Was sie zu den Piraten trieb? Die AG Waffenrecht

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German Rifle Association in Berlin : Wie eine Spandauerin um das Recht auf Waffen kämpft
Traditionsreich. Die Schützen sind der viertgrößte Sportverband in Deutschland – mit 1,4 Millionen Mitgliedern. Schießen gilt sogar als Therapieform gegen Aufmerksamkeitsstörungen.
Traditionsreich. Die Schützen sind der viertgrößte Sportverband in Deutschland – mit 1,4 Millionen Mitgliedern. Schießen gilt...Foto: picture alliance / dpa

Auch der junge Sportschütze Marc Schieferdecker fühlte sich wie im falschen Film. Er ging zu den Piraten, denn es gibt keine unbewaffneten Piraten. Außerdem mögen Piraten keine Gesetze, vor allem keine unnötigen. Schieferdecker gründete die pirateneigene AG Waffenrecht und kam auf die Idee, seine Partei könnte ihre Existenz nach Piratensitte mit einem allgemeinen Vorderladerschießen feiern. Keine gute Publicity.

Dass ich einmal in eine Partei gehen würde!

Dass ich einmal in eine Partei gehen würde! Katja Triebel hätte es nie geglaubt, doch für die Piraten und die AG Waffenrecht machte sie eine Ausnahme. Es war der Beginn einer fünfjährigen Online-Freundschaft mit Schieferdecker.

Von ihm habe ich libertäres Denken gelernt, erklärt die Spandauer Waffenhändlerin und Freizeitsoziologin.

Und welche Folgen hat das?

Nur gute. Libertär zu denken, heißt einzusehen, dass ich alles tun darf, solange ich keinem anderen schade. Es setzt auf die Selbstverantwortung des mündigen Bürgers. In diesem Menschenbild erkennt Triebel sich wieder. Die meisten Politiker dagegen beleidigen ihren Stolz, das passierte bald bei den Piraten.

Marc Schieferdecker versuchte es noch mit dem Flyer „Wenn dein Nachbar Sportschütze ist“, vergeblich. 2013 gründete der beleidigte Sportschütze mit zwei Freunden die German Rifle Association – gewissermaßen als basisdemokratische Selbsthilfegruppe. Für einen „faktengestützten Umgang“ mit dem Waffenrecht. Mit der mächtigen Namensschwester in den USA, der National Rifle Association, habe sie nichts zu tun. Wer sind wir denn, kein eingetragener Verein, gar nichts, sagt die Verfechterin des libertären Denkens.

Nach dem Amoklauf von Winnenden reichten die Vorschläge der Parteien von zentraler Lagerung von Waffen und Munition über das Verbot von Großkaliber-Waffen bis zum Totalverbot, sagt Katja Triebel. Seitdem müssen Waffenbesitzer auch ohne begründeten Verdacht jederzeit Zugang zu ihrer Wohnung zwecks Überprüfung gewähren. Allerdings werden etwa in Berlin nur ein bis zwei Prozent aller Waffenbesitzer tatsächlich kontrolliert. Eine flächendeckende Überprüfung mindestens alle drei Jahre würde rund 370 000 Euro Kosten verursachen, weshalb die Berliner Grünen auf die Idee kamen, eine Kontrollgebühr von den Waffenbesitzern zu erheben. In anderen Bundesländern gibt es die schon.

Ist es nicht verrückt, fortwährende Misstrauensanträge gegen legale Waffenbesitzer zu stellen, wenn man die illegalen treffen will?

Marc Schieferdecker schätzt die Zahl der illegalen Waffen im Land auf 20 Millionen. Es sei in der Bundesrepublik inzwischen leichter, illegal eine Waffe zu bekommen als legal. Der German Rifle Association hat er ein Manifest geschrieben. Es geht davon aus, dass „jeder volljährige, zuverlässige und sachkundige Bürger das Recht hat, Waffen zu besitzen und zu tragen.“ Zu tragen?

In Deutschland gibt es mehr als eine Million Waffenbesitzer, aber nur die Polizei und ein streng limitierter Personenkreis darf Waffen in der Öffentlichkeit tragen. Schwer vorstellbar, die Berliner säßen sich künftig in der S-Bahn bewaffnet gegenüber. Auch Katja Triebel fühlt nicht das Bedürfnis, als Cat Ballou mit einem Colt in der Tasche durch Spandau zu laufen. Sie hat nicht mal eine Waffe. Aber wenn Waffenbesitz kein Bürgerrecht darstelle, sei er der Willkür eines politischen Zeitgeistes unterworfen, etwa dem Hare-Krishna-Zeitgeist der Siebziger. Und denen, die einen Schützen mit einem Amokschützen verwechseln.

