Die Securitys schreiten nicht ein

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Fremdenfeindlichkeit in Sachsen : Das gemeine Volk von Freital
Ein betrunkener Rechtsextremist wird in der Nähe des Heims festgenommen.
Ein betrunkener Rechtsextremist wird in der Nähe des Heims festgenommen.Foto: pa/dpa

Im Juli besuchte sie eine Bürgerversammlung. Stadtvertreter wollten erklären, wo die Flüchtlinge in Freital untergebracht würden. Im Saal wurde Brachtel beschimpft, man drohte, auch ihr Haus werde brennen. Als sie selbst sprechen wollte, wurde ihr das Mikrofon abgestellt. Nach der Veranstaltung fragte sie das Sicherheitspersonal, warum niemand eingegriffen habe. Antwort: „Lieber haben wir fünf von deiner Sorte gegen uns als 300 von den anderen.“

In Mocks Kneipe kennt man Steffi Brachtel und ihre Mitstreiter inzwischen mit Namen. Diese Gruppe von Ehrenamtlichen bestehe im Wesentlichen aus Wichtigtuern, sagt Mock. Und aus Frauen, die mal wieder gepoppt werden müssten.

Eines Abends wurde Brachtel auf dem Nachhauseweg von einem fremden Auto verfolgt. Seitdem holt ihr Sohn sie jeden Tag von der Bushaltestelle ab. Ein paar Wochen später wurde ihr Briefkasten in die Luft gesprengt. Als Brachtel auf der Wache fragte, wie die Polizei ihre eigene Gefährdung einschätze, erwiderte die Beamtin: „Würden alle Menschen solche Fragen stellen, kämen wir hier gar nicht mehr zum Arbeiten.“

Steffi Brachtel sagt, rechte Umtriebe würden in Freital seit Jahren bagatellisiert. Vielleicht, weil das Angehen dagegen enormen Aufwand und Risiken bedeute. Vielleicht, weil der Kampf ohnehin aussichtslos erscheine. Vielleicht aber auch, weil viele zwar nicht die bloße Gewalt, aber doch die Positionen dahinter guthießen. Träfe dies alles zu, wäre es kein Wunder, dass die Graffiti in der Stadt wochenlang bleiben. Es wäre Ausdruck eines Arrangements.

Zynische Erklärung der Stadt

Um die wenigen Engagierten und die Flüchtlinge zu unterstützen, plante die bundesweite Initiative „Laut gegen Nazis“ Anfang Mai ein Konzert in Freital, Smudo von den Fantastischen Vier wollte auftreten. Als der Veranstalter die Stadt um Unterstützung bei der Suche nach einem geeigneten Bühnenstandort bat, lehnte die zunächst ab. In der Begründung hieß es, die Existenz einer Neonaziszene sei ein „Klischee“, das man nicht nähren wolle. Erst nach bundesweiten Protesten lenkte die Stadt ein.

Das Wort „Klischee“ klingt zynisch, bestenfalls weltfremd, wenn man in Freital Menschen wie Joseph Parkes, 18, Flüchtling aus Ghana, trifft.* Steht man abends um zehn mit Parkes auf dem Bürgersteig vor seiner Wohnung, dauert es keine Minute, bis von der anderen Straßenseite jemand „Scheißneger“ herüberbrüllt. Das Wort ist Joseph Parkes geläufig, genau wie Bimbo, Kanacke, Dreckskanacke. Einmal haben fremde Männer Böller nach ihm geworfen. Seiner deutschen Pflegemutter legte jemand Bananenschalen vor die Tür. Als Parkes kürzlich mit ihr auf dem Bahnsteig stand, musste sie in ihrer Handtasche kramen, also bat sie ihn, kurz ihren Kaffeebecher zu halten. Da wurde er wüst beschimpft: Wie er es wagen könne, hier zu betteln?

Joseph Parkes sagt, in Freital würden Dunkelhäutige schlechter als Hunde behandelt. „Ich glaube, die Menschen in dieser Stadt sind stolz darauf, rechtsextrem zu sein.“ Vor acht Monaten kam er her, er lernte schnell, die Hauptstraße zu meiden, Cafés sowieso. Er legt jetzt nur noch Wege zurück, die er nicht vermeiden kann: morgens zur Schule und nachmittags zurück. Zum Einkaufen begleitet ihn seine Pflegemutter. In der Bahn lachen ihn Mitreisende aus, haha, ein Schwarzfahrer.

Einmal im Monat sucht er im nahe gelegenen Pirna einen Traumatherapeuten auf. Der Mann hilft ihm, sagt Joseph Parkes. Er macht ihm Mut, er rät, Parkes solle weghören, wenn ihn jemand „schwarze Ratte“ schimpft. Das Gefühl der Erleichterung hält so lange an, bis Joseph Parkes wieder in Freital am Bahnhof ankommt und bepöbelt wird.

Er hat Suizidgedanken. Er sagt, das Maß an Leid, das er ertragen könne, sei nicht unbegrenzt. Aber er hat auch Hoffnung: Im September kann er vielleicht in der Nähe von Münster eine Ausbildung anfangen. Er ist bereits einmal dort gewesen. Joseph Parkes sagt, er war stark verwundert. Die Leute dort hätten ihn wie einen Menschen behandelt.

* Name geändert

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