Was die Räumung für die Cuvry-Brache bedeuten könnte

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Update
Gerhart-Hauptmann-Schule : Räumung mit Hindernissen
Nik Afanasiew

Es ist nicht auszuschließen, dass nach der Gerhart-Hauptmann-Schule auch der bislang ersten und einzigen Berliner „Favela“ die Räumung droht – der wilden Eigenbau-Siedlung mit Spreeblick an der Cuvrystraße. Dort, wo die eleganten Großstadtvordenker vom Guggenheim-Lab vor Jahren ein Großstadt-Vordenkerzelt zum Diskutieren hatten aufstellen wollen, dann aber vor wachsendem Kreuzberger Groll zurückgezuckt waren, siedelten sich ein Trupp Aussteiger und eine Reihe von Roma-Familien an. Die große Brache an der Schlesischen Straße gehört einem Münchner Immobilienunternehmer, der mit seinen Plänen offenbar noch nicht baubereit ist.

Die Bewohner der Favela an der Cuvrystraße geben sich am Dienstagmittag von den Ereignissen wenig überrascht. Dass die Polizei nach der geräumten Gerhart-Hauptmann-Schule weitermachen und ihre Siedlung aus Wellblechhütten auflösen könnte, erwarten einige von ihnen „seit Monaten“. So sagen das Männer in Lederkutten, die unweit der Spree Zigaretten rauchen. Ein älterer Aussteiger erklärt, er würde sich als Tourist tarnen, wenn die Polizei kommt, dann müssten sie ihn abziehen lassen. „Das kannst du nicht machen“, entgegnet ein junger Mann mit wild zerzausten Haaren. Er springt auf. „Wenn ich gehe, dann nicht kampflos. Das hier ist besetztes Gebiet."
Es ist kaum zu erwarten, dass sich viele Bewohner im Falle einer Räumung als Touristen tarnen – möglich wäre es schon. Denn die Cuvrybrache ist in den Sommermonaten ein beliebter Treffpunkt, sowohl bei Kiezbewohnern als auch bei Besuchern. Diese vermischen sich dann mit den gut 100 Menschen, die hier ohne Strom und Wasser wohnen, darunter sind Aussteiger, aber auch Flüchtlinge und mittellose Einwanderer. Grün ist die Cuvry in den vergangenen Monaten geworden, zwischen den schiefen Verschlägen wachsen immer mehr Bäume, bei einem flüchtigen Blick könnte die Favela mit einem unaufgeräumten Stadtpark verwechselt werden.

Die neuen Hütten sehen professionell gezimmert aus

Einige neu entstehende Hütten wirken allerdings professionell gezimmert, als würden sie gebaut, um zu bleiben. Sogar Kinder wohnen dort, vor allem in der Ecke, die überwiegend von Sinti und Roma bewohnt wird. Zwei Männer, die mit alten Holzdielen ein Dach ausbessern, wollen von einer möglichen Räumung nichts wissen. Was sie tun würden, im Fall der Fälle? Beide schauen nach oben, als würden sie zum ersten Mal darüber nachdenken, zucken mit den Schultern und hämmern dann einfach weiter. Unter ihnen fegt ein höchstens zehnjähriger Junge konzentriert den staubigen Weg, der sich aus dem Romaviertel der Favela zur nahen Cuvrystraße zieht.

„Die haben sich explosionsartig vermehrt, man muss es sagen, wie es ist“, sagt ein Mann mit Blick auf das Romaviertel. Er selbst ist eher der Punker-Fraktion der Cuvry zuzurechnen und sagt: Wenn die Polizei kommt, bin ich weg. Es ist nicht die letzte Brache, dann besetzen wir eben woanders.“ Bis auf einige junge Aktivsten vertreten die meisten Cuvrybewohner an diesem Tag eine ähnliche Meinung, mit der Polizei möchte sich kaum jemand auseinandersetzen. Die meisten interessieren sich im Falle einer Räumung eher für den genauen Zeitpunkt, um noch ihre Sachen in Sicherheit bringen zu können.

„Die meisten werden hier einfach gehen, ich sowieso“, sagt Candy Borrmann. Der 44-Jährige hat gerade seinen Master abgeschlossen, in „Indischer Kunstgeschichte und Südostasien-Studien“, er zückt sogar sein Abschlusszeugnis. In der Favela wohne er, weil nach der Trennung von seiner Freundin kaum Alternativen da gewesen seien.

Vor der Gerhart-Hauptmann-Schule fahren wieder ein paar Busse ab. Im Hof stehen Beamte mit Schutzschilden. Aus den Fenstern sind bereits mehrere schwere Gegenstände wie Fernseher geflogen. Auf der Reichenberger Straße halten etwa 50 Personen eine Sitzblockade ab und warten.
Am frühen Abend dann die erwartete, wenngleich unangemeldete Demo. Man sammelt sich am Kottbusser Tor, ungefähr 400 Menschen werden es wohl sein, darunter der unvermeidliche Schwarze Block der Autonomen, eine Gruppe von sehr überschaubarer Größe, die plötzlich unkoordiniert losstürmt, Richtung Schule, doch sie kommt nicht weit, scheitert an der Polizeiabsperrung an der Skalitzer Straße, zerteilt sich in Kleingruppen, einige Pflastersteine fliegen. Das war’s erst mal.
Unterdessen ist an der Schule weiterverhandelt worden, Stadtrat Panhoff hat so etwas wie ein Ultimatum gestellt: Bis 20 Uhr sollen sich die verbleibenden Flüchtlinge entscheiden, ob sie sich registrieren lassen wollen. Aber was ist, wenn nicht? Das bleibt unklar.

Ein harter Kern ist weiter im Haus

Eine Taktik des sanften Drucks, dem sich die übrig gebliebenen Flüchtlinge offensichtlich immer weniger entziehen können. Denn gegen 21 Uhr verlässt wieder ein Bus mit etwa 40 Insassen das Gelände, sie wollen weg und in die neuen Unterkünfte in Charlottenburg und Spandau. Aber das dürfen sie nicht, nicht wenn es nach den Demonstranten geht, von denen einige nun eine Sitzblockade versuchen. Der Bus muss wenden, versucht eine andere Straße und ist weg. Es sei der letzte, heißt es von Vertretern des Bezirksamts, von nun an genügten wohl Taxis. Die Busfahrer wollen wohl auch nicht mehr wegen der Demonstranten, jedenfalls sagt das die Polizei.

Aber viel wäre sowieso nicht mehr für sie zu tun. Rund 200 ehemalige Bewohner der Schule sind nun also weg und auf die Flüchtlingsheime verteilt. In Sichtweite der Schule, aber von der Polizei auf Distanz gehalten, harren dennoch auch gegen 22.30 Uhr noch immer 200 Demonstranten aus, teilweise lautstark protestierend, ansonsten friedlich. Und ein harter Kern von vielleicht 40 unentwegten Bewohnern ist weiter im Haus, teilweise auf dem Dach. Da einige gedroht hatten, das Haus oder sich selbst anzuzünden, sind vorsichtshalber zwei Löschfahrzeuge vorgefahren. Aber es passiert dann in der Nacht doch nichts - zum Glück. Am Mittwochmorgen ist die Lage dann erst einmal ruhig, heißt es von Seiten der Polizei. Noch immer sind einige Bewohner in der Gerhart-Hauptmann-Schule. Jetzt wird gewartet, wie der Bezirk heute weiter verfährt.

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