Grüne Stadträtin in Freital : Wie Ines Kummer in Sachsen gegen Rassismus kämpft

Die Grüne Ines Kummer und Candido Mahoche von der CDU sind Lokalpolitiker im sächsischen Freital. Sie ringen darum, wer über ihre Stadt richten darf.

Trügerische Idylle: Freital hat ein Problem mit Rassismus, sagt die Grüne Ines Kummer. Der schwarze Stadtrat Candido Mahoche hält dagegen.
Trügerische Idylle: Freital hat ein Problem mit Rassismus, sagt die Grüne Ines Kummer. Der schwarze Stadtrat Candido Mahoche hält...Foto: imago/Hanke

Sie sind Freunde, sehr gute Freunde, die grüne Freitaler Stadträtin und der Freitaler CDU-Stadtrat. Aber über manche Dinge streiten sie, nun ja, bis aufs Messer. Ungefähr so: Er glaube doch wohl nicht im Ernst, dass es in Freital keine Rassisten gebe?!, empört sich jedes Mal die grüne Stadträtin. Worauf der CDU-Stadtrat, in seiner ruhigen, aber entschiedenen Art, antwortet: Er habe nie gesagt, dass es keine Rassisten in Freital gebe. Er habe gesagt – und wiederhole es gern –, dass Freital kein Problem mit Rassismus habe. Das habe er gesagt. Bitteres Auflachen der grünen Freitaler Stadträtin? Deeskalierende Blicke des schwarzen Freitaler Stadtrates?

So wie 2015 vorm Leonardo-Hotel sähe wohl eine Stadt aus, die kein rassistisches Problem habe?, fragt sie dann gewöhnlich. Er nenne das, was damals geschah, eine Krise, eine Ausnahmesituation. Wer da keinen Unterschied mache, begreife nichts. Pappnasen gebe es überall, nur dass sie in solchen Situationen gefährlich würden.

– Pappnasen???

– Pappnasen!!!

Und im Übrigen habe er es satt, sich von Nicht-Freitalern, von Nicht-Sachsen, von Nicht-Ostdeutschen erklären zu lassen, wie die Freitaler, die Sachsen, die Ostdeutschen sind. Er ist Freitaler, Sachse, Ostdeutscher und schwarzer Stadtrat, höchstwahrscheinlich der einzige doppelt schwarze Stadtrat Sachsens: Candido Mahoche, geboren 1958 in Mosambik. Candido heißt „ehrlicher Mann“.

Ines Kummer, Grünen-Direktkandidatin im Wahlkreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge, lange die einzige grüne Stadträtin in Freital, denkt daran, dass sie dringend in ihren Garten müsste, statt hier im Biergarten des legendären Freitaler Gasthofs „Zum goldenen Löwen“ zu sitzen, wo Candido einst seine künftige Frau traf, beim Tanzen. Kummers Blumen, Tomaten und Wassermelonen haben eine anarchistische Republik gegründet, sie machen, was sie wollen, und das wird sich bis zur Landtagswahl am 1. September kaum bessern. Der Garten der grünen Stadträtin ist eigentlich der des schwarzen Stadtrats. Aber Mahoche fand eine Grüne ohne Garten völlig daneben, und ihm wuchs das alles ohnehin längst über den Kopf.

Ein starkes Gefühl für Ungerechtigkeit

Gleich kommt der Grünen-Stammtisch in den Biergarten. Neben der Direktkandidatin sitzt schon jetzt ihre Enkelin und fordert eine sofortige und sachlich gut begründete Entscheidung darüber, ob sie ein Mädchen mit Zöpfen oder langen Haaren oder eins mit kurzen Haaren oder Glatze malen soll. Bevor sie das nicht wisse, könne sie nicht anfangen. Ines Kummer sieht das so: Leben heißt, immer schon angefangen zu haben zu malen, ohne die entfernteste Ahnung davon zu besitzen, was für ein Bild das werden soll. Und ob man selbst darauf vorkommt. Wie hätte sie, Tochter eines Freitaler Elektrikers und einer Kranführerin, jemals wissen können, dass einmal eine Grüne aus ihr werden wird?

Wie hätte der vaterlose Sohn einer Analphabetin in Mosambik ahnen können, dass das Angebot der DDR, junge Leute für das sozialistische Bruderland in Afrika auszubilden, ausgerechnet ihn mittreffen würde? So stand Candido Mahoche 1980 in einem kalten Flusstal, über dem oft ein roter Nebel hing. Fast keine Sonne und dann noch roter Nebel! In der Bundesrepublik hatte sich gegen derartige unnatürliche Naturerscheinungen ein paar Monate zuvor eine vielbeargwöhnte Partei gegründet, die Grünen. Der Nebel kam vom örtlichen Stahlwerk. „Na, was da so aufsteigt beim Stahlkochen“, kommentiert die Direktkandidatin, und ihr Tonfall lässt keinen Zweifel, dass sie dachte, was die meisten dachten: Unser roter Nebel ist nun mal der Preis für unseren Stahl.

Candido Mahoche.
Candido Mahoche.Foto: Karl-Ludwig Oberthür/Sächsische Zeitung

Die Leipziger hatten ihre Weiße Elster längst den optischen Tatsachen entsprechend in Schwarze Elster umgetauft. Sie wussten: Wenn da eine Möwe reinfällt, kommt eine Krähe wieder raus.

In Leipzig hat Ines Kummer gelernt, Facharbeiterin für Betriebsmess-, Steuerungs- und Regelungstechnik, Spezialisierung: Klima- und Kesselanlagen. Sie war eins von sechs Mädchen unter 300 Jungen. Das war auch keine viel bessere Ausgangsposition, als Candido Mahoche sie zur selben Zeit in Freital hatte: Das Bierbrauen sollte er hier lernen. Noch nie hatte der VEB Getränkekombinat Dresden einen so schwarzen Lehrling gehabt. Beide mussten sie besser sein als die anderen, sie als Eindringling in einem Männerberuf, er als Brauereigeselle von unvorhergesehener Hautfarbe. Und beide entwickelten ein starkes Gefühl für Ungerechtigkeit.

Die AfD hält sie für verlogen

Ihre Haltung zur Flüchtlingspolitik: An einen Tisch mit zwölf Stühlen passt auch ein dreizehnter. Das habe ihre Oma immer gesagt. Die Enkelin schaut auf: Die Vorstellung, dass ihre Oma selbst eine Oma gehabt haben könnte, provoziert ihr Vorstellungsvermögen. Sie malt ein Mädchen mit Zöpfen, es war eine einstimmige generationenübergreifende Entscheidung.

Ines Kummer selbst trägt seit Kurzem einen konfrontationsbereiten Fransenhaarschnitt zu ihrer unverkennbaren Tatmensch-Ausstrahlung. Und dazu zwei irritierend AfD-blaue Kugelohrringe plus ebensolchem Jeanskleid, denn sie findet es unverantwortlich, dieser Partei die Farbe der Unendlichkeit zu überlassen. Seit Mai ist die AfD stärkste Kraft in Freitals Rathaus mit 25,9 Prozent, sonst war das immer die CDU, aber diesmal kam die nur auf 23,3 Prozent.

Den Farbwahlkampf der AfD hält Ines Kummer für so verlogen wie alles an dieser Partei. „Lieber blau wählen statt rot sehen und sich grün ärgern!“ – Aber es heißt doch „sich grün und blau ärgern“!

Grüne in die Produktion!, fordert ein AfD-Plakat kurz vor Dresden. In Freital biegt ein VW um die Ecke, auf dessen Heckscheibe steht: „Fuck you Greta!“ Und „ich lasse mich doch nicht kompostieren“, habe ein älterer Freitaler auf Ines Kummers Frage geantwortet, ob er sich vorstellen könne, am 1. September grün zu wählen. Nein, die Sonnenblumen-Partei und ihre Sympathisanten haben es nicht leicht in Sachsen. Bei der Stadtratswahl im Mai hat sie zum ersten Mal mehr als fünf Prozent erreicht, genauer: 6,3.

Die Grünen galten vielen in Ostdeutschland lange als Partei für besserverdienende Spinner, die nur ein Ziel haben: Benzinpreise erhöhen! Die sich weniger für Menschen als für die Kleine Hufeisennase interessieren. Die Kleine Hufeisennase ist die Fledermaus, wegen der auf der Dresdner Waldschlösschenbrücke nachts alle nur Tempo 30 fahren dürfen, obwohl dort noch nie jemand eine Kleine Hufeisennase gesehen hat. Und vom Osten verstehen die Grünen ohnehin gar nichts.

Wer ein Zeichen setzen will, wählt grün

Der Grünen-Stammtisch füllt sich. Zuerst kommt ein junger, stämmiger Mann im rosa T-Shirt, Typus Türsteher. Wer ein Zeichen setzen will gegen die AfD, wählt grün, sagt Robert Hecker. Oder tritt am besten gleich selber ein, so wie er im vergangenen November. Wie die meisten anderen am Tisch wird er nachher zum Bier eine unglaublich ungesunde Currywurst mit fetttriefenden Bratkartoffeln essen. Einer bestellt sogar Schweinesülze, und als die jüngste Grüne am Tisch seinen Teller mit leicht angewiderten Blicken streift, sagt er: „Mädchen, das musst du einfach probieren.“ Grüne sind Leute auf lebenslanger Diät, glauben noch immer viele Ostdeutsche. Das wäre also definitiv falsch. Und rauchen tun sie auch.

„Habt ihr schon gehört, dass die AfD in der Oberlausitz ein Atomkraftwerk bauen will?“, fragt eine Grüne mittleren Alters. Alles an ihr wirkt resolut, auch die frisch gestärkte weiße Spitzenbluse: „Also ich finde das großartig!“ Dass die AfD Wahlkampf für die Grünen machen würde, habe nun wirklich keiner erwartet. Die Spitzenblusenfrau ist die Rechtsanwältin Anja Timmann, sie und ihr Mann waren einst der Grund, dass Ines Kummer zu den Grünen kam.

Ines Kummer.
Ines Kummer.Foto: privat

Dabei wusste sie 1990 nur eins ganz genau: Nie, niemals wieder Politik! Denn zuvor hatte die SED ein Auge auf die junge Arbeiterfrau mit den drei Kindern geworfen. Ihre Großeltern ermutigten sie. Beide hatten dem Mädchen die DDR schon immer so erklärt: „Zum ersten Mal in der Geschichte nehmen Arbeiter ihr Schicksal selber in die Hand!“ Sie kamen aus der Arbeiterbewegung, aus dem antifaschistischen Widerstand. Freital war vor 1933 nicht nur stahlnebelrot, es war auch SPD-rot und KPD-rot wie ganz Sachsen. Im „Goldenen Löwen“ fand im Oktober 1945 der erste Nachkriegsparteitag der sächsischen SPD statt, die zerbombten Dresdner Theater nutzten den Gasthof als Spielstätte, schließlich liegt Freital quasi nebenan, heute ist es nur elf S-Bahn-Minuten vom Dresdner Hauptbahnhof entfernt.

Etwas lang Entwöhntes erwachte in ihr

Tausendmal haben die Medien dieses Landes nach 1990 Ines Kummers Großeltern widerlegt, aber eins haben sie übersehen: Ines Kummers Großeltern sind nicht widerlegbar. Für die Grünen-Spitzenkandidatin des Wahlkreises Sächsische Schweiz/Osterzgebirge bleiben sie die Vorbilder ihres Lebens, obwohl Ines Kummer die DDR schon sehr bald nicht mehr mit ihren Augen sah. Die SED-Kreisleitung ist ein Irrtum, das habe die Absolventin der Bezirksparteischule bald gemerkt. Was, wenn die ganze DDR ein Irrtum ist? 1986 warf die Kreisleitung ihr Mitglied Ines Kummer raus, wegen unvereinbarer Ansichten, allgemeiner Unfähigkeit usw. Frei! Nie habe sie das so empfunden wie damals. Nie mehr würde sie einer Partei zu nahe kommen.

Es ging ihr wie vielen Ostdeutschen: Die Mutter von drei Kindern hatte nie mehr eine feste Arbeit, nur wechselnde Jobs, immer die nächste Hürde im Blick, nie die Kleine Hufeisennase. Sie hat ein Frauen-Fitnessstudio geleitet und in einem türkischen Großhandel gearbeitet, bis der Chef eines Tages sehr missvergnügt auf sie zutrat. Sie mochten sich, aber dass Ines Kummer seine Mitarbeiter aufwiegle, gedachte er nicht hinzunehmen. Sie hatte den anderen erzählt, dass man in Deutschland normalerweise Arbeitsverträge hätte, und als sie vom Urlaubsgeld sprach, mussten alle sehr lachen. Ihr Chef war nicht amüsiert. Sie verletzte wohl sein Empfinden für Weltordnung, er verletzte das ihre. Sie registrierte, dass da etwas lang Entwöhntes in ihr erwachte. Sollte sie es politisches Engagement nennen?

Und dann wollte Freital auch noch die Schule ihres Sohnes schließen, eine alte Schule, auf die sie schon selber gegangen war. Nicht mit mir!, dachte Ines Kummer und suchte Verbündete, auch in der Politik. Alle schauten weg, nur die Grünen Anja Timmann und ihr Mann schauten sie interessiert an. Sie hatten da einen Satz gehört, so einen typischen Ostsatz, der machte die beiden zugewanderten Neusachsen, die gerade den roten Staub von ihrem neuen, alten Haus gewaschen hatten, immer hellwach. Er lautet: Da kann man ja doch nichts machen. Ines Kummer spricht von Anja Timmann und ihrem Mann wie von Menschen, denen man ein neues Leben verdankt: und zwar das eigene, das wiedergefundene eigene.

Die Terrorgruppe „Gruppe Freital“ zog ihre Spur

1998 wurde sie Mitglied der Grünen. Seit 2008 ist sie Vorsitzende des Kreisverbandes Sächsische Schweiz/Osterzgebirge. Seit 2014 ist sie Grünen-Stadträtin in Freital, im gleichen Jahr wurde auch Mahoche zum Stadtrat gewählt. Der erste schwarze sächsische Braumeister und Jugend-Fußballtrainer wollte eine Trainingshalle für den Winter. Noch ahnte keiner, was ihnen und ihrer Stadt bevorstand.

2014 war auch das Jahr, in dem Romeo zu ihr kam, ein Junge aus Ghana, 16 Jahre alt. An einen Tisch mit zwölf Stühlen passt auch ein dreizehnter? Es war der Romeos. Im Schmiedeberger Asylheim – 20 Kilometer südlich von Freital – ist sie ihm zuerst begegnet, hörte die Geschichte vom Straßenkind aus Accra, Waise, als Plantagensklave in die Türkei verschleppt, geflohen, zum ersten Mal in Bulgarien aufgegriffen, zum zweiten Mal an der deutschen Grenze, die Abschiebung stand bevor.

Sie glaubte, das vorläufig verhindert zu haben, als Romeo eines Morgens um halb sechs vom Dresdner Flughafen anrief. Um zehn nach acht ging sein Flugzeug nach Sofia. Abschiebung. Aber was sollte er in Sofia? Was sollte er überhaupt noch auf dieser Welt? Es wurden die zwei schlimmsten Morgenstunden in Ines Kummers Leben, sagt sie, aber um acht Uhr zehn saß Romeo nicht im Flugzeug. Und kurz darauf hatte sie einen Pflegesohn.

Nur Monate später, im März 2015, standen 1500 Menschen vor dem unlängst geschlossenen Freitaler Leonardo-Hotel. Sie wollten verhindern, dass es zur Flüchtlingsunterkunft wurde. 1500 Freitaler, die dagegen demonstrieren, anderen zu helfen? Ines Kummer konnte es nicht glauben. Ein Bürgergespräch hier im „Goldenen Löwen“ wurde abgesagt. Die Terrorgruppe „Gruppe Freital“ zog ihre Spur.

Plötzlich ging ein Riss durch die Stadt

Ines Kummer gehörte von Anfang an zu den Organisatoren der Gegendemonstrationen und erkannte ihre Nachbarn auf der anderen Seite. Da war er, der Riss, der plötzlich durch die Stadt ging, oft mitten durch Familien, Nachbarn, Freundeskreise hindurch. Für Ines Kummer sind Leute, die vor Flüchtlingsheimen demonstrieren, Rassisten. Mahoche sieht das anders.

„Es war die Arbeit, die mich hier ankommen ließ“, sagt er, er sei vom ersten Augenblick eingebunden gewesen. Und die Mosambikaner waren nur eine Handvoll Fremde, nicht Hunderte. Einzelne seien zu integrieren, aber viele? Mahoche wisse genau, wem die Abwehr seiner Mitbürger eigentlich gilt: nicht den Einzelnen, sondern einer Parallelgesellschaft. Er verurteilt die Freitaler nicht. Und als er 2015 bei den Fußballvereinen ringsum fragte, ob sie helfen, ein Turnier mit den Flüchtlingen organisieren, sagten fast alle Ja. Mahoche hat das Integrationsturnier erfunden, es wird noch immer gespielt.

Was für den schwarzen Stadtrat eine Krise war, ist für die grüne Stadträtin eine Situation, in der Menschen offenbaren, wer sie wirklich sind. Aber sie hat auch viel Solidarität erfahren, von Freitalern und bundesweit. Nicht jeder tritt gleich wie sie in die erste Reihe vor. Schweigende Mehrheiten sind manchmal gar keine so üble Sache. Und geht es am 1. September nicht genau darum: eine schweigende Mehrheit zu gewinnen?