Ein Denkmalsboom setzte ein

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Familien in Berlin : Die Kunstgießer Noack prägen die Stadt seit Generationen

Zurück zu Noack ins vorvorige Jahrhundert: Nach dem Kaiserguss steigt Werkmeister Noack, der aus der Oberlausitz kam und in Lauchhammer gelernt hatte, aus der Firma aus und macht sich 1899 in Friedenau selbstständig. Hier haben renommierte Künstler mit ihren Modellen der Bildgießerei Noack von Anfang an einen internationalen Ruf verliehen. Noack sen. zählt sie alle auf: Georg Kolbe, Käthe Kollwitz, Bernhard Heiliger, Henry Moore, Anselm Kiefer, Joseph Beuys, Jonathan Meese und viele andere. Darunter Georg Baselitz und seine riesenhaften, wuchtigen Figuren, die in der Werkstatt liegen und später nicht auf dem Kopf, sondern auf den Füßen stehen, und Rainer Fetting, der die Willy-Brandt-Statue als Visionär für die SPD-Zentrale an der Wilhelmstraße gestaltet hat, 3,40 Meter hoch und 500 Kilo schwer. Keine andere Gießerei in Berlin – jetzt gibt es ungefähr sechs, Noack ist die größte – hat das Stadtbild so geprägt wie die Friedenauer-Charlottenburger Firma. Ob Henry Moores „Big Butterfly“ vor dem Haus der Kulturen der Welt im Tiergarten, die „Goldelse“ auf der Siegessäule oder Käthe Kollwitz’ trauernde Mutter in der Neuen Wache – Noacks Handwerkskunst hat das Berlin-Bild bereichert, auch mit der Restaurierung vom „Großen Kurfürsten“ am Charlottenburger Schloss, mit den bisher 600 Berlinale-Bären von René Sintenis oder der Schadow’schen Quadriga auf dem Brandenburger Tor.

Das Wahrzeichen - ein sensibler Punkt

Mit dem Berliner Wahrzeichen treffen wir bei Hermann Noack sen. einen sensiblen Punkt. 1958 ist er 27 Jahre alt, hat Kunstformer gelernt, wird Meister und ist an der Restaurierung der Quadriga beteiligt. Hinter der Schadow’schen Rosselenkerin steht noch keine Mauer, aber wohl schon in den Köpfen wild gewordener ideologischer Heißsporne im (Ost-)Magistrat.

„Wir haben die Quadriga auf der Ostseite abgestellt, um sie am nächsten Tag auf das Tor zu hieven“, erklärt Hermann Noack sen. „Die Steinarbeiten erledigten Kollegen aus Ost-Berlin, wir hatten die Quadriga zu erneuern, weil der Gipsabdruck in einem Kohlenbunker in Dahlem entdeckt worden war. Am 3. August 1958, frühmorgens, klingelt es bei uns zuHause Sturm, Werkmeister Schenk steht vor der Tür, kreidebleich, und sagt: ,Chef, die Quadriga ist weg!‘“ Der Osten hatte sie heimlich abtransportiert, der Regierende Bürgermeister wusste von nichts, hinter den Kulissen ging die politische Kabbelei hin und her.

„Ich machte mich auf die Suche nach ,unserer‘ Viktoria und ihren Streitwagen“, sagt Hermann Noack sen. „Das hat mir einfach keine Ruhe gelassen. Die kann doch nicht einfach so verschwinden!“ Ist sie in Moskau oder was? Als Noack auf den Hof des Marstalls am damaligen Marx-Engels-Platz kommt, siehe, da steht sie, die Wagenlenkerin, „und als ich die Plane zur Seite schiebe, kommt’s raus: Der Adler vom Ehrenkranz, den die Siegesgöttin trägt, ist verschwunden, und ebenso haben die da drüben das Eiserne Kreuz geklaut.“ Seither trug die Göttin eine Art DDR-Monokel vor sich her, denn „Embleme des preußisch-deutschen Militarismus“ durften nicht mehr aufgestellt werden, sagten die Ost-Berliner Genossen. „Erst nach der Wende wurde wieder alles wie einst im Mai bei Johann Gottfried Schadow.“

Zeit der "Hitlerköppe"

Ach ja, einst im Mai. 1945. Die Zeit der „Hitlerköppe“ und der Medaillen fürs Nazireich war endgültig vorbei, plötzlich durfte Noack, dessen Firma von der sowjetischen Besatzungsmacht unter Sonderbewachung gestellt worden war, aus einem Internierungslager zurück: Gospodin Noack, du gehen damoi, musst machen patriotisches Denkmal für siegreiche Sowjetarmee. So kam der Entwurf für den acht Meter hohen Sowjetsoldaten an der heutigen Straße des 17. Juni in Noacks Werkstatt, und, dawai dawai, schon am 11. November 1945 wurde die Gedenkstätte über den Gräbern von 2500 Rotarmisten mit einer Militärparade der Alliierten eingeweiht.

Offenbar waren alle Beteiligten derart begeistert, dass bei Noacks in Friedenau ein regelrechter Denkmalsboom einsetzte: Die Russen hielten die Belegschaft mit Lebensmitteln, mit Butter und Brot bei Laune, sie zahlten pünktlich, bis zur Währungsreform 1948. Dann rückte Stalin keinen Rubel mehr raus, aber Noack hatte bis dahin gut geliefert: unzählige Buchstaben für heroische Inschriften, Büsten, Denkmale und Siegertrophäen. „Dabei wollten uns die Engländer nach Hamburg locken. Die Güterwagen waren schon bestellt. Doch die Auftragslage war so gut, dass wir blieben – und wir haben es nie bereut“, sagt Hermann Noack, der 83-Jährige mit dem wallenden weißen Haar über dem verschmitzten Lächeln und den blauen Augen.

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