"Die Deutschen sind ein liebevolles Volk"

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Flüchtlinge vor dem Lageso : Aus Syrien geflüchtet, obdachlos in Berlin

Tagsüber warten die Atwans auf dem Bürgersteig vorm Lageso, ungeduscht, hungrig und schwitzend. „Es ist eine Katastrophe“, sagt Ibrahim Atwan. Er unterdrückt mit Mühe seine Tränen, seine Frau versucht, die Kinder abzulenken. Sie sollen ihren Vater so nicht sehen.

Dutzende Flüchtlingsfamilien übernachten und warten mit den Atwans rund um die Turmstraße. Syrer, Afghanen, Eritreer und Roma schlafen im Kleinen Tiergarten. Die neuen Obdachlosen von Moabit sind Zeugen des Scheiterns des deutschen Staates. Die Atwans wollen sich aber nicht beschweren: „Zumindest regnet es nicht“, sagt die Mutter. Die Deutschen seien ein liebevolles Volk, fügt sie hinzu. Sie zeigt auf eine Helferin, die mit einem Korb von Familie zu Familie läuft. Freiwillige verteilen in und vor der Behörde Schokoriegel, Saftkartons und Seife. Mutter Asma pfeift Sohn Khaled zurück. „Du hast genug für heute, und außerdem hältst du in deiner Hand noch einen Keks.“

Die Freiwilligen hinterlassen einen guten Eindruck bei den Atwans.

Langes Warten im Lageso - bis die eigene Nummer aufgerufen wird.
Langes Warten im Lageso - bis die eigene Nummer aufgerufen wird.Foto: dpa

Was ihnen in der Stadt in ihren ersten Tagen aufgefallen ist? „Die vielen Hunde und deren Dreck“, sagt Asma Atwan. Außerdem gebe es viel mehr Fahrradfahrer als bei ihnen zu Hause. „Und das Essen ist viel teurer“, sagt Ibrahim Atwan. Er könne sich noch gut daran erinnern, dass sein Vater während des Irakkriegs im Jahr 2003 eine irakische Flüchtlingsfamilie bei sich aufgenommen habe. Kein einziger Flüchtling habe damals in Mayadin auf der Straße übernachten müssen. „Unsere Willkommenskulturen sind halt verschieden.“ Ibrahim Atwan habe sogar Verständnis, dass sich alles verzögere. „Mein Vorschlag: Die Männer schlafen alle draußen, Frauen und Kinder bekommen eine Unterkunft.“ Ein Zelt oder ein Zimmer zumindest für die Kinder – die Atwans wären in diesen Tagen mit jeder Notlösung zufrieden.

Das Leben mit dem Terror

In Syrien wohnte die Familie auf einer eigenen Etage. Schlafzimmer, Kinderzimmer, Bad und Küche. Ibrahim Atwan erzählt gerne vom Leben in der Heimat. Er ist stolz, dass er einst gut für seine Familie sorgen konnte. Die Wohnung hatte er von seinem Vater, einem Polizisten, geerbt. Mit seinem Frisörladen verdiente Atwan genug Geld. „In Deutschland will ich auch einen Frisörladen eröffnen“, sagt er. Dann widmet er seine Aufmerksamkeit der ersten warmen Mahlzeit seit Tagen. Wir haben die Atwans eingeladen. In einem Imbiss haben sich die Kinder Pommes und Döner gewünscht. Es tut gut, mal etwas anderes als Kekse zu essen.

Die Atwans hatten vor ihrer Flucht nie ihre Heimatstadt Mayadin verlassen. Sie führten ein ruhiges Leben an den Ufern des Euphrats und hatten nie vor, auszuwandern – bis der sogenannte Islamische Staat einfiel.
„Ich durfte nicht mehr arbeiten, weil Frisuren verboten wurden“, sagt Ibrahim. Als die IS-Kämpfer immer mehr Männer köpften oder öffentlich hängten, dachte Ibrahim Atwan das erste Mal an Flucht. Als ihn ein Dschihadist beim Rauchen auf dem eigenen Balkon erwischte und drohte, ihn vor ein IS-Gericht zu zerren, war die Entscheidung gefallen.

Asma Atwan hatte die letzten Monate das Haus in Mayadin nicht mehr verlassen. Sie trägt aus Überzeugung ein Kopftuch, einen schwarzen Ganzkörperschleier, wie es der IS allen Frauen vorschreibt, das wollte sie sich nicht antun. Im Berliner Hochsommer wundern sich die Atwans nun über das andere Extrem. Die öffentliche Freizügigkeit nehmen die Eheleute allerdings mit Humor. „Solange wir uns nicht ausziehen müssen, können die anderen nackt sein“, sagt Ibrahim Atwan. „Wenn du aufhörst, die Frauen anzugaffen, soll das mir auch recht sein.“ Beide müssen kichern.

Berlin: An jeder Ecke Halal-Lebensmittel

Um die Flucht zu finanzieren, verkaufte Ibrahim Atwan vor rund drei Monaten seine Wohnung an einen Immobilienmakler, der Zimmer an ausländische IS-Kämpfer vermietet. Zusammen mit den Ersparnissen hatte er 3000 Euro zusammen. Er packte seine Frau und seine Kinder, gab all sein Geld in die Hände eines Schleppers und machte sich auf den Weg nach Berlin. Nun sind sie hier. Vielleicht für immer. Denn Ibrahim Atwan kann sich nicht vorstellen, in das zerstörte Syrien zurückzukehren.

Die junge Familie, sie hoffte auf ein bisschen Geborgenheit. In Deutschland, vielleicht auch in Schweden. Vor ein paar Wochen schliefen die Atwans zum ersten Mal in ihrem Leben schon einmal unter freiem Himmel. Das war in einem Wald in Griechenland. Sie hatten Angst. Aber mit dem Mut der Erschöpfung und der Hoffnung, eines Tages in Berlin anzukommen, gingen sie einfach weiter. „Syrer haben uns erklärt, wir sollten in die Hauptstadt von Deutschland gehen“, erzählt Ibrahim Atwan. Er habe gehört, Berlin sei eine offene und tolerante Stadt, und dachte, dass das Zentrum des reichsten Landes in Europa eine gute Wahl sei. Außerdem gebe es hier viele Einwanderer und man bekomme hier fast an jeder Ecke Halal-Lebensmittel.

Vor dem Lageso gibt es eine Hauptschlange. Wer da durch ist, muss sich an den anderen Schlangen für die spezielle Bearbeitung anstellen.
Vor dem Lageso gibt es eine Hauptschlange. Wer da durch ist, muss sich an den anderen Schlangen für die spezielle Bearbeitung...Foto: dpa

„Große Städte haben auch viel mehr Wohnraum“, dachte Ibrahim Atwan. Falsch, wie er nun im Hof der Moschee feststellt.

Ein Kind sollte nicht flüchten, nicht obdachlos sein

Die jungen Schiiten aus dem Irak haben ihre sufische Zeremonie beendet, einer von ihnen stellt sich aus ein paar Stühlen ein Bett zusammen. Er schnarcht laut. An der Wand zeigt eine Digitalanzeige die Zeit für das nächste Gebet an: Sonnenaufgang um 5.43 Uhr. Da müssen die Atwans längst wieder in der Schlange vor dem Amt stehen. Die Familie verkriecht sich in eine Ecke des Gebetsraumes. Die weiße Decke hat die Mutter vor der Moscheetür abgelegt. Sie ist zu schmutzig für das Gotteshaus. Wie lange sie in der Moschee mit dem alten Teppichboden bleiben dürfen, wissen sie nicht. Alles außer schlaflosen Nächten im Kleinen Tiergarten sei ihnen aber recht.

Am nächsten Morgen um kurz vor fünf zieht Ibrahim Atwan einen schwarzen Rollkoffer mit Kleidern hinter sich her. Eine Spende aus der Moschee. Der einjährige Jamin interessierte sich nicht für die frisch gewaschene Kleidung. Er habe auf sein Lieblingsshirt bestanden, das er schon seit Tagen trägt, erklärt die Mutter. „Papas Kumpel“ steht drauf. Es war nicht geplant, dass Khaled noch ein Brüderchen bekommt, nicht in den Zeiten des Krieges. Jamin war ein „Unfall“, sagt der Vater. Das Kind zieht die rechte Augenbraue hoch und spielt weiter mit seinem Frühstück: Schokoladenkekse vom gestrigen Tag. „Ein Kind sollte nicht flüchten, ein Kind sollte nicht obdachlos sein, ein Kind sollte nicht im Park schlafen“, sagt der Vater und lässt sich auf den Boden fallen.

Freiwillige verteilen Obst, Kekse und Wasser an die Flüchtlinge rund um das Lageso.
Freiwillige verteilen Obst, Kekse und Wasser an die Flüchtlinge rund um das Lageso.Foto: dpa

Die strohigen Gräser vor der Asylbehörde bohren sich in die Haut. Da sitzen sie also wieder – und hoffen, am Ende des Tages endlich eine Unterkunft zu haben. Die Atwans haben diesmal den Platz unter einem Tannenbaum ergattert, sie breiten wieder ihre Decke aus. Mutter Asma pickt vertrocknete Hölzchen und Baumnadeln von der Decke. „Wir versuchen, es uns so gemütlich wie möglich zu machen“, sagt sie.

Hoffnung auf ein weiches Bett

Und dann passiert es. Nach vier Tagen Wartezeit und Obdachlosigkeit, nach einer Nacht im Park mit Betrunkenen und zwei Nächten im Gotteshaus wird die Nummer 14 806 als eine der ersten aufgerufen. Die Atwans verschwinden in der Menge der Asylbewerber. Sie können es kaum erwarten, sich endlich fallen zu lassen. Vielleicht sogar auf ein weiches Bett. Eine Software wird sie in eine Unterkunft irgendwo in Deutschland vermitteln.
Ihre weiße Winterdecke mit den Schokoladenflecken lassen die Atwans auf dem Rasen vor der Behörde zurück. „Die wird heute Nacht noch jemand brauchen“, hatte Asma Atwan zum Abschied gesagt.

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