"Die Strategie von Syriza ist gescheitert"

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Griechenland : Alle gegen Varoufakis
Finanzminster Yanis Varoufakis hat den Griechen viel versprochen, der Putzfrau Vaso Gowa , dass er sie wieder einstellt.
Finanzminster Yanis Varoufakis hat den Griechen viel versprochen, der Putzfrau Vaso Gowa , dass er sie wieder einstellt.Foto: Orestis Panagiotou/dpa

Die Syriza-Partei dagegen hat den Protest von Anfang an unterstützt. Als Vaso niedergeschlagen wird, schläft die heutige Parlamentschefin der Linken neben ihr am Krankenbett. Und sie verspricht: Wenn wir gewinnen, dann seid ihr die ersten, die wir wieder einstellen. Darauf warten die Frauen.

Das ist jetzt schon einige Wochen her. Vaso Gowa hat nie vorgehabt, ihr Zelt nach der Wahl gleich abzubauen, sagt sie. „Wir sind vielleicht Putzfrauen, aber wir sind nicht dumm“, sagt sie. Um acht Uhr morgens kommen sie und bleiben in Schichten bis neun Uhr abends. „Wir haben uns geschworen, wenn nichts passiert, dann ziehen wir mit den Zelten auch vor das Syriza-Hauptquartier.“

Ein Mann mit einer Einkaufstüte in der Hand erkundigt sich, ob es Neuigkeiten gibt. „In ein paar Wochen soll es ein neues Gesetz geben“, sagt eine. „Das hat uns der Varoufakis gesagt. Für die Wiedereinstellungen.“ Als der Mann gegangen ist, sagen die Frauen, dass sie es so recht selbst nicht glauben. Doch das Demonstrieren fällt ihnen nicht mehr so leicht wie früher. „Wir sind müde.“ Ihre Kollegin fügt hinzu: „Eigentlich sind wir nur noch hier um zu zeigen: Wir glauben zwar an euch, aber wir können auch gegen euch sein.“

Sie haben keine echten Gegner mehr. Der alte Minister hatte sich noch geweigert, sie zu empfangen, sie haben seine Eingangshalle besetzt, er hat sie rausschmeißen und rund um die Uhr von der Militärpolizei bewachen lassen. Varoufakis hat die Frauen wie Staatsgäste in seinem Büro empfangen, er bleibt, wenn er denn mal in Athen ist, beim Betreten seines Amtssitzes für einen kurzen Plausch stehen, hat die Jungs in den schwarzen Uniformen mit den Schlagstöcken abgezogen. Was sollen sie da machen, außer freundlich nachfragen?

Sie haben keine echten Gegner mehr

Also freuten sie sich zumindest anfangs auch darüber, wie Varoufakis die EU-Regierungen und vor allem die Deutschen vor den Kopf gestoßen hat. Die Reparationsforderungen, die Drohungen, die markigen Sprüche. „Sie sollen endlich sehen, dass wir uns wehren“, sagt Vaso Gowa. „Dass man mit uns Griechen nicht alles machen kann.“ Nur am Ende müsse dann schon auch was bei rauskommen.

Weniger Wohlmeinende in Athen nennen es die „Syriza-Strategie“. Die Regierungspolitiker streiten darüber, ob die Troika-Beamten nun Technikberater heißen sollen, ob sie ihre Papiere in Athen im Ministerium oder im Hotel einsehen dürfen. Das alles geschehe nur, um davon abzulenken, dass die Regierung zu Hause komplett gelähmt sei. In Athen erzählen sie sich gerade gerne einen Witz, der sich um die guten Umfragewerte dreht. 70 Prozent der Griechen seien mit der Regierung zufrieden. Die anderen 30 Prozent hätten Syriza gewählt.

Tatsächlich ist es so, dass wohl diejenigen am meisten unter der lähmenden Situation leiden, die im Land etwas verändern wollten. Da ist etwa Andreas Karitzis, der Alexis Tsipras schon seit seiner Jugend kennt. Er lehrt Philosophie an der Universität und hält in ganz Europa Vorträge über neue Formen der gesellschaftlichen Organisation.

Doch das umstürzend Neue steht momentan nicht auf der Agenda, wo doch die Frage zu beantworten ist, wie überhaupt die Pensionen und Gehälter im nächsten Monat gezahlt werden sollen. Es wird schon überlegt, ob die Regierung vielleicht Schuldscheine ausstellen könnte, wenn das Geld knapp wird. „Wir müssen durchhalten“, beschwört Karitzis, „so lange, bis sie auch in Spanien und in anderen Ländern die Veränderung wählen.“ Er hofft nur, dass sie so lange überleben.

Tsipras hat einen Mann nach Brüssel geschickt, der Anzugträger verachtet

Es ist die Idee, dass man finanzmarktpolitische Sachzwänge abwählen könne. „Die Strategie von Syriza ist schon gescheitert“, sagt jedoch einer, der selbst zu den ökonomischen Beratern der Partei gehört und dem die gelähmte Regierung ganz gut zupass kommt. Costas Lapavitsas ist so etwas wie der Gegenspieler von Finanzminister Varoufakis. Beide sind sie Ökonomieprofessoren, Varoufakis aber will den Euro unbedingt behalten und Lapavitsas den Euro unbedingt loswerden. Er fordert einen geordneten Austritt, rausfliegen würde man am Ende doch so oder so – wolle man seine Wähler nicht betrügen. Er treibt die Regierung damit vor sich her.

Die Kritiker im eigenen Lager sind immer die Gefährlichsten. Schon gibt es Putschgerüchte über den unglücklich agierenden Finanzminister, der in seiner Partei eher zu den Gemäßigten zählt. Von rechts genauso wie von links. Die einen sehen zu viele falsche Versprechen, die anderen zu viele falsche Kompromisse. Politischen Spielraum gibt es kaum noch. Ein Mittelweg wird zwischen den Extremen zerrieben. Und die Welt fragt sich derweil, warum sich der griechische Finanzminister von einer Tagung am Comer See meldet, während in Brüssel über den drohenden Bankrott seines Landes verhandelt wird. Wollen sie ihn schon nicht mehr dabei haben?

Tsipras wollte einen Mann nach Brüssel schicken, der vor den Anzugträgern nicht buckeln würde. Er hat aber einen geschickt, der sie verachtet. Nun ist der außen vor.

Am Zelt von Vaso und ihren Freundinnen zieht an diesem Abend eine kleine Pro-Drachme Demonstration vorüber. Die Frauen hören einen Moment zu reden auf. Sie winken kurz, das gehört sich so, als Protest-Vorbild. Ob sie für oder gegen den Euro-Austritt sind? „Wissen Sie“, sagt eine, während sie langsam den Rauch auspustet. „Mit welcher Währung wir unsere Brötchen bezahlen, ist nicht wichtig. Sondern, dass wir sie noch bezahlen können.“

Es ist eine lähmende Ruhe. Alles scheint den Griechen möglich. Katastrophe. Revolution. Kapitulation. Konterrevolution. Die Frauen vor dem Finanzministerium aber wollen einfach nur wieder ihre Putzhandschuhe anziehen.

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