Das Kleinbürgerliche, Lasche gefiel ihm nicht

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"Gundermann" im Kino : Gerhard Gundermann – Baggerfahrer, Rockstar, Verräter
Regisseur Andreas Dresen und Hauptdarsteller Alexander Scheer (rechts).
Regisseur Andreas Dresen und Hauptdarsteller Alexander Scheer (rechts).Foto: Manfred Thomas

Gundermanns Freunde nannten ihn so, nun wurde es sein Deckname. „Er war eine Nervensäge, völlig klar“, sagt Dresen. Einer mit revolutionärem Elan, ein militanter Typ. Revolutionärer Elan ist keine zivile Eigenschaft, er ist die ständige Überforderung seiner selbst und der anderen.

Auch Dresen war traurig, als 1995 die Nachricht kam, Gerhard Gundermann sei IM gewesen; im Jahr zuvor hatte er im Vorprogramm von Bob Dylan gespielt. „So ein aufrechter Typ, und dann das.“ Aber im zweiten Moment habe er gedacht: „Das passt zu dem. Irgendwie passt das zu dem.“ Dieser Höherbeauftragte wollte selbst noch die Staatssicherheit benutzen. Dass andere mit Reserven lebten, hat ihn gestört, das in seinen Augen Lasche, das Kleinbürgerliche. Also hat er die Reserven, das Kleinbürgerliche, das Lasche denunziert. Keiner hat das später besser erklärt als er selbst: „Ich habe keine Privatsphäre in Anspruch genommen, also habe ich anderen auch keine zugebilligt.“

Unkomfortablerweise ist Gundermanns Opferakte bis heute verschwunden, im Gegensatz zu seiner Täterakte. Er hatte nicht damit gerechnet, aber als er die las, erblasste er vor sich selbst. Und ging zu den Betroffenen: zu Freunden, Weggefährten.

„Was mich absolut beeindruckt hat“, erinnert sich Dresen, „war sein Auftritt in der SFB-Talkshow bei Anne Will. Er wurde gefragt, warum er sich nicht seinen Fans, seinen Kollegen mitgeteilt habe. Gundermann hatte es längst getan, aber bei Anne Will sagte er nichts.“ Jeder andere hätte wohl nach diesem Strohhalm der Selbstrechtfertigung gegriffen. Und als er auf das verweigerte Loblied auf den Armeegeneral angesprochen wurde, schwieg er wieder. Dresen führt es auf Gundermanns Abneigung zurück, sich auch nur ansatzweise als Held zu stilisieren. Aber vielleicht war es noch etwas anderes.

Dieser Sänger sah in der neuen, fremden Gesellschaft einfach nicht die Instanz, vor der er sich zu rechtfertigen hatte. Er hielt sie für konstitutiv ignorant und naiv, zumal mit ihrer Forderung nach „Entschuldigung“.

Nach dem Konzert ging er zur Schicht

Die IM-Geschichte zieht sich durch den Film, Dresen und Stieler nennen sie auch „den Reuebogen“. Und dazu diese tief melancholischen Lieder, es ist ein irrer Kontrast: Gibt es denn melancholische IMs, melancholische Revolutionäre? Gundermann war einer. Aus dieser zerreißenden Spannung lebt der Film.

Die Pointe: Er entschuldigt sich nicht, was nichts über seine Reue besagt. Wunderbar sind die Szenen mit Kathrin Angerer als Opportunistin von gestern, die ihm als Journalistin und Opportunistin von heute seine Täterakte zugänglich macht und schnell zur alten Selbstgerechtigkeit findet. Sie fährt einen roten Sportwagen, während der Mann, auf den sie herabschaut, noch immer in seinem alten Takraf-Bagger hockt, 4000 Tonnen Lebendgewicht, 40 Meter hoch.

Und Gundermann ging da nicht runter, auch nicht, als sein Erfolg Anfang der Neunziger größer wurde, obwohl die Medien dieses Landes ihn so gut sie konnten ignorierten. Die 1992 zusammengesuchte neue Band hatte er „Seilschaft“ genannt, auch ein Affront gegen das einheitsdeutsche Bewusstsein.

Wenn seine Musiker nach dem Konzert ihr erstes Bier tranken, ging Gundermann – unheilbarer Abstinenzler, Vegetarier, Nichtraucher – zur Schicht. Hier sind wir alle noch Brüder und Schwestern/ Hier sind die Nullen ganz unter sich./ Hier isses heute nicht besser als gestern/ Und ein Morgen gibt es nicht.

Seine Grube ist heute ein See

Die Kohle, die er frühmorgens aus dem Bauch der Erde holte, war mittags schon verstromt, er hielt das für ehrliche Arbeit, dem Musikgeschäft wollte er sich nicht ausliefern. Freunde konnten sich Gundermann ohne den Bagger, seinen Ersthörer, nicht vorstellen. In seinen ohrenbetäubenden Krach brüllte er die neuen Lieder, hier fielen ihm seine besten Zeilen ein.

Und dann 1996 das Ende seines Tagebaus: Ach, meine Grube Brigitta ist pleite/ Und die letzte Schicht lang schon verkauft/ Und mein Bagger stirbt in der Heide/ Und das Erdbeben hört endlich auf. Gundermann fraß sich mit seinem Bagger auf sein eigenes graues Werks-Reihenhäuschen zu. Häuser wie dieses stehen inzwischen vorzugsweise in Gelsenkirchen, dort hat Dresens Filmteam die entsprechenden Szenen gedreht. Heute ist Gundermanns Grube ein See im Lausitzer Seenland.

Berlins Stromreserve ist der Tagebau Nochten. Im Unterschied zur Filmförderung wussten hier fast alle, wer Gerhard Gundermann ist. Und machten alles möglich, was nicht möglich war: Drehen bei laufendem Förderbetrieb etwa. Sie bauten sogar eine eigene Straße, damit das Filmteam mit den alten Riesenmaschinen in die Grube fahren konnte.

Wie oft mag der Sänger seinen Bagger noch besucht haben? Mag sein, irgendetwas in ihm konnte dessen Verlust nicht überleben. Er hatte seinen Facharbeiter gemacht, war „Maschinist für Tagebaugroßgeräte“, aber den gab es in der Bundesrepublik nicht, also waren er und die anderen für das Arbeitsamt „ungelernte Arbeiter“.

In einer Welt ohne Melancholie konnte er nicht leben. Und Dresen und Scheer können es auch nicht. Sie finden seine Lieder zum Heulen schön, diese ganze Theologie eines Atheisten: Ich mache meinen Frieden/ Mit dir, du großer Gott/ Ich nehm’, was du mir bieten kannst/ Leben oder Tod/ … So fülle meinen Becher/ Ich trink ihn bis zur Neige/ Nun gib mir schon mein Kreuz/ Oder eine Geige.

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