El Chapo-Prozess : "Der letzte Narco" vor Gericht

Er soll 33 Morde begangen und 14 Milliarden Dollar mit Drogen verdient haben. Im Prozess gegen „El Chapo“ stellt sich die Frage: Kann er allein schuldig sein?

Aussagekraft. Zeuge Jesus Zambada (2. v. l.) auf einer im Prozess gegen „El Chapo“ Guzmán (rechts) entstandenen Gerichtszeichnung.
Aussagekraft. Zeuge Jesus Zambada (2. v. l.) auf einer im Prozess gegen „El Chapo“ Guzmán (rechts) entstandenen Gerichtszeichnung.Foto: REUTERS

Er will, dass seine Geschichte erzählt wird. Wie er es vom armen Bauernsohn zum Milliardär geschafft hat. Besungen wird dieser Aufstieg bereits in zahllosen Balladen, sogenannten Narco Corrido, die in seiner Heimat Mexiko eine lange Tradition der Heldenverehrung pflegen. Doch er will mehr. Er denkt an einen Film.

Nur gibt es da die Schwierigkeit, dass es nicht gut für ihn wäre. Er, Joaquín Guzmán Loera, auch bekannt als El Chapo, Kopf des Sinaloa-Kartells, „mächtigster Drogenboss der Welt“, wie ihn das US-Handelsministerium nennt, gejagt von Behörden und Feinden, ist ein Mann großer Geheimnisse, ein Mysterium ist. Trotzdem, seit er im Sommer 2015 zum zweiten Mal aus einem mexikanischen Hochsicherheitsgefängnis geflohen ist, sucht er den Kontakt zu Leuten, die sich außerhalb seines sorgsam abgeschirmten Zirkels aus Bodyguards, Zuträgern und bestochenen Lakaien befinden. Er trifft sich Anfang Oktober sogar mit Hollywoodstar Sean Penn in Erwartung eines Filmprojekts.

Das führt die Jäger auf seine Spur, wie Generalstaatsanwalt Arely Gómez González nach Guzmáns Verhaftung im Januar 2016 erklären wird. Sie kennen die Mobilfunkdaten seiner engsten Vertrauten, orten sie. Und als eine große Taco-Bestellung unweit eines der Häuser aufgegeben wird, das einem seiner Gewährsmänner gehört, greifen sie zu.

Seit 5. November steht der „Osama Bin Laden des Drogenhandels“, "der letzte Narco“, vor einem US-Gericht, angeklagt in 17 Punkten, unter anderem des Mordes in 33 Fällen, der Geldwäsche und illegaler Drogengeschäfte im Wert von 14 Milliarden Dollar. Mexiko hatte ihn an die USA ausgeliefert unter der Bedingung, dass er nicht zum Tode verurteilt werde. Die Sicherheitsmaßnahmen sind so streng, dass elektronische Geräte im Gerichtssaal verboten sind und der Gerichtszeichner manche Zeugen nicht porträtieren darf, um ihre Anonymität zu schützen. Ein Mitglied der Geschworenenjury wird am ersten Tag ersetzt, weil es "zu viel Angst" hat.

Schon sprechen US-Medien davon, dass die Geschichte El Chapos „neu geschrieben“ werden müsse. Diese neue Version speist sich aus Satellitenfotos, dutzenden Videos, tausenden E-Mails und Text- Messages sowie 300 000 Seiten an Dokumenten. Aus einer Legende soll der Täter werden.

Die Antwort ist immer dieselbe: ein Kugelhagel

Und dann ist da noch, was die von der Staatsanwaltschaft aufgebotenen Zeugen an blutigen Erinnerungen beitragen. Die an den Abtrünnigen etwa, der sich 2004 einer rivalisierenden Bande namens Zetas anschließt. Bei einem Treffen Guzmáns mit ihm soll ein neuer Pakt geschlossen werden. Doch als El Chapo die Hand ausstreckt, um den Friedensschluss zu besiegeln, wendet sich der andere ab und geht. „Ich werde ihn umbringen“, soll El Chapo daraufhin geschworen haben. Als Rodolfo Carrillo Fuentes wenig später ein Kino in Culiacán verlässt, erwarten ihn die Killer und erschießen auch seine Frau.

