Worum es in diesem Arbeitskampf eigentlich geht

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GDL-Chef Claus Weselsky im Porträt : Bahn brechend
Tunnelblick. Claus Weselsky war selbst Lokführer, heute vertritt er 16 000. Der Sachse gilt als harter Verhandlungspartner und Freund der Wiener Klassik.
Tunnelblick. Claus Weselsky war selbst Lokführer, heute vertritt er 16 000. Der Sachse gilt als harter Verhandlungspartner und...Michael Koerner

Auch die Medien teilt der Mann ein in Freund und Feind. Zwar redet er mit jedem, spricht geduldig immer wieder seine Forderungen in Kameras und Mikrofone. Doch Journalisten, die sich seiner Ansicht nach von der Bahn beatmen lassen, will Weselsky in seinen Hintergrund-Runden nicht sehen.

Dass Weselsky mit seiner Art aneckt, weiß er spätestens seit einem Auftritt in Fulda Ende August. Es ging darum, die Basis zu mobilisieren. Weselsky dröhnte von zwei Kranken, die sich miteinander ins Bett legen und „etwas Behindertes“ zeugen – und meinte die aus seiner Sicht unglückliche Fusion der Konkurrenzgewerkschaften Transnet und GDBA zur EVG. Zwar entschuldigte sich Weselsky, doch nicht jeder nahm ihm das ab. Ansonsten schweigt Weselsky zu politischen Fragen jenseits des Gewerkschafts-Geschäfts. Offiziell hat er ein CDU-Parteibuch.

Angesichts des Gegenwindes könnte Weselsky einen Imageberater engagieren, um besser rüberzukommen in den Medien, menschlicher, sympathischer. Das tun viele, die die Öffentlichkeit für ihre Zwecke brauchen. Doch er denkt nicht daran. Über sein Privatleben ist nicht viel bekannt. Er hat einen erwachsenen Sohn, ist geschieden, taucht gerne, fährt Motorrad, entspannt sich bei Wiener Klassik. Das ist es dann auch schon.

Im Kern geht es nicht um Geld, sondern Macht

Doch vielleicht braucht es einen harten Hund wie Weselsky für einen Arbeitskampf wie diesen. Die Lokführer haben es mit gleich zwei mächtigen Gegnern zu tun. Nicht nur mit der Deutschen Bahn, mehr als 300 000 Beschäftigte weltweit, gut 40 Milliarden Euro Umsatz. Sondern auch mit der viel größeren Gewerkschaft EVG. Denn im Kern geht es bei diesem Konflikt nicht um Geld, wie sonst bei Auseinandersetzungen zwischen Arbeit und Kapital, nicht um die fünf Prozent mehr Geld und die kürzere Wochenarbeitszeit, die die Lokführer fordern. Das ist Kosmetik. Es geht um viel mehr – um Macht.

Weselsky will nicht nur für die insgesamt 20 000 Lokführer die Arbeitsbedingungen aushandeln. Sondern auch für die 17 000 Zugbegleiter, Bistro-Kräfte, Disponenten, Trainer und Lokrangierführer. Also für alle, die am und im Zug arbeiten. Das Problem: Viele davon sind bislang Mitglied bei der EVG. Die pocht ihrerseits darauf, für ihre Lokführer Tarifverträge abschließen zu dürfen, und will das nicht mehr der GDL überlassen. Eine verzwickte Situation, auch für die Deutsche Bahn. Die fürchtet um Frieden in ihren Betrieben, wenn für eine Berufsgruppe zwei unterschiedliche Tarifverträge gelten.

Provoziert die Bahn den Streik?

Zu Verhandlungen sei man gleichwohl bereit – das beteuern beide Seiten, die Bahn wie die GDL. Trotzdem wird gestreikt. Warum? Die Bahn provoziere eine solche Aktion, wirft ihr Weselsky vor. Womöglich hat er recht.

Ein Arbeitskampf mit viel Brimborium kommt der Bundesregierung gerade recht. Sie arbeitet derzeit an einem Gesetz, das regeln soll, dass in einem Betrieb nur noch die stärkste Gewerkschaft Tarifangelegenheiten regeln darf. Beide Regierungsparteien wollen etwas für ihre Klientel tun: Die Union, weil die Unternehmer fürchten, dass künftig immer wieder Streiks kleiner Arbeitnehmergruppen ihre Fabriken lahm legen. Die SPD, weil sie um die Solidarität in den Betrieben fürchtet, wenn jeder, der kann, eine eigene Gewerkschaft aufmacht. Die IG Metall und Verdi hätten dann ein Problem mehr.

Die Taktik der staatseigenen Bahn lässt vermuten, dass ihr ein Streik nicht ungelegen kommt. „Ein paar ordentliche Prozent, und schon wäre der Streik vorbei“, sagt selbst ein GDL-Stratege.

Es geht also am Ende darum, ob die GDL überhaupt überlebt. Deshalb kämpft Weselsky so erbittert. Tarifpolitisch hat er seit der Amtsübernahme ohnehin nicht immer nur gewonnen. Nun zählt es. Ob seine Leute mitziehen? Ob sie sich beschimpfen lassen von Kollegen und Kunden, nur um mehr Macht für ihren Boss zu erstreiten? Weselskys Gegner hoffen darauf, dass es an der Basis zu bröckeln beginnt. Bislang gibt es dafür keine Anzeichen.

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels.