Was der Therapeut rät

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Häusliche Gewalt gegen Männer : Mehr als Schläge
Hohe Dunkelziffer. Schätzungsweise eine Million Männer erleiden häusliche Gewalt in Deutschland.
Hohe Dunkelziffer. Schätzungsweise eine Million Männer erleiden häusliche Gewalt in Deutschland.Foto: hikrcn Fotolia

In Beziehungen geht körperliche Gewalt oft mit psychischer einher. Kontrolle, Drohungen, Erniedrigungen. In dieser Disziplin, sagen Psychologen und Sozialarbeiter, seien Frauen Meister. Sprach Renate lange gar nicht, sprudeln die Vorwürfe jetzt aus ihr heraus. Er hat das Falsche gekauft, er hat zu lange gebraucht, bestimmt hat er wieder anderen Frauen nachgeguckt, er isst zu schnell, er achtet zu wenig auf seinen Körper, er stinkt aus dem Mund. Zuletzt: Er ist schuld, dass Fabian solche Flausen im Kopf hat. Er hätte ihm Grenzen setzen müssen, dafür sei ein Vater nun mal da.

Dass die Vitrinentür kaputtgegangen ist, das hat sie ihm ebenfalls vorgeworfen, es war eine alte mit Verzierung, die gibt es so nicht mehr. Er hat ihr dann einen Strauß gelber Rosen gebracht, am nächsten Tag, als kleinen Trost.

Du bist ein Schlappschwanz, hau doch zurück. Auch das hat Renate ihm schon entgegenbrüllt, als er gebeten hat, sie möge sich doch mehr kontrollieren, sie könnten doch über alles reden. Mehr als einmal hat Udo Renate gefragt in den letzten zwei Jahren: Soll ich ausziehen? Es war keine Drohung, sondern ein ernst gemeintes Angebot. Untersteh dich!, hat sie geantwortet. Und er blieb.

Ihre Ausbrüche kommen in immer kleineren Abständen, sagt Udo Brehm im Juli. Allein in der zurückliegenden Woche habe sie einen Schuhanzieher nach ihm geworfen, ihm die Gabel in die Hand gestochen, ein Bein gestellt, als er vom Frühstückstisch aufstehen wollte. Er fange an, sich zu Hause unsicher zu fühlen.

Den Arzt von der Schweigepflicht entbunden

Udo Brehm hat seinen Arzt der Schweigepflicht entbunden, denn er möchte, dass auch andere Männer erfahren, dass sie nicht alleine sind. Der Hausarzt sagt: Er mache sich Sorgen um Herrn Brehm, das nehme keinen guten Ausgang.

Der Therapeut rät, Udo Brehm solle Fabian einbeziehen, weil dessen Wort im Leben von Renate Gewicht hat. Und er solle den Gedanken zulassen, Renate zu verlassen. Und zwar dringend, sagt sein Arzt. Udo Brehm überlegt, Fabian wenn nicht von den Angriffen, dann doch wenigstens vom Kümmerling zu erzählen, der Renate so verändert. Am Tag nach der Kaffeeverbrühung sagt Renate am Esstisch zu Fabian, als sie den Zupfkuchen anschneidet: So ein Dussel, dein Vater, nichts kann man ihm mehr anvertrauen! Fabian blickt Udo ernst an: Papa, du wirst doch nicht dement? All diese Katastrophen im Haushalt, pass doch mal ein bisschen auf.

Wenige Wochen später hält ein Streifenwagen vor dem Haus, in dem die Brehms wohnen. Es sei einfach zu viel geworden, erklärt Udo Brehm, er hätte es so gerne anders gelöst. Ich möchte, dass wir mal gemeinsam über den Alkohol sprechen, du und ich und Fabian, ich finde, du trinkst zu viel, hat er Renate gesagt. Da hat sie einen Kerzenleuchter nach ihm geschmissen und geschrien, wenn jemand Fabian etwas mitzuteilen habe, dann ausschließlich sie, er sei nämlich gar nicht Fabians richtiger Vater.

Udo weiß, dass das Quatsch ist, die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn ist unverkennbar. Trotzdem hat er die Beherrschung verloren.

Der Schubser reichte aus, dass Renate fiel und sich den Mittelfinger brach. Sie rief sofort die Polizei. Udo hat still am Küchentisch gewartet, bis die Beamten eintrafen, zugehört, wie sie beteuerte, welch gemeines Schwein er sei. In der Befragung hat er gesagt, wie leid es ihm tue, dass er sehr gekränkt gewesen sei, dass er nicht die Absicht hatte, ihr wehzutun.

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