Oder die an den Kompagnon, der sich über eine Weisung El Chapos hinweggesetzt hat. Die Killer tauchen bei ihm zu Hause mit Kalaschnikows auf. Mehrere Salven reißen ihn in Stücke, sodass „sein Kopf vom Hals baumelte“, wie die „New York Times“ berichtet.

Und dann ist da die Geschichte des korrupten Polizeikommandanten, der geprahlt hat, dass er mit El Chapo „Schluss machen“ werde. Aus Angst vor Vergeltung verlässt er sein Haus nicht mehr. Als eines Abends jemand an die Tür klopft und ruft, dass sein Sohn von einem Auto überfahren worden sei, eilt der Kommandant hinaus und in einen Kugelhagel.

Es sind Szenen wie aus einem der zahlreichen Drehbücher, die sich seit El Chapos spektakulärer Flucht vor drei Jahren mit dem Aufstieg der mexikanischen Drogenkartelle befassen. Denn das ist die Ironie an der Sache: Ein von ihm „autorisierter“ Kinofilm ist zwar nie entstanden, dafür prägen nun aufwendig produzierte Netflix-Serien wie „El Chapo“ oder die vierte „Narcos“-Staffel das Bild, das die Öffentlichkeit sich von dem unscheinbaren stämmigen Mann mit dem Schnauzbart macht, der für die Hälfte des Drogenverkehrs in die USA verantwortlich gewesen sein soll. Eine weitere Serie von Sony Pictures über die Jagd nach ihm ist in Arbeit.

El Chapo ist dabei, in den „Kanon der populären Gesetzlosen“ aufgenommen zu werden, wie der „Rolling Stone“ meint. Kann seine Verurteilung daran etwas ändern?

"Alle tot, richtig?"

Der Mann, der vergangene Woche von den grausamen Hinrichtungen erzählt, hat kein Interesse an dramatischen Effekten. Jesus Zambada, genannt El Rey, krault gelangweilt seinen Kinnbart, rollt im Zeugenstuhl lässig vor und zurück, gibt sich ungerührt, während El Chapo ihn finster anstarrt, wie es in US-Medien übereinstimmend heißt. Selbst als er vom Tod eines seiner Brüder berichtet, zeigt er sich unbeeindruckt.

Als Sektionschef des Sinaloa-Kartells in Mexico City gehörte El Rey, der „König“, dem innersten Kreis der Organisation an. Er ist der jüngere Bruder von Ismael „El Mayo“ Zambada, Guzmáns engstem Partner. 2008 fiel El Rey den Fahndern der amerikanischen Drug Enforcement Agency (DEA) in die Hände und kooperierte. Nun ist der 47-Jährige der erste Kronzeuge. Über drei Tage zieht sich seine Aussage hin.

Als der Verteidigung das Wort gehört, hat sie nur wenige Fragen. Etwa, warum El Rey solche Anschuldigungen gegen El Chapo nicht schon bei früheren Gelegenheiten erhoben habe. Alle, die seine Angaben widerlegen könnten, so der der Anwalt, seien inzwischen tot.

Der Verteidiger erwähnt den früheren Förderer El Chapos, der 2014 an einem Herzinfarkt starb, oder den Bruder Arturito, der Neujahr 2004 im Gefängnis ermordet wurde, oder einen weiteren mächtigen Verbündeten, der 1997 während einer Gesichtsoperation verblutet war. „Alle tot“, sagt er an Zambada gewandt und meint, „dass es praktisch niemanden außer Ihnen gibt, richtig?“

„Glücklicherweise“, sagt Zambada, „bin ich am Leben.“

In den Händen des Gesetzes. Joaquín Guzmán Loera nach seiner Festnahme 2016.
In den Händen des Gesetzes. Joaquín Guzmán Loera nach seiner Festnahme 2016.Foto: dpa

Was sich seit zwei Wochen unter extrem hohen Sicherheitsvorkehrungen in Saal 8 D des Justizpalasts am Cadman Place in Brooklyn abspielt, ist ein Thriller eigener Güte. „Geld, Drogen, Mord – darum geht es in diesem Fall“, sagt der stellvertretende Staatsanwalt Adam Fels in seinem einleitenden Statement. Das wäre die Kurzfassung.

