussklasse 2020 zu gehören

Abifahrt, Abiball, Abistreich: abgesagt. Genau wie die Praktika und das Auslandsjahr. „Alles zerfällt“, sagt eine Abiturientin. Und jetzt, Generation Corona?

Wie geht's weiter? Lina (links) und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler wissen es nicht.
Wie geht's weiter? Lina (links) und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler wissen es nicht.Foto: Sven Darmer

Als sie ihr Zeugnis in die Hand bekommt, sieht Lina ein bisschen verloren aus. Einen Handschlag kann sie von ihrem Lehrer nicht erwarten, ihre nächste Mitschülerin steht drei Meter entfernt, eine Umarmung käme aber ohnehin nicht infrage. Also lächelt die 19-Jährige ein bisschen und blickt geradeaus, auf den Sportplatz des Paul-Natorp-Gymnasiums, auf dem Stühle in Dreiergruppen aufgestellt sind wie Inseln in einem Meer.

Jedes der 72 Inselchen steht für einen Abiturienten oder eine Abiturientin und ihre Begleitung: Zwei Personen darf jeder mitbringen, solange diese im selben Haushalt wohnen und zuvor über eine Excel-Tabelle angemeldet wurden. Linas Eltern – ihr Geschwister durften nicht mitkommen – sitzen ziemlich weit hinten links, fast auf der Dreipunktelinie des Basketballfelds. Dorthin geht sie nun zurück, der Physik-Leistungskurs von Herrn Bolm wird bereits aufgerufen, ein paar Meter schreitet Lina noch über den roten Tartanboden, ihr buntes Kleid flattert im Wind, dann sind 13 Jahre Schulzeit beendet.

An diesem Montagnachmittag bekommen 135 Schülerinnen und Schüler des Natorp-Gymnasiums im bürgerlichen Berlin-Friedenau ihre Abiturzeugnisse ausgehändigt. In zwei Durchgängen, zwischendurch wird der Sportplatz geräumt, für den ganzen Jahrgang ist nicht genug Platz. Durchgefallen ist niemand aus der Klasse von 2020, der Notendurchschnitt liegt bei 1,9 – es ist der beste in der Geschichte der Schule.

Man sollte also meinen, dass diesen jungen Menschen die Welt offen steht. Allerdings ist die Welt in den vergangenen Monaten deutlich kleiner geworden.

Fernreisen? Ausgeschlossen. Praktika? Schwierig. Jobaussichten? Trübe. Abifahrt, Abiball, Abistreich, Mottowoche, traditionelles Fußballspiel Abiturienten gegen Lehrer? Abgesagt. Der Schulleiter spricht in seiner Rede von den „besonderen, wenn nicht einmaligen Umständen“ dieses Jahrgangs.

Wo sonst Basketball gespielt wird, werden jetzt die Zeugnisse überreicht.
Wo sonst Basketball gespielt wird, werden jetzt die Zeugnisse überreicht.Foto: Sven Darmer

Dieses Schicksal teilt Lina mit 14.000 Abiturienten in Berlin, mehr als 400.000 in Deutschland und unzähligen Schulabgängern auf der ganzen Welt. Die Klasse von 2020 wird entlassen ins Ungewisse.

Die Big Band der Schule spielt, zwischen Saxophon und Sängerin liegen drei Meter Abstand, „I’m so excited“. Aber was ist aufregend daran, wenn alle Pläne wegbrechen? Wenn man sich nicht umarmen soll, am Abend nicht mal tanzen gehen darf, geschweige denn einen Joint herumgehen lassen kann? In der Einladung zur Zeugnisverleihung steht: „Es wird leider keinen abschließenden Umtrunk o.ä. und kein Gruppenfoto geben können. Die Abstandsregel (1,5m) ist strikt einzuhalten.“ Freiheit hört sich anders an.

Bei einem Treffen wenige Tage vor der Abiverleihung sagt Lina, sie habe die vergangenen Wochen in einer Art „Schwebezustand“ verbracht. Sie meint damit nicht die angenehme Art zu schweben, Richtung Wolke 7. Es ist eher das Gefühl, keinen Halt zu haben, in der Luft zu hängen.

Zuletzt hatte Lina viel Zeit - und wenig Geld.
Zuletzt hatte Lina viel Zeit - und wenig Geld.Foto: Lars Spannagel

Für das Gespräch hat sie ein Café in der Nähe der Schule vorgeschlagen, die Sonnenbrille hat die Abiturientin in ihre langen braunen Haare geschoben. An diesem Abend hätte eigentlich der Abiball stattfinden sollen. „Ich habe Glück: Ich bin ein spontaner Mensch und mache immer alles auf den letzten Drücker“, sagt Lina. „Deshalb hatte ich mir noch kein Kleid gekauft.“

Pläne für die Zeit nach dem Abitur hatte sie allerdings schon, „seit einem Jahr habe ich mich darauf gefreut“. Wandern mit einer Freundin in den Alpen, ein vielleicht letzter Familienurlaub mit Eltern und Geschwistern. Ab November vier Monate work and travel in Neuseeland, danach ein Vierteljahr in Griechenland bei einer NGO, die sich um Bootsflüchtlinge kümmert, Erstversorgung, an den Stränden von Chios.