„Selbstverteidigung ist ein Menschenrecht"

„Selbstverteidigung ist ein Menschenrecht. Das Waffenrecht ist der Lackmustest für eine liberale Gesellschaft, die ihren Bürgern vertraut“, sagt die Büchsenmacherstochter triumphal.

Wo lerne man denn die größte Disziplin, die kaum einer mehr habe? Beim Sportschießen. Der kleinste Regelverstoß, und man ist draußen. Weil es die Konzentration trainiert, betreiben es viele wie andere Yoga. Und selbst Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen gehen neuerdings zum Schießen: als Therapieform. Die Schützen sind der viertgrößte Sportverband in diesem Land, 1,4 Millionen Mitglieder.

Disziplin. Man merkt sie ihr an. Sie trägt ein Tuch um den Kopf, weil ihr im Augenblick die Haare fehlen. Die letzte Chemotherapie liegt kaum ein paar Tage zurück, ihr Blick missbilligt weitere Erkundigungen. Eine Krankheit ist eine gute Gelegenheit zu zeigen, dass man trotzdem arbeiten kann. Arbeiten, aufklären also. Fragen von Leuten beantworten, die das Waffenrecht kaum kennen, aber eine Meinung dazu haben. Es ist eine Frage der Disziplin, wie fast alles im Leben. Mit der gleichen Energie, mit der sie einst den Jagdschein gemacht hatte, wurde sie seit 2009, seit dem Amoklauf von Winnenden, auf eigene Faust zur Expertin für den Themenkreis Mensch und Waffe und Waffenrecht. Die meisten diesbezüglichen Wikipedia-Einträge sind inzwischen von ihr.

Weiß eigentlich noch jemand, dass die Grundbedeutung von „arm“ nicht „unbemittelt“ war, sondern „waffenlos“, ungeschützt? Und Spießbürger sind nicht Leute mit einem Kunstgeschmack, dem nicht mehr zu helfen ist, sondern solche, die nur Spieße hatten statt Lanzen.

Die letzten Monate hat Katja Triebel damit verbracht, gegen die geplante Verschärfung des EU-Waffenrechts zu kämpfen. Die Anschläge von Paris waren mit ursprünglich legal erworbenen, aber bereits deaktivierten Waffen geführt worden. Was war hier zu tun? Alle entwaffnen?

Es liegt selten nahe, den Hollywood-Cowboy zu zitieren, der einmal Präsident der Vereinigten Staaten war, aber hier vielleicht schon: Kriminelle und Waffenkontrolleure würden sich gewöhnlich nie begegnen, sagte Ronald Reagan. „Glauben Sie mir, ich weiß das aus persönlicher Erfahrung.“ So sehen Katja Triebel und Marc Schieferdecker das auch. Fakt ist: Auf die Kriminalitätsrate hat der legale Waffenbesitz keinen Einfluss.

Zivilisation kommt von zivil

Dass der souveräne Bürger immer der bewaffnete Bürger war, ist keine Frage. Aber ist es nicht selbst ein Akt der Souveränität, Souveränitätsrechte abzugeben? Zivilisation kommt von zivil.

In den 80ern hat die Triebel Jagd- und Sportwaffen GmbH eigentlich nur noch Trachtenmode verkauft, denn in West-Berlin war nicht nur das Jagen, sondern auch privater Waffenbesitz verboten. Aber plötzlich, Ende 1989, standen alle Jäger der DDR gefühlt vollzählig vor dem Ladentisch ihres Vaters und wollten neue Gewehre haben. Die schossen noch mit Schrotflinten, sagt Katja Triebel. Da die DDR aber Ausland war, feindliches Ausland, war jede Büchse mit Waffenbegleitschein und sonstigen Unbedenklichkeitserklärungen zu versehen. So endete das BWL-Studium der Büchsenmacherstochter abrupt, und Katja Triebel landete da, wo sie nie hinwollte, im Geschäft ihres Vaters. Schon damals wurde der Eintretende von einem großen Antilopenkopf begrüßt. Es ist ein Kudu, den hat ihr Vater in Namibia geschossen.