In seinem Büro hängt eine Zeichnung vom Urtürken, gleich am Eingang

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Familien in Berlin : Der Historiker Götz Aly ist Nachfahre des Urtürken

Der kam gegen seinen Willen, als Kriegsbeute der preußischen Truppen, während der zweiten Türkenkriege. Der preußische General von Beyfus hatte ihn nach der Schlacht von Ofen, dem heutigen Budapest, mitgenommen. Damals war es Mode unter Adligen, dunkelhäutige Diener zu haben, einen Kammermohren oder eben einen Kammertürken. Ob Friedrich Aly allerdings wirklich aus der Gegend der heutigen Türkei kam, ist zweifelhaft. Das Osmanische Reich erstreckte sich Ende des 17. Jahrhunderts vom heutigen Westchina bis nach Marokko.

Etwa sechs Prozent der Berliner haben heute türkische Wurzeln.
Etwa sechs Prozent der Berliner haben heute türkische Wurzeln.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Nachdem General von Beyfus der Kurfürstin und späteren Königin Sophie Charlotte den osmanischen Kriegsgefangenen geschenkt hatte, wurde der jedenfalls fortan nur noch Kammertürke genannt. Sophie Charlotte ließ ihn auf den Namen Friedrich Aly taufen. Es war der zweite Kammertürke der Kurfürstin, aus ihrer Heimat Hannover hatte sie bereits Friedrich Wilhelm Hassan mitgebracht. Die Aufgabe von beiden war es, Gäste zu Sophie Charlotte zu führen, Getränke und Kuchen zwischen den Mahlzeiten zu servieren, ihre Briefe zu überbringen. Beide scheinen ihre Sache gut gemacht zu haben. Jedenfalls genossen sie hohes Ansehen, sie verdienten besser als die meisten deutschen Hofangestellten, konnten sich ein Haus ganz oben in der Schlossstraße leisten, in Sichtweite des Charlottenburger Schlosses. Friedrich Aly heiratete 1694 die Kammertürkin Marusch, die in der Zitadelle Spandau arbeitete und auf den Namen Sophia Henriette Zollin getauft war. Sie müssen sich schon vorher gut gekannt haben, zum Altar schritt sie schwanger.

Integration im Rekordtempo

Die Zeiten änderten sich für die Kammertürken, als Friedrich Wilhelm I., Sohn von Sophie Charlotte und späterer Soldatenkönig, 1713 den Thron bestieg. Er entrümpelte den aufgeblähten Hofstaat, entließ die Kammertürken. Friedrich Aly und Marusch zogen in ein einfaches Haus in der heutigen Oranienburger Straße, drei Jahre später starben sie. Ihre sechs Kinder zogen in die preußischen Landstädte, von einem ist bekannt, dass er als Militärarzt in Magdeburg arbeitete. Derzeit ist im Brandenburg-Preußen-Museum in Wustrau eine Ausstellung mit dem Titel „Türcken, Mohren und Tartaren. Muslime in Brandenburg-Preußen“ zu sehen, die auch von Friedrich Aly und seinen Nachkommen erzählt. Die beiden Urtürken und ihre Nachfahren scheinen sich in Rekordtempo in Preußen integriert zu haben.

In Götz Alys Büro hängt eine Zeichnung vom Urtürken, gleich am Eingang. Spätestens beim Hinausgehen blickt jeder Besucher auf den dunkelhäutigen Mann, der einen Turban trägt, einen dicken Schnauzer, Pluderhosen und einen langen Mantel. Götz Aly hat das Bild vor fast 40 Jahren in der Lipperheider Kostümbibliothek gefunden. Diese weltgrößte Sammlung zur Kulturgeschichte von Kleidung und Mode liegt im Berliner Kunstgewerbemuseum, gegründet hat sie Franz von Lipperheide, einer der ersten deutschen Modezeitschriften-Verleger, Ende des 19. Jahrhunderts. Götz Aly ist nicht sicher, ob das Bild wirklich Friedrich Aly darstellt oder doch Hassan, den anderen Kammertürken von Sophie Charlotte. Wieso hängt es gleich am Eingang? Fühlt er sich vielleicht doch nicht als „pottnormaler Deutscher“?

Eine Randnotiz im Lebenslauf

An seinem Schreibtisch, vor einer Wand voller Bücher über den Holocaust, sagt Götz Aly, das sei Zufall. „Der Urtürke ist eine Randnotiz in meinem Lebenslauf.“ Dann wiederholt er: „Der Urtürke würde in meinem Leben wahrscheinlich gar keine Rolle spielen, wäre ich nicht immer wieder gezwungen, mich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen.“

Es gibt nur einen Ort, wo Götz Aly seinen Nachnamen hilfreich findet: in Ostjerusalem. Zeigt er dort seinen Reisepass, erklärt, dass er von einem Osmanen abstamme, und ein wenig später, dass er zum Holocaust forsche, fragen viele Palästinenser: „Wurden in Deutschland wirklich so viele Juden ermordet?“ „Über solche Themen spricht man mit Arabern normalerweise nicht oft“, sagt Götz Aly.

In Israel, wo er sehr häufig in Archiven forscht, scheinen die Einwanderungsbehörden nach vielen Jahren und vielen Einreisen endlich verstanden zu haben, dass Götz Aly einfach ein deutscher Historiker ist. In den USA ist man sich da noch nicht sicher.