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Seit den Abiturprüfungen hat Lina viel Zeit und wenig Geld, ihren Job als Kellnerin hatte sie bereits im März verloren. Die Anzahlung für die Abifahrt, die sie mitorganisiert und mitstorniert hat, haben die Schüler zum größten Teil zurückbekommen. Wie viel Geld sie vom Abiball bekommen – Tickets kosteten 70 Euro, manche Abiturienten hatten Karten für die ganze Familie für mehrere hundert Euro gekauft – ist noch unklar.

Zuletzt hat sich Lina häufig mit Freundinnen im Park getroffen. „Ich brauche viel Kontakt zu Menschen, ich musste in den letzten Wochen immer auf Achse sein“, sagt sie. „Langsam holt mich die Realität ein.“

Linas Realität: Alle ihre Vorhaben sind entweder gestorben oder müssen verschoben werden. „Bei Neuseeland war schnell klar, dass das nicht klappt“, sagt sie. Sie weiß auch nicht, ob es möglich sein wird, den Freiwilligeneinsatz in Griechenland vorzuziehen. „Die haben ganz lang gar keine Freiwilligen angenommen“, sagt sie. „Und ich weiß auch nicht, was passiert, wenn eine zweite Welle kommt. Ich möchte nicht als 19-Jährige auf einer Insel festsitzen. Das wäre meinen Eltern auch nicht so lieb.“

Also doch gleich studieren? Architektin werden, wie die Eltern? Ihre Mutter macht ihr auch andere Vorschläge: erstmal einen Sprachkurs besuchen, oder einen Computerkurs. „Ich würde schon gern ein Jahr Pause machen“, sagt Lina. „Ich war 13 Jahre in der Schule, ich will nicht gleich Weiterlernen.“ Mit den Bewerbungsfristen der Universitäten habe sie sich noch nicht wirklich beschäftigt, „weil ich irgendwie immer noch hoffe, dass die anderen Sachen klappen“.

Ihr Prüfungen schrieben die Schülerinnen und Schüler in der Aula des Paul-Natorp-Gymnasiums.
Ihr Prüfungen schrieben die Schülerinnen und Schüler in der Aula des Paul-Natorp-Gymnasiums.Foto: Tobias Schwarz/AFP

Mitte März werden die Schulen in Berlin geschlossen und die Abiturprüfungen nach Ostern verschoben. Schnell kommt von Schülern und Eltern die Forderung auf, die Prüfungen komplett abzusagen, das Abitur nur auf Grundlage der Semesternoten zu vergeben, den Schülern keinen Lernstress und kein Gesundheitsrisiko zuzumuten. Die Kultusminister lehnen diesen Vorstoß geschlossen ab, Schulpsychologen halten ebenfalls dagegen: Der Mensch brauche das Gefühl, eine Hürde genommen zu haben.

„Ich war auf der sehr glücklichen Seite“, sagt Lina, sie hatte zu Hause genug Ruhe und Platz zum Lernen, einen eignen Laptop. Sie fand es nicht gut, dass einige Abiturienten eine Sonderbehandlung wollten. „Ich meine: Es gibt Leute, die jetzt Existenzängste haben.“ Alle Menschen müssten da gerade durch und die Zähne zusammenbeißen – „warum sollen wir da eine Extrawurst und ein geschenktes Abitur bekommen?“

Viele Familien müssen ihre Pläne für den Sommer und die Zeit danach verwerfen.
Viele Familien müssen ihre Pläne für den Sommer und die Zeit danach verwerfen.Foto: Sven Darmer

Auf dem Sportplatz haben inzwischen auch die Leistungskurse Biologie, Deutsch und Geografie ihre Zeugnisse erhalten, der Sportlehrer Herr Emmer hält eine Rede. Seine Worte werden teilweise von einem Straßenreinigungsfahrzeug verschluckt, das lärmend hinter dem Zaun vorbeirollt. Ab und zu pfeift der Wind ins Mikrofon und jagt eine Rückkoppelung durch die Lautsprecher. „Alles, was am Abitur Spaß macht, ist ausgefallen“, fasst Herr Emmer zusammen. „Alles, was keinen Spaß macht, hat stattgefunden.“

Er rät den Schülern, die Coronakrise als Vorbereitung fürs Leben zu sehen. „Unvorhergesehene Dinge werden euch immer wieder treffen, einige vermutlich mit gleicher Wucht wie Corona“, sagt er. „Nehmt das als Übungslauf.“ Wer unter diesen Bedingungen sein Abi schaffe, werde Ausbildung oder Studium locker bewältigen. Spontaner Applaus von Schülern und Eltern.

