Die "Euthanasie des Tieres" wurde erneut angeordnet

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Einschläfern oder nicht? : Ein Hund fürs Leben

Bis dahin werden Elena Kasiyanova und ihre Freunde Wache schieben und beim Schrillen der Türglocke zusammenzucken, verstrickt schon jetzt in ein juristisches Gewirr aus Anwaltsschreiben und Widerspruchsbekundungen und Eilanträgen. Am Freitag hat die Veterinäraufsicht ihre Anordnung zur „Euthanasie des Tieres“ erneuert, diesmal unter Androhung eines Zwangsgeldes in Höhe von 1000 Euro. Entschieden wird die Angelegenheit nun voraussichtlich vor dem Amtsgericht. Wenn Borges Glück hat, stirbt er vorher.

Die Tierärztin, die Borges nach den Behördenmitarbeitern untersuchte, schrieb in ihrem Gutachten: „Der Wunsch, seinem Tier einen natürlichen Tod zu gewähren und es dabei zu begleiten, wird immer öfter in der alltäglichen Praxis kommuniziert.“ Langfristig, fügt sie hinzu, „werden wir Tierärzte uns dem Thema stellen müssen“.

Ein Freund von Elena Kasiyanova, der mit Borges gelegentlich spazieren geht, erzählt, er sei auf der Straße mehr als einmal von anderen Hundebesitzern angesprochen worden, die ihm barsch befahlen, den alten Hund gefälligst töten zu lassen. „Ich hatte das Gefühl“, sagt der Freund, „dass die meisten dieser Leute selbst schon mal ein Tier einschläfern lassen haben, und um die Entscheidung vor sich zu rechtfertigen, wollen sie nun, dass es jeder andere auch so hält.“

Elena Kasiyanova denkt manchmal an den Tag, an dem sie Borges fand, in Moskau, vor 17 Jahren. Lass doch den Hund, sagten Passanten, der ist doch schon halb tot.

Borges, der Hund, schweigt. Bellen kann er schon eine ganze Weile nicht mehr, nur im Traum lässt er manchmal genießerisch das Maul auf und zu schnappen, als schwelge er in der Erinnerung an sein eigenes Bellen.

Borges, der Schriftsteller, schrieb dies: „Alle Kreaturen, mit Ausnahme des Menschen, sind unsterblich, denn sie wissen nichts vom Tod.“