Holocaust-Gedenktag : Rahel Mass und die Reise ihres Lebens

Die Jüdin Rahel Mass wurde in Berlin geboren, in Israel ist sie 100 Jahre alt geworden. Weil ihre Eltern rechtzeitig geflohen sind.

Barbara-Maria Vahl
Gelobtes Land in Sicht. In den 1930er Jahren wanderten hunderttausende europäische Juden nach Palästina aus.
Gelobtes Land in Sicht. In den 1930er Jahren wanderten hunderttausende europäische Juden nach Palästina aus.Foto: Bildarchiv Pisarek /akg-images

Ein Schnappschuss. Norderney, vermutlich Sommer 1925. Rahel geht am Strand entlang. Eine Gruppe Paare hat sich oben auf der Promenade in Positur gestellt, der Strandfotograf hat alles arrangiert. „Ich hab mich einfach auch dorthin gestellt, da war so ein junger Mann, den hab ich mir noch geschnappt: Komm schnell, wir werden fotografiert, ich will auch …“ Klick. Als das Bild entwickelt ist, zeigt es im Zentrum ein Mädchen, etwa sieben Jahre alt, dunkler Kurzhaarschopf, weißes Kleid, in Tanzhaltung mit einem blonden Jungen im Matrosenanzug, ähnliches Alter. „Da war ich frech, ich hatte Chuzpe!“ Rahel Mass muss lachen, als sie das Foto wieder ansieht. Die junge Rahel: unerschrocken, lustig, mitreißend.

Ein Leben, das – so legen es Rahel Mass’ Erinnerungen nahe – von diesen Attributen geprägt bis zum heutigen Tag weitergegangen ist. Ein Leben, das gelungen zu sein scheint. Das stattfinden kann. Man kann ihr zuhören, wenn sie davon erzählt. Und man kann versuchen, ein wenig davon aufzuschreiben, es weiterzuerzählen

"Dieser Moment hat mich für mein Leben geprägt"

Zwei Autostunden entfernt von hier, von Naharija im Norden Israels, liegt Yad Vashem. Wer die Gedenkstätte besucht, kann zahllose ähnliche Familienbilder wie das vom Nordseestrand sehen. Wie viele dieser Leben können nicht mehr erzählt werden? Rahel Mass und ihre zahlreichen Nachkommen – es gäbe sie wohl nicht, wenn ihre Eltern nicht zur rechten Zeit eine folgenschwere Entscheidung getroffen hätten.

Am 29. Juli 1918 wird sie als Rahel Grünbaum in Berlin geboren, der Erste Weltkrieg wird noch drei Monate dauern. Das Jüdische Krankenhaus in der Elsässer Straße 85 – heute Torstraße 146 in Mitte – funktioniert nicht mehr, die Geburtsabteilung ist provisorisch in einer Wohnung untergebracht. Die Mutter erleidet einen Blutsturz, ist in Lebensgefahr – also, so erzählt es Rahel Mass, legt man das Neugeborene erst einmal unversorgt in eine Ecke auf den Boden, um die Mutter zu retten. „Dieser Moment hat mich für mein Leben geprägt“, sagt sie. Ein Gefühl des Verlassenseins, das sie ihr Leben hindurch immer wieder befiel.

Jetzt sitzt sie in einem Sessel in ihrem sehr kleinen Zimmer in einem Betreutes-Wohnen-Haus in Naharija, 50 Meter Luftlinie zum Meer. Neben ihr steht ihr Computer, auf dem Computertisch Handy, Telefon, Brillen, Zettel. Sie schreibt Mails, ergoogelt, was sie wissen will, spielt Kartenspiele, sie telefoniert mit ihren vier Kindern und den meisten der 14 Enkelkinder und 33 Urenkel. Ihre Kinder leben auch im Norden Israels, alle besuchen sie regelmäßig. „Es kommt mir manchmal fast vor, als konkurrieren sie“, sagt Rahel Mass, merkt sie verschmitzt an. Ein Ururenkelkind werde im März in den USA erwartet, für dies hat sie kürzlich eine Babyausstattung gestrickt.

Schräg gegenüber der Pappelplatz, nicht weit die Markthalle VI

Gut bewegen kann sich Rahel nicht mehr, das ist die große Einschränkung, mit der sie jetzt lebt. Ansonsten nimmt man ihr die 100 Jahre nicht ab, so lebendig ist ihre Mimik, so frisch, nuancenreich die Stimme, so temperamentvoll ihr Erzählen.

Zum Beispiel: von Berlin. Anfangs habe die Familie in der Invalidenstraße in Mitte gewohnt, zwischen Ackerstraße und Bergstraße, schräg gegenüber der Pappelplatz, nicht weit die große Markthalle VI. Rahel besucht die Jüdische Grundschule am Monbijouplatz, dort lernt sie Hebräisch, die Sprache der Bibel. Zu Hause wird Deutsch gesprochen, aber zusätzlich Hebräisch gelernt, es werden hebräische Lieder gesungen. Sie ist der Stolz ihres Vaters, der sie noch mitnimmt in die Herrenabteilung der Synagoge, als sie dem dafür für Mädchen schicklichen Alter mit zehn, elf Jahren schon entwachsen ist. Dort stellt sie sich – wie ihr Vater es sie gelehrt hat – auf Hebräisch vor, als „Rahel, Sohn des Joel“.

Rahel Maas blickt auf ein langes Leben zurück.
Rahel Maas blickt auf ein langes Leben zurück.Foto: Lena-Marie Vahl

Die jüdischen Kinder gingen am Sonntag, der bei ihnen kein Feiertag ist, zur Schule; an ihren Ränzchen waren sie so leicht als Juden zu erkennen, erzählt Rahel Mass. Manche haben sich geschämt und ihre Schulutensilien sonntags in Zeitungspapier gewickelt. Doch sie sei stolz darauf gewesen, ein jüdisches Mädchen zu sein. Eines Tages seien drei Gleichaltrige gekommen, „sie haben schon von weitem gerufen, ,Da kommt die Jiddische zur Schul!’ – und sie haben gedacht, ich bekomme Angst. Ich habe aber meinen Ranzen ins Gras geworfen und mich mit ihnen geboxt.“ Der Schulweg brachte weitere Prüfungen: ein Spielzeuggeschäft in der Großen Hamburger Straße, Ecke Oranienburger, „mit 19 Schaufenstern! Nun stellen Sie sich vor, was passiert, wenn ein Kind jeden Tag an einem Spielzeuggeschäft mit 19 Schaufenstern vorbeimuss!"

Rahel Mass holt aus einer Anrichte von ganz unten einen Ordner hervor, darin sind ihre Zeugnisse. Lange hat sie sie nicht mehr angeschaut, und nun liest sie mit Belustigung und staunend vor: „Erstes Halbjahr 27/28: ,Rahel muss pünktlicher sein.’ Erstes Halbjahr 1930: ,Es wird darauf aufmerksam gemacht, dass Rahel sehr oft verspätet in die Schule kommt!’ März 31: ,Rahel fiel sehr oft durch undiszipliniertes Betragen auf.’“

Lange schaut sie sich fasziniert und mit unverhohlener Belustigung all die Bemerkungen an, ihre Noten, streicht mit den Fingern über das gelb gewordene Papier, das so viele Umzüge mitgemacht hat.

"Niemand hat zu der Zeit geahnt, was kommen würde"

Bis zur Untertertia ist sie in Berlin zur Schule gegangen, die letzten Jahre auf das Jüdische Lyzeum für Mädchen am Siegmundshof 11 in Tiergarten. Zwei Brüder waren inzwischen geboren, sechs und acht Jahre jünger als sie. Vater Philipp Grünbaum war Leiter der Familienschutzabteilung bei der Phönix-Versicherung am Hackeschen Markt.

In der Klopstockstraße in Tiergarten, wo die Familie zuletzt wohnte, hingen gegenüber – als bedrohlich empfunden - vom Dach bis hinunter auf den Bürgersteig rote Banner mit den Hakenkreuzen, sagt Mass. In der Chausseestraße gab es Straßenschlachten, in Berlin wurde es unruhiger in der Wahrnehmung des Mädchens. „Aber niemand hat zu der Zeit geahnt, was kommen würde.“

Ihr Vater hatte seit langem geplant, nach Palästina – oder "Eretz Israel", das „Jüdische Land“ – auszuwandern. Die jüngeren Brüder schienen nun das passende Alter für das Unterfangen zu haben. „Und der Auslöser war da, als meine Mutter einmal als Jüdin in der Straßenbahn angepöbelt worden war.“ Da habe der Vater gesagt: „Es ist so weit!“

Vom Bahnhof Zoo über Paris nach Jaffa

Im Mai 1932 begann die Familie, den Haushalt aufzulösen, am 30. Oktober verließ sie über den Bahnhof Zoo Berlin und kam am 10. November in Jaffa an. „Mit der Bahn über Aachen und Paris, dann nach Marseille, dort auf ein sehr schönes Schiff, das nach Indien fuhr, in Port Said Umsteigen auf ein anderes Schiff. In Jaffa haben uns Araber mit Ruderbooten an Land gebracht. Dann kamen wir bei den Engländern in Quarantäne und schließlich durften wir mit einer Kutsche nach Tel Aviv fahren. Es gab schon Straßen.“

Video
Gegen das Vergessen
Gegen das Vergessen

Und dies, so sagt sie auf die Frage, was der glücklichste Moment in ihrem Leben war, ganz klar, dies war er: „Ich habe mir in Tel Aviv bewusst gesagt, jetzt bist du da, wofür du erzogen wurdest, wofür du bis jetzt gelebt hast. Die Vergangenheit existiert nicht mehr. Mit 14 Jahren, das ist noch jung, habe ich mir bewusst gesagt: Du fängst jetzt von vorn an.“ Heimweh? Nein. Berlin vermisst? Nie.

Rahel arbeitet. Sie putzt, spült Geschirr. Sie ist ein Jahr lang, mit 16, Kindergärtnerin. Die Eltern machen ein Hotel in Haifa auf. Rahel arbeitet an der Rezeption, hilft in den Zimmern. Im April 1936 bricht der Arabische Aufstand im Mandatsgebiet für Palästina aus, letztlich als Reaktion auf die jüdische Einwanderung nach der Machtergreifung der Nazis.

Erst nach Kriegsende fing es an, sich herumzusprechen

Das Hotel läuft nicht mehr, die Eltern machen ein kleineres auf, der Vater stellt eine Musikkapelle zusammen, bietet Programm mit Tanz, Zauberern und Sängern. Ein Pianist wird engagiert, Kurt Mass. Er ist bald Rahels Ehemann, im Oktober 1940 heiraten sie. Er war nach dem Anschluss Österreichs mit der Jugend-Aliyah, einer in Berlin gegründeten jüdischen Organisation zum Schutz jüdischer Jugendlicher, aus Wien nach Palästina gekommen. Mit seiner Musik ernährt ihr Mann zeitlebens die Familie, Rahel arbeitet nun als Barmanagerin. Bis das dritte Kind kommt – da macht sie eine Kindertagesstätte auf.

In den Jahren bis zum Kriegsausbruch war es Rahel Mass’ nahezu gesamter Familie gelungen, ins heutige Israel zu kommen. Zwei Geschwister ihrer Mutter aber, die sich in Deutschland sicher fühlten, sind mit ihren Ehepartnern in Auschwitz ermordet worden.

In Palästina sei wenig bekannt gewesen von dem, was in Europa vor sich ging. Erst nach Kriegsende fing es an, sich herumzusprechen, „dass es nicht nur furchtbar, sondern wie furchtbar es wirklich gewesen war“. Die Eltern waren inzwischen nach Naharija gezogen und hatten dort ein Hotel eröffnet, das die Mutter bald als Krankenstation für Tuberkulosekranke aus den KZs führte. Wie sehr die Überlebenden von der traumatischen Zeit geprägt waren, haben Rahel und ihr Mann noch erlebt, nachdem beide 1999 in ein Altersheim einzogen. „Dort habe ich gesehen, wie manche nach jeder Mahlzeit das Brot mitnahmen. Ihre ganzen Nachttische waren voller Brot.“ Rahel und ihr Mann Kurt sind nach Rentenbeginn viel gereist. Und ab und zu war es anstrengend, „in den letzten Jahren war er sehr possessiv …“ – wohin gehst du?, wen triffst du?, warum kommst du so spät? Vor 16 Jahren dann starb er.

Glückliche Zeiten. Rahel Maas (Bildmitte, im weißen Kleid) im Alter von sieben Jahren auf Norderney.
Glückliche Zeiten. Rahel Maas (Bildmitte, im weißen Kleid) im Alter von sieben Jahren auf Norderney.Foto: privat

Rahel setzt sich auf in ihrem Sessel, macht ein entschiedenes Gesicht, hebt den Zeigefinger und sagt: „Im Judentum haben wir sieben Tage Zeit der Trauer nach der Beerdigung, anschließend folgt eine weitere Zeit der Trauer bis zum 30. Tag nach der Bestattung. Ich habe meinen Kindern am achten Tag gesagt: So – ab sofort mache ich alles, wie ich es will, wann ich will und wo ich will! Und am 31. Tag bin ich auf meine erste Reise gegangen: Wien, Budapest, Prag. Danach nach Berlin, mehrfach.“

Eine Zeit der Traurigkeit holte sie ein. Depression, mit Ende achtzig. Sie muss lange warten, dann wird ihr eine Psychoanalyse angeboten, als es ihr schon fast wieder gut geht. Psychoanalyse, „na gut, habe ich gesagt, warum nicht?! So kann ich mit 90 noch lernen, wer ich bin.“ Es wird ein Schatz gehoben: Rahel Mass’ Kindheit kommt zu ihr zurück. Ihr Leben lang war sie für sie verschlossen gewesen, zugeschüttet. „Ich weiß noch, ich hörte zufällig ein Schumann-Stück im Radio, und da sah ich plötzlich den pink-violetten Aufkleber auf einer Schellack-Platte vor meinem inneren Auge – wir haben zu Hause viel Musik gehört –, und dann tauchte das Grammophon darunter auf, dann die Ecke des Wohnzimmers, wo es stand, das ganze Zimmer, die Wohnung, die Straßen, die Schule!“, Rahel Mass singt dies nahezu, ist immer noch hingerissen davon.

"Jeder hatte Blumen, ein Gedicht, eine Rede"

Im vergangenen Jahr hat sie ihren Hundertsten gefeiert. Ein ganz großes Fest hat ihre Familie für sie ausgerichtet. Es war ein umwerfendes Erlebnis, erzählt sie. Jedes Kind, jeder Enkel, alle hatten sich etwas für sie ausgedacht, „jeder hatte Blumen, ein Gedicht, eine Rede. Es war so eine riesengroße Freude.“ Rahel zeigt Fotos vom Fest und der versammelten Familie. „Vorher habe ich schon manchmal gedacht, einfach einschlafen wäre gut. Aber danach hatte ich ganz viel neue Energie.“

Mit hundert Jahren Rückblick, was sagt sie jungen Menschen, die das Leben vor sich haben, so wie Rahel Mass ihres mit 14 und der Ankunft in Tel Aviv? „Nimm die Sachen nicht so ernst. Es ist ja alles nicht so schrecklich wichtig. Versuch, die Sache von der komischen Seite zu sehen. Versuche, viel zu lachen.“ Sie macht eine lange Pause. Sagt dann ruhig: „Sonst hätte ich doch zusammenbrechen müssen, viele Male, denn es sind ja auch viele traurige Sachen passiert. Aber das Leben geht immer weiter.“