Getrübtes Glück: Lina hatte sich lange auf die Zeit nach dem Abitur gefreut.
Getrübtes Glück: Lina hatte sich lange auf die Zeit nach dem Abitur gefreut.Foto: Sven Darmer

Lina hat in den nächsten Tagen erst einmal ein Bewerbungsgespräch als Kellnerin in einem Biergarten, sie will ihr Zimmer aufräumen, endlich alle Schulmaterialien wegschmeißen, sich für Studienplätze bewerben. Sie muss schauen, ob ihr Schnitt von 2,0 für Architektur ausreicht. „Ich kann nicht länger rumsitzen ohne zu wissen, wie es weitergeht“, sagt sie.

Unter Druck fühlt sie sich nicht, aber verunsichert ist sie schon. „ Ich frage mich manchmal: Wie sieht es in der Zukunft sein? Wenn ich irgendwann einen Job suche – finde ich dann einen?“

Der Jahrgang? "Super brav, super fleißig"

Viele der jungen Frauen auf dem Sportplatz tragen auffallend schicke Kleider – gekauft für den Abiball. Die jungen Männer sind lässiger gekleidet, helles Hemd, dunkle Hose, weiße Sneakers. Ihren Jahrgang beschreibt Lina als „super brav, super fleißig“ und sagt: „Ich hatte das Gefühl, die hatten eh schon alle nen Plan.“

Ihr Mitschüler Julius – 18 Jahre alt, kurze rote Haare, weißes Hemd, schwarzer Anzug – hatte vor, in diesem Sommer Praktika in Anwaltskanzleien zu machen, für ein Semester an eine Universität in den USA zu gehen, dann in Deutschland weiter Jura zu studieren. Seinen Führerschein wollte er eigentlich längst fertig haben, im Februar hat er die Theorieprüfung bestanden, ehe Fahrstunden untersagt wurden. Zur Abiverleihung begleiten ihn seine Mutter und sein Großvater. Der Vater lebt in Abu Dhabi, Anreise unmöglich.

Abiturient Julius vor dem Schulportal, wenige Tage vor der Abi-Verleihung.
Abiturient Julius vor dem Schulportal, wenige Tage vor der Abi-Verleihung.Foto: Lars Spannagel

„Die Kanzleien haben mir gesagt, dass sie im Augenblick keine Zeit haben, sich um Praktikanten zu kümmern“, sagt Julius, zusätzliche Büro-Arbeitsplätze wolle gerade ohnehin niemand einrichten. Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass er gleich mit Jura anfängt, irgendwo in Deutschland, mit seiner Abinote von 1,5 sollte das kein Problem sein.

Diese Abschlussnote wird den Schülern normalerweise in der Aula verkündet, einem eindrucksvollen Raum mit hoher Glasdecke, das Herz der Schule. In diesem Jahr wurden die Zensuren nur in die Schul-Cloud hochgeladen, per Handy konnten die Schüler nachschauen.

"In Feierlaune war niemand so wirklich"

An jenem Nachmittag vor ein paar Wochen stand Julius auf einem Kaufland-Parkplatz in Herzberg im Landkreis Elbe-Elster, mit fünf Freunden war er für ein paar Tage raus aus Berlin, „eine eigene kleine Abifahrt“. Da der Nachname von Julius mit „R“ beginnt und die Noten in alphabetischer Reihe veröffentlich wurden, musste er sich gedulden, eher er Klarheit über das Ende seiner Schullaufbahn hatte. Zwei seiner mitgereisten Freunde wussten da schon, dass ihr Abitur nicht so gut gelaufen war, sie wollten sich gleich zu Nachprüfungen anmelden, um ihren Schnitt zu verbessern.

„In Feierlaune war niemand so wirklich“, sagt Julius. „Und dann war’s das auch irgendwie.“

Nur zwei Begleitpersonen sind pro Schüler und Schülerin erlaubt. Dazwischen: drei Meter Abstand.
Nur zwei Begleitpersonen sind pro Schüler und Schülerin erlaubt. Dazwischen: drei Meter Abstand.Foto: Sven Darmer

Julius hatte sich darauf gefreut, auf dem Abiball mal anders mit den Lehrern zu quatschen – „ohne die Wand der Noten dazwischen zu haben.“ Ein Schlusspunkt, sagt er, wäre nett gewesen.

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Lina formuliert es so: „Wir sind alle zwölf oder 13 Jahre zur Schule gegangen – und auf einmal ist es einfach so vorbei.“ Sie habe sich nicht richtig verabschieden können, nicht von den Lehrern, nicht von den Schülern, „alles zerfällt“.

Zum Ende der Feier tritt der Schulleiter noch einmal ans Mikrofon: „Ich würde Sie jetzt bitten, das Gelände geordnet und mit Abstand zu verlassen.“

Lina und ihre Eltern stehen auf, gehen zu dem Eisentor, das hinaus auf die Straße führt. Dort warten ihre große Schwester und ihr kleiner Bruder. Lina dreht sich noch einmal um, rennt zurück. Und umarmt eine Freundin, lange und fest.