Natürlich ist die Angelegenheit sehr viel komplexer. Im Prinzip sitzt mit dem Syndikatsboss das Monster von 30 Jahren verfehlter amerikanischer Drogenpolitik auf der Anklagebank. Seit Mexiko in den 80er Jahren zum Hotspot des Drogenschmuggels wurde, haben sämtliche Versuche, den Fluss an Marihuana, Heroin, Kokain und Crystal Meth einzudämmen, das Problem nur vergrößert. Den Nährboden für Guzmáns Karriere bildete auch das soziale Gefälle zwischen den USA und Mexiko. Mit einem durchschnittlichen Monatslohn von 700 Dollar haben Mexikaner nur ein Sechstel dessen, was US-Bürger jenseits der Grenze verdienen. Und je weiter man in die ländlichen Gebiete Mexikos vordringt, desto ärmer werden sie.

Als El Rey Zambada im Zeugenstand von den Vertriebswegen berichtet, wird er nach den Erlösen gefragt. Aus neun Millionen Dollar, die in eine 15-Tonnen-Ladung Kokain investiert werde, rechnet er vor, würden 39 Millionen Dollar, wenn die Fracht nach Los Angeles gelange. In Chicago sprängen 48 Millionen, in New York 78 Millionen Dollar heraus.

In den USA wird das Vermögen gemacht, das alles andere finanziert – die Powerboote, Mini-U-Boote, die Learjets, Strandhäuser und Ranches, der Privatzoo, die vergoldeten AK-47 und mit Perlen verzierten Pistolen, aber auch die Wasserleitungen, die Guzmán in seiner Heimat Sinaloa verlegen ließ und die einen Nachbarn El Chapos im „Vice“-Magazin sagen lassen: „Jeden Morgen, wenn ich unter der Dusche stehe, denke ich an ihn.“

Kokain wird zur Droge des Mittelstandes

Schon bei seiner Geburt Mitte der 50er Jahre – es kursieren zwei unterschiedliche Geburtsdaten – ist Joaquín Guzmán Loera von Opium- und Cannabis-Feldern umgeben. Der Vater betreibt eine Rinderfarm in La Tuna, einem abgelegenen Dorf in der Sierra Madre, in der asphaltierte Straßen einfach enden und staubige Pisten sich weiter die Hänge hinaufschlängeln zu den „Leuten von den Bergen“, wie man die Einheimischen nennt. Joaquín ist das älteste von sieben Kindern. Als Junge, so erzählt es El Chapos Mutter nach dessen Verhaftung 2016 einem Reporter von „Vice“, habe er Orangen am Straßenrand verkauft. Ihr Ältester sei eifrig gewesen. „Der beste Anwalt“, fährt sie fort, „den er je bekommen wird, ist Gott.“

Auch eine Schwester namens Bernarda spricht mit „Vice“. Sie lebt wie einige ihrer Brüder nach wie vor in La Tuna und erzählt, dass der Drogenanbau den Familien dort stets ein Auskommen beschert habe. Mitte der 70er Jahre zwingen die USA ihren südlichen Nachbarn jedoch, schärfer gegen den Drogenanbau vorzugehen. Die Armee rückt an, brennt die Ernten nieder, tritt Türen ein, erschreckt die Dorfbewohner, von denen einige verschleppt werden. El Chapo, annähernd 18 Jahre alt, wird vor den Augen seiner Mutter von Soldaten zusammengeschlagen, sagt die Schwester.

Es ist die Zeit, da das Medellin-Kartell um Pablo Escobar das Drogengeschäft von Kolumbien aus ganz neu aufzieht. Die USA erleben eine Phase wirtschaftlichen Wachstums, Kokain wird zur Droge des Mittelstandes. Escobar schafft es tonnenweise in kleinen Flugzeugen über die Bahamas nach Florida. Als ihm dieser Weg unter dem Druck der Reagan-Regierung abgeschnitten wird, müssen sich die Kolumbianer neue Kanäle suchen.

So gelangen die Bergbauern von Sinaloa ins Spiel. Sie unterhalten von jeher Schmuggelrouten in die USA, auf denen sie ihr Marihuana nach Kalifornien bringen. Diese Wege lassen sich auch für Kokain-Lieferungen nutzen.

El Chapo kennt zu diesem Zeitpunkt niemand. Er arbeitet für den mächtigen Boss des ersten Drogenkartells, das dieser in Guadalajara aus unterschiedlichen Parteien zusammenführt, und er erwirbt sich den Ruf eines fleißigen und skrupellosen Organisators. So steigt er auf. Als der Boss verhaftet wird, zerfällt dessen „Föderation“ in kleinere Gruppierungen, von denen eine fortan El Chapo und seinem Partner El Mayo Zambada untersteht.

Guzmán „revolutioniert“ den Drogenschmuggel. 1989 gräbt er seinen ersten Tunnel unter der Grenze durch, 500 Meter lang, beleuchtet und klimatisiert, durch den er tonnenweise Kokain auf Schienen nach San Diego schleust. Es ist der Anfang seines Imperiums, das sich durch systematische Bestechung von Politikern, hochrangigen Regierungsbeamten, Militärs und Polizisten schützt und seine Killer aussendet, um Rivalen zu beseitigen. El Rey Zambada weiß als Buchhalter des Kartells von 250 000 Dollar, die an einen Armee-General gingen, Beträge von bis zu zehn Millionen Dollar flossen an namentlich genannte Oberstaatsanwälte und Polizeichefs.

Auch als El Rey vom Tod eines rivalisierenden Kartell-Führers spricht, der 2002 angeblich bei einem Feuergefecht mit der Polizei umgekommen sein soll, erstaunt er seine Zuhörer mit dem Bekenntnis, dass die Cops gekauft worden waren. Sie hatten den Chef des Tijuana-Kartells mit einem Genickschuss getötet.

"Die Ersatzleute stehen bereit"

Dagegen versuchen El Chapos Anwälte anzugehen, indem sie die Zeugen der Anklage als „degeneriertes Pack“ und „Abschaum“ beschreiben, „der einen erschaudern lässt“. Ihr Mandant sei nur ein „Sündenbock“, während das Sagen in Sinaloa eigentlich der nach wie vor gesuchte El Mayo Zambada hat. El Reys Glaubwürdigkeit versuchen sie mit dem Vorwurf zu erschüttern, dass der seine Rolle mit Blick auf anstehende eigene Prozesse herunterspiele. El Chapo sei viel eher auf ihn angewiesen gewesen als umgekehrt. Der Anwalt lässt ein Organigramm der Kartellstruktur zeigen, auf dem die Position Zambadas herausgehoben ist. „Wie sieht das für Sie aus?“, fragt er den Zeugen. „Gut“, erwidert Zambada, „ich stehe unter ihm.“

Es ist die Gretchenfrage: Ein Einzelner soll verantwortlich sein? Einer in einem globalen Geschäft?

In einem Interview, das El Mayo der mexikanischen Zeitschrift „Proceso“ 2013 gab, spricht er davon, „dass Millionen Menschen in den Drogenschmuggel involviert sind“. Und er fragt: „Wie will man das kontrollieren? Was die Drogenbarone betrifft, ob sie nun in Haft sitzen, getötet oder ausgeliefert werden, lauern ihre Ersatzleute nur darauf, den Job zu übernehmen.“

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