"Ein Gummiding kann jeder"

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Investition in Berliner Wissenschaft : Wie das Naturkundemuseum an die Millionen kam
Mit Leuchtkraft. Bald soll das ganze Museum so strahlen wie die berühmte Nass-Sammlung.
Mit Leuchtkraft. Bald soll das ganze Museum so strahlen wie die berühmte Nass-Sammlung.Foto: Robert Schlesinger/dpa

Irgendwo im rationalen Teil ihres Gehirns wussten die Berliner immer, dass ihr Naturkundemuseum eine selten marode Substanz hat. Aber das Ausmaß des Schreckens haben sie ja nie gesehen. Sie standen geblendet im restaurierten Sauriersaal vor den Skeletten und der 2010 neu eröffneten, leuchtenden Nass-Sammlung. Angestrahlte Präparate in insgesamt 80 Tonnen Alkohol. Dahinter verschwand alles Marode im Dunkel, waren die Säle abgeschlossen, die Temperaturen unberechenbar und die Mitarbeiter bissen an Arbeitsplätzen auf dem Stand von 1945 die Zähne zusammen.

Warum weiß man von alledem nichts?

„Das war eine strategische Entscheidung“, sagt Vogel. „Es ist ja so: So, wie es alle machen, hat es bislang nicht geklappt.“ Bis 2012 hätten die Mitarbeiter auf Tränendrüse gemacht. Das sei auch berechtigt gewesen, habe aber nicht funktioniert. Seine Strategie unterscheidet sich nicht dadurch, dass sie wahrer wäre. Die Erfolge, die er betont, sind schließlich genauso wahr wie Humboldts verrottende Schätze. Sondern dadurch, dass sie funktioniert. „Wissen Sie, Schrott kann ich ihnen einmal verkaufen.“ Aber steigende Besucherzahlen und spektakuläre Ausstellungsstücke immer wieder. „Das wird auch nie langweilig.“

Er sagte seinen Mitarbeitern: Wir machen jetzt eine Reise

„Investiert wird in Möglichkeