Sprengstoff ins Auto gelegt

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Fremdenfeindlichkeit in Sachsen : Das gemeine Volk von Freital
Demonstrierende Heimgegner in Freital.
Demonstrierende Heimgegner in Freital.Foto: pa/dpa

Bedroht wird, wer es wagt, offen für Nichtdeutsche Partei zu ergreifen. Die grüne Stadträtin erhielt über Monate anonyme Anrufe, sie und ihre Neger würden alle erschossen, sagte die Stimme einmal. Im Internet wurde ihre Wohnanschrift veröffentlicht. Dem Fraktionschef der Linken haben sie Sprengstoff ins Auto gelegt. Totalschaden. Die Namen beider Politiker standen auf einer sogenannten „To-do-Liste“, die Unbekannte an die Fensterfront des örtlichen Linken-Büros klebten. Die Scheiben sind mehrfach eingeschlagen worden.

Einer der Sprengstoffanschläge, die jetzt den mutmaßlichen Terroristen zur Last gelegt werden, fand vergangenen September in der Bahnhofstraße statt. In einem Mehrfamilienhaus sind dort ebenerdig 14 Flüchtlinge aus Eritrea untergebracht. Das Fenster, das bei der Explosion zerstört wurde, ist heute noch kaputt. Darunter wieder: „N.S.“ Die Bewohner sagen, sie trauten sich abends nicht aus dem Haus. Allerdings bekämen sie fast täglich Besuch von Jugendlichen. Die riefen Beleidigungen und oft auch „We kill you“, neulich trat jemand die Vordertür ein. Einer der Flüchtlinge sagt, er sei vergangenen Sommer nach Deutschland eingereist und zunächst in München gelandet. Dort hätten ihm Menschen zugewunken. Deute in Freital eine fremde Hand in seine Richtung, sei es entweder die geballte Faust oder der ausgestreckte Mittelfinger. „Wir haben gehofft, es würde besser“, sagt der junge Mann. Aber es wurde nicht besser. Vorige Woche standen abends Maskierte im Eingang. Sie sprühten seinem Mitbewohner CS-Gas in die Augen.

Hat die Polizei geschlafen?

Die nun festgenommene mutmaßliche Terrorgruppe ist spätestens seit dem Anschlag in der Bahnhofstraße von der Polizei überwacht worden. Einiges spricht dafür, dass weitere Sprengstoffattacken hätten verhindert werden können. Warum dies nicht geschah, ob womöglich gar ein Polizeibeamter der Gruppe nahestand, prüfen jetzt die Ermittler.

Rechtes Gedankengut hat in Freital eine lange Tradition. Bevor die NPD in Dresden ihr Landtagsbüro eröffnete, operierte sie von Freital aus. Der Rockerklub Gremium MC, deren Mitglieder zwar auch anderswo in Deutschland durch Straftaten auffallen, aber selten durch politische Einstellungen, bestand hier jahrelang aus Rechtsextremen. Pegida-Gründer Lutz Bachmann hält sich häufig in Freital auf, hat hier etliche Freunde. Das Foto, auf dem er als Hitler posierte, entstand in einem Freitaler Friseursalon. Viele Pediga-Unterstützer der ersten Stunde kommen aus der Stadt.

Warum Freital? Experten führen Gründe an, die man so oder ähnlich schon von anderen Gegenden mit Naziproblem kennt. Die Deindustrialisierung der Region nach der Wende. Der Wegzug junger Menschen mit hohem Bildungsgrad, vor allem weiblicher. Die Lage in der Peripherie. Das Gefühl von Abgehängtheit. Die Suche nach einer Identität. Aber kann das alles sein?

Im Freitaler Stadtrat kommt es gelegentlich zu Kooperationen, die in anderen Gemeindevertretungen undenkbar wären. Abgeordnete der CDU und AfD haben Geschäftsordnungsanträge der NPD durchgewunken. In Pausen wird zusammen geraucht. Auf den Vorschlag des NPD-Stadtrats, Flüchtlingen den Besuch von Spielplätzen zu verbieten, entgegnete ein ranghoher Christdemokrat lediglich, dies sei juristisch schwer umzusetzen. Ein anderer sagte, die Unterbringung von Flüchtlingen in Turnhallen könne keine „Endlösung“ darstellen. Später rechtfertigte er sich damit, das Wort stehe im Duden.

Der Oberbürgermeister schaut weg

Freitals Oberbürgermeister Uwe Rumberg ist ebenfalls von der CDU. Für ein Interview hat er keine Zeit, schriftlich lässt er ausrichten, es gebe in Freital keine nennenswerte Neonaziszene. Und dass er auch dunkelhäutigen Touristen einen Besuch seiner Stadt empfehlen könne.

Menschen, die sich in Freital gegen Rechtsextremismus engagieren, halten das für aberwitzig. Es sind Menschen wie die Kellnerin Steffi Brachtel, 41. Sie gehört keiner Partei an, bis vor anderthalb Jahren interessierte sie sich wenig für Politik. Dann veröffentlichte ein Freund auf Facebook einen Witz, der ging so: „Warum gibt es bei Star Trek keine Moslems? Weil Star Trek in der Zukunft spielt.“ Steffi Brachtel schrieb darunter, dass dies nicht lustig sei, und wurde reihenweise als Hure und linke Zecke beschimpft. Da ahnte Brachtel, dass sie künftig den Mund halten muss oder es schwer haben wird.

Mit ein paar anderen gründete sie eine Ehrenamtlichengruppe namens „Organisation für Weltoffenheit und Toleranz“. Seitdem haben sich Freunde, Bekannte und Nachbarn von ihr abgewandt. Die Mutter einer Mitschülerin ihres Sohnes zischte sie an der Bushaltestelle an: „Du bist doch für die aus dem Heim.“

Der Riss geht mitten durch Freitaler Familien. Bei Steffi Brachtel ist es der jüngere Bruder. Er glaubt, Deutschland werde bis heute von den Amerikanern besetzt gehalten, die ganze Welt werde von Juden beherrscht. „Ich weiß schon länger, dass er so tickt“, sagt Brachtel. Aber früher war das nicht wichtig, früher konnten sie sich über Rockmusik oder Kleinstadttratsch oder Dynamo Dresden unterhalten. Seit Pegida und der Flüchtlingskrise gehe das nicht mehr. „Jetzt steht jeder auf einer Seite.“

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