"Es gibt immer noch Grundreflexe, die sich ändern müssen"

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Interview mit Aiman Mazyek : „Auf dem Weg zum deutschen Islam haben wir noch ein Stück“

Sind aus dem Fall NSU die nötigen Lehren gezogen worden?

Schwer zu sagen. In Bielefeld gab es Brandschläge auf Moscheen. Der Polizeibericht wusste schon eine Stunde später, dass der Grund nicht Islamhass war, denn die Kasse der Moschee war aufgebrochen worden. Nur der Ärger darüber, dass sie fast leer war, habe angeblich den Täter dazu gebracht, mehrere Korane zusammen mit der Imamkutte an Ort und Stelle zu verbrennen. Der Täter wurde gefasst, tatsächlich ein stadtbekannter Krimineller. Dass er in einer weiteren Moschee eine Woche später schon gar nicht mehr in die Kasse greifen wollte, sondern direkt Feuer legte, änderte nichts an der Interpretation: Ein einfacher Krimineller, folglich kein Islamhasser. Als in derselben Woche Salafisten im Kölner Dom Kerzen klauten, stand das politische Motiv sofort fest. Oder denken Sie an die Berliner Mevlana-Moschee. Da wurden die Brandbeschleuniger erst in einer Nachuntersuchung des Tatorts gefunden, weil man im ersten Moment sicher von einem technischen Grund ausging.

Also gab es keine Lehren aus NSU?

Ich würde nicht sagen, wir haben nichts aus dem Fall NSU gelernt. Aber es gibt immer noch Grundreflexe, die sich ändern müssen. Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Wenn auf einem US-Campus, wie diese Woche, drei muslimische Studenten erschossen werden, von einem einschlägig bekannten Religionshasser, bringt die dpa einen Dreizeiler, die „Tagesschau“ am Tag darauf eine kleine Meldung. Man stelle sich vor, ein mutmaßlicher Muslim hätte diese Tat verübt, was dann los wäre.

Noch einmal zur Mahnwache. Warum eigentlich war das keine Aktion des Koordinationsrats der Muslime (KRM), warum hat Ihr Verband das organisiert?
Alle vier Verbände des Koordinationsrats haben zur Teilnahme aufgerufen und trugen zum Gelingen der Aktion bei. Wir haben im Vorfeld die Initiative ergriffen, weil es sehr schnell gehen musste und weil angesichts von drei Tagen Vorbereitung ein Abstimmungsprozess kaum möglich war. Dennoch haben wir das auch nicht unversucht gelassen.

Wo liegen Ihre Probleme?
Wenn es nach dem ZMD alleine gegangen wäre, hätten sich die vier Verbände im KRM strukturell zu einer gemeinsamen neuen deutschen Religionsgemeinschaft, insbesondere auf Länderebene, zusammengetan. Jetzt haben wir immerhin eine gemeinsame Repräsentation, um zum Beispiel bei Neujahrsempfängen mit einer Adresse aufzuwarten. Es gibt aber schon unterschiedliche politische Kulturen unserer Verbände. Mein Zentralrat der Muslime in Deutschland ist sehr heterogen, wir haben türkisch-albanische Mitgliedsverbände, afrikanische, deutsche, arabische – wir konnten und wollten uns keinen ethnischen Islam leisten, wir sehen unsere Erdung in Deutschland, das hat stets unsere Agenda bestimmt. Andere sind ethnisch homogener …

Sie meinen die türkische Ditib?
… Sagen wir so: Theologisch sind wir uns in vielen Fragen zum Glück grün. Auf dem Weg zum deutschen Islam haben wir noch ein Stück Weg zu gehen.

Nach theologischer Harmonie sieht es in Münster nicht aus. Dort haben die Verbände massive Probleme mit der Lehre von Professor Muhammad Khorchide haben.

Da geht es aber nicht um theologische Unterschiede zwischen den Verbänden, sondern darum, dass die theologische Ausbildung nicht völlig abgekoppelt wird von den Wünschen der Gemeinden, die die Geistlichen ja später einstellen müssen. Wir stehen bei der Ausbildung zum Beispiel von Imamen ganz am Anfang, da ist es wichtig, zunächst Theologen auszubilden, die eine Grundversorgung sicherstellen. Das Vertrauen der Gemeinde in die staatlichen universitären Ausbildungsbereiche ist sehr wichtig. Ohne die funktioniert es kaum. Über theologische Schulen und unterschiedliche Richtungen können wir später debattieren, und die soll es selbstverständlich in den Universitäten auch geben .


Was sagen Sie Kritikern, die meinen, durch den staatlich organisierten muslimischen Religionsunterricht hat man nicht etwa die Koranschulen abgeschafft, sondern sie jetzt in die Schule geholt?
Ich verstehe das Misstrauen gegenüber allem, was in unseren Gemeinden stattfindet, nicht. Wir wollten den Koranunterricht in den Gemeinden nie abschaffen. Auch die Kirchen haben weiter eigenen Kommunion- oder Konfirmationsunterricht, obwohl Religion Schulfach ist. Beides ergänzt und befruchtet sich und soll zu Integration verhelfen.

Wenn Sie bilanzieren müssten: Wo steht der Islam heute, fast zehn Jahre nach Einberufung der Deutschen Islamkonferenz? Täuscht der Eindruck, dass Sie heute politisch weniger kämpferisch sind?
Gut möglich. Ich glaube aber, das hat mit mehr Wissen zu tun, und das ist auch ein Erfolg der Islamkonferenz. Als wir uns vor einem Jahrzehnt auf dieser Ebene trafen, dachten wir noch, wir fahren jetzt nach Berlin, die Anerkennung als Religionsgemeinschaft haben wir damit praktisch in der Tasche. Wir holen uns nur noch am Schalter das Formular ab, füllen es aus, und das war es dann. Was natürlich Unsinn war. Das Motiv des Innenministeriums – nicht des Ministers Schäuble – war, uns unter dem Eindruck von 9/11 sicherheitspolitisch in Beschlag zu nehmen. Das ging so auch nicht. In diesem Prozess haben beide Seiten gelernt.

Aiman Mazyek wurde 1969 in Aachen geboren, sein Vater stammt aus Syrien, die Mutter aus dem Schwarzwald. Mayzek, Vater von – demnächst – vier Kindern, studierte Arabistik in Kairo und Politik, Volkswirtschaft und Philosophie in Aachen. Mazyek war bis 2010 Sprecher des Zentralrats der Muslime, seither ist er Vorsitzender des Verbands. Mit Rupert Neudeck gründete Mazyek 2003 die Hilfsorganisation „Grünhelme“ zur Nothilfe in Krisenländern. Derzeit ist sie auch in Syrien und im Irak aktiv und kümmert sich unter anderem um jesidische Flüchtlinge.