Grüne mit Erfolgsaussichten : Warum Katharina Fegebank in Hamburg die Sensation gelingen könnte

Die Grüne Katharina Fegebank liefert sich in Hamburg ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der SPD. Die Wissenschaftssenatorin setzt vor allem auf ein liberales Publikum.

Katharina Fegebank steht zwischen den Grünen-Chefs Annalena Baerbock und Robert Habeck.
Katharina Fegebank steht zwischen den Grünen-Chefs Annalena Baerbock und Robert Habeck.Foto: Christian Charisius/dpa

Da kommt also die Frau, die Winfried Kretschmanns Einsamkeit beenden soll. Im auberginefarbenen Kleid tritt Katharina Fegebank ans Rednerpult auf der Parteitagsbühne der Grünen in Bielefeld. Die Hamburger Wissenschaftssenatorin spricht von „Verantwortung“, von Dürresommern und davon, dass schon jetzt die Deiche wegen des Klimawandels um einige Zentimeter erhöht werden müssten. Ihre Stimme ist ruhig, sie lächelt. „Ich hoffe, dass uns am 23. Februar was Spektakuläres gelingt“, sagt sie.

Es wäre in der Tat eine Sensation, wenn Fegebank bei der Hamburg-Wahl im Februar schafft, was sie sich vorgenommen hat: Die 42 Jahre alte Grünen-Politikerin will Erste Bürgermeisterin der Hansestadt werden. Abwegig ist das nicht. Die Umfragen der vergangenen Wochen zeigen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPD und Grünen, zwischenzeitlich standen die Grünen sogar auf Platz eins.

Klare Unterstützung erhält Fegebank von der Bundespartei: Die Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck haben die Klausur des Bundesvorstands zum Jahresanfang kurzerhand nach Hamburg verlegt. Fegebank habe eine „gute Chance“ zu gewinnen, sagte Parteichef Habeck am Rande der Beratungen. Ein grüner Erfolg in Hamburg, das weiß Habeck, könnte auch die Bundespartei weiter beflügeln.

In Bielefeld wiederum hatte die Parteitagsregie für Fegebank den Auftritt direkt nach Kretschmann reserviert. Der beendete seine Rede mit einem Bericht aus dem „Gefühlshaushalt eines älteren Herren“: Es sei nicht schön, der einzige Grüne in der Ministerpräsidentenkonferenz zu sein, sagte er: „Auf dieses Alleinstellungsmerkmal würde ich gerne verzichten.“ Sollte seine Partei auch in Hamburg am Ende vorne liegen, könnte Fegebank bald die zweite Grüne an der Spitze einer Landesregierung sein.

Es geht um die Frage, ob Kretschmanns Wahl in Baden-Württemberg eine historische Ausnahme war – oder ob man den Grünen auch anderswo eine Führungsrolle zutraut. Fegebank traut sich.

Und das ausgerechnet im sozialdemokratisch geprägten Hamburg, einer der letzten SPD-Hochburgen in der Republik. Noch vor fünf Jahren schrammte Olaf Scholz knapp an der absoluten Mehrheit vorbei, die er in der Wahlperiode zuvor erreicht hatte. „Wenn hier mal jemand anderes als die SPD regiert hat, dann hieß es, das sei ein Irrtum der Geschichte“, sagt Fegebank.

„Da könnte jetzt auch Christian Lindner klatschen“

Von absoluten Mehrheiten sind die Hamburger Sozialdemokraten nun weit entfernt. Dass Scholz nicht SPD-Chef wurde, hat die Sache für seinen Nachfolger Peter Tschentscher, der die Stadt seit März 2018 regiert, nicht leichter gemacht. Manch einer fühlt sich bereits an die Oberbürgermeisterwahl in Hannover vor wenigen Wochen erinnert: Dem Grünen Belit Onay gelang es dort, die jahrzehntelange Vorherrschaft der SPD zu beenden. Die Grünen haben bereits die nächsten Städte ins Visier genommen: Auch in Bonn, München und Leipzig kämpfen sie in diesem Jahr bei den OB-Wahlen um Platz eins.

Ein kalter Dezemberabend, Fegebank ist auf dem Weg in die Sankt-Pauli-Kirche. Hier lädt an diesem Abend der „N Klub“ ein, Unternehmer treffen auf ehrenamtlich Engagierte, alles dreht sich um Nachhaltigkeit. Der Ort passt zu den rund 120 Leuten, die gekommen sind. An der Wand hängt ein Fan-Schal des linken Fußballclubs Sankt Pauli mit der Aufschrift „Refugees Welcome“, im Jahr 2013 brachte der Pfarrer Flüchtlinge aus Westafrika unter.

Quer durch den Altarraum ist ein Seil gespannt, an dem ein Adventskranz hängt, das Licht ist gedimmt. Fegebank nimmt vorne auf einem Barhocker Platz, sie ist der Hauptgast des Abends, der N-Klub-Betreiber befragt sie. Wo denn nun der Unterschied zwischen SPD und Grünen sei, will er wissen.

In den Umfragen zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Grünen und SPD ab
In den Umfragen zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Grünen und SPD abFoto: imago images / Chris Emil Janßen

Fegebank könnte jetzt auf den Klimaplan verweisen, den der Senat am nächsten Tag vorstellen will. Ein Programm, das weitaus ehrgeiziger ist als das, was andere Landesregierungen mit grüner Beteiligung vorgelegt haben. Doch sie redet stattdessen von einem anderen „Stil“, vom Mut, „spinnerte“ Dinge auszuprobieren und damit auch mal zu scheitern, davon, einen „Spirit“ zu schaffen, in dem Innovationen entstehen können.

„Da könnte jetzt auch Christian Lindner klatschen“, sagt der Moderator. Fegebank lässt sich nicht beirren.

Fegebank setzt auch auf ein liberales Publikum

Während Kretschmann in Baden-Württemberg eine „neue Idee des Konservativen“ beschwört und damit der CDU das Leben schwer macht, setzt Fegebank in Hamburg auf ein liberales Publikum, das früher vielleicht auch FDP gewählt hat. Im Sommer reiste sie nach Schweden, traf dort nicht die Grünen, sondern Vertreter der liberal bürgerlichen Zentrumspartei. Von denen könnten sich auch die deutschen Grünen etwas abgucken, findet sie. Ihre eigene Partei würde sie gerne als linksliberale Kraft sehen, mit der Betonung nicht unbedingt auf links.

Es ist ein für Grüne ungewohnter Sound, den Fegebank in den Wahlkampf bringt: Wirtschaft, Gründungen, Innovationen. Auch wenn sie ganz anders ist als Kretschmann – jung, Frau, Städterin – verfolgen beide im Prinzip die gleiche Strategie. Sie gehen dorthin, wo nicht nur grünes Milieu ist. Seit Jahren versucht Fegebank, keinen Unternehmerempfang und kein Volksfest zu versäumen. „Selbst der Rotary Club hat keine Angst mehr vor ihr“, sagt ein Parteifreund. Es ist kein Zufall, dass Fegebank als erste Frau im Anglo-German Club aufgenommen wurde, einem gediegenen Altherrenverein mit Villa an der Außenalster.

Bei der Europawahl wurden die Grünen in Hamburg stärkste Kraft

Fegebank hat sich schon länger mit dem Gedanken getragen, Amtsinhaber Tschentscher herauszufordern. Spätestens im Mai letzten Jahres stellte sich diese Frage, nachdem die Grünen bei der Europawahl in Hamburg mit 31,2 Prozent zur stärksten Kraft geworden waren – und damit auch das beste Ergebnis aller Landesverbände geholt hatten. Doch Fegebank wollte den passenden Moment abwarten. Auch weil bis zuletzt ein kleiner Zweifel blieb: Die Partei hat schließlich schon mehrmals erlebt, wie auf ein grünes Hoch der Absturz folgte.

Dieses Mal könnte es anders sein. Die Erfahrungen der Vergangenheit haben gezeigt, dass zwei Dinge zusammenkommen müssen: eine charismatische Person an der Spitze und strukturelle Verschiebungen. Die Grünen müssen auch dort zulegen, wo nicht ihre klassische Klientel ist. In Baden-Württemberg wurden sie erst so stark, als sie auch in ländlichen Regionen zulegten und nicht nur in den Städten. In Thüringen gelang das nicht, dort wären sie beinahe aus dem Landtag geflogen.

In Hamburg wurden die Grünen bei den Bezirkswahlen in vier von sieben Bezirken zur stärksten Kraft. Nicht nur in ihren Hochburgen erzielten sie Zuwächse, auch in den alten Arbeitervierteln, bei jungen Familien am Stadtrand und in den noblen Elbvororten.

Die Geschlossenheit ist nicht selbstverständlich

Dass die Grünen so gut dastehen, erklären viele in der Partei mit der keineswegs selbstverständlichen Geschlossenheit. Die Grünen-Männer aus der Führungsriege beharrten nicht auf der sonst üblichen Doppelspitze, sondern nominierten Fegebank zur alleinigen Spitzenkandidatin. Sie wird im Wahlkampf auf jedem Grünen-Plakat zu sehen sein. Selbst die Stimmkarten beim Landesparteitag trugen ihr Konterfei. So viel Personalisierung gab es bei den Grünen nie – mit Ausnahme von Kretschmann.

Fragt man Fegebanks Berater, was für ein Politikerinnentyp sie sei, bekommt man eine Begebenheit aus dem November 2015 zu hören: Als Helmut Schmidt starb, standen viele Hamburger, vor allem die Generation 60 plus, vor dem Rathaus an, um sich ins Kondolenzbuch einzutragen. Es war typisches Hamburger Mistwetter, die Schlange war lang. Fegebank ließ Kaffee kochen und schenkte diesen an die Wartenden aus. Zupackend und herzlich – das soll die Botschaft sein.

Sie hat auch eine harte Seite. Vor der Geburt ihrer Zwillingsmädchen, die im November 2018 zur Welt kamen, meldete sie ihren Anspruch auf die Spitzenkandidatur bei der nächsten Wahl an. Sie wollte die Kontrolle behalten, verhindern, dass jemand das entstehende Vakuum in den wenigen Monaten nutzt, die sie in Elternzeit ging. Machtpolitik.

Mit möglichen Koalitionspartnern verfährt sie ähnlich machtbewusst. Die Grünen würden gerne weiter mit der SPD regieren, halten sich aber andere Optionen offen. Als die CDU darüber nachdachte, den konservativen Fraktionschef André Trepoll als Spitzenkandidaten zu nominieren, ließ sie die Bemerkung fallen, dieser sei „kein interessanter Gesprächspartner“ für die Grünen. Nun führt der liberale Bundestagsabgeordnete Marcus Weinberg die CDU in die Wahl.

Aufgewachsen ist Fegebank als Lehrerstochter in Bargteheide im Nordosten von Hamburg, sie hat zwei jüngere Brüder. Ihr Vater hat sie ermuntert, nicht zurückzustecken. Vor mehr als 30 Jahren gründete er eine Mädchen-Fußball-Mannschaft, weil Schülerinnen sich bei ihm beschwert hatten, dass sie in Hamburg im Sport-Abitur kein Fußball spielen durften.

Zu den Grünen kam Fegebank erst mit 27 Jahren

Zu den Grünen kam Fegebank über Umwege, erst mit 27 Jahren trat sie in die Partei ein. Sie arbeitete damals als Projektmanagerin am Institut für Europäische Politik in Berlin. In der Zeit, als die Ostererweiterung der EU anstand, war sie für die Slowakei und Bosnien-Herzegowina zuständig. An einen Besuch in Sarajevo kann sie sich noch erinnern, an die Traurigkeit ihrer Gesprächspartner, die nicht mehr in den Hügeln der Umgebung spazieren konnten, weil die nach dem Krieg voller Minen waren. „Deren Hoffnung war Europa“, sagt Fegebank. Sie haben damals beschlossen, sich parteipolitisch zu engagieren.

In Berlin machte sie für die Grünen Europawahlkampf, kehrte nach Hamburg zurück und nahm eine Teilzeitstelle in der Grünen-Bürgerschaftsfraktion an, weil sie nebenher promovieren wollte. Eine Karriere als Berufspolitikerin schwebte ihr noch nicht vor. Doch Anja Hajduk, heute Bundestagsabgeordnete und damals Landesvorsitzende der Grünen, erkannte ihr politisches Talent. Als Hajduk Senatorin in der schwarz-grünen Landesregierung wurde, folgte ihr Fegebank als Parteichefin nach.

Für die SPD wird es nicht einfach, im Wahlkampf mit der Frau umzugehen, die so viele Sympathien auf sich zieht. Aus der zweiten Reihe sind Sticheleien zu hören, die Fegebanks Eignung als Regierungschefin in Frage stellen. Die Stadt müsse in den „richtigen Händen bleiben“, warnte Ex-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi vor Kurzem. Und der Landesvorsitzende der Jusos lästerte, wenn sie schon mit einer kleinen Krise auf Papier überfordert sei, „was passiert, wenn in Wilhelmsburg die Deiche brechen“?

Ihre Fehleinschätzung

Es war eine Anspielung auf ihre Äußerungen zum AfD-Gründer Bernd Lucke. Als der Wirtschaftsprofessor im letzten Herbst nach fünf Jahren an die Hamburger Uni zurückkehrte, wurden seine Vorlesungen von Störern gesprengt. Fegebank war gerade mit der Familie auf Föhr. In einem ersten Statement sprach sie von einer „diskursiven“ Auseinandersetzung. Es folgte ein Shitstorm, am Tag danach korrigierte sie sich und verteidigte das Recht Luckes, seine Vorlesung abzuhalten. Heute ärgert sie sich über den Fehler, der Lucke Aufmerksamkeit bescherte. „Mir fehlte der unmittelbare Eindruck von vor Ort“, sagt sie im Nachhinein.

„Vor Ort“ versuchte sie auch eine andere Fehleinschätzung zu beantworten. Beim G20-Gipfel 2017 schlingerten die Grünen lange zwischen Unterstützung und Kritik. Dann explodierte die Gewalt in der Stadt. „Es war ein Fehler zu glauben, dass ein solch überdimensionierter Gipfel in der Stadt stattfinden kann“, sagt sie. Am Morgen nach den Randalen ging sie durchs Schanzenviertel, wo gerade die Pflastersteine eingesammelt wurden, sie sprach mit Anwohnern und Passanten. Fegebank habe ihre Lehren aus dem G20-Irrtum gezogen, sagt ein Weggefährte. Die Erste war, den Fehler sofort einzugestehen. Und die zweite, stärker auf ihre eigene Meinung zu vertrauen, anstatt abzuwarten, was andere womöglich sagen.

Einem Vorbild aber bleibt sie treu – zumindest strategisch. So wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann sich im vergangenen Wahlkampf als Landesvater für ganz Baden-Württemberg inszenierte, will auch Fegebank die ganze Stadtgesellschaft ansprechen. Den Anspruch hat sie schon bei den Bezirkswahlen anklingen lassen. Die Grünen, sagte sie, „sind die neue Hamburg-Partei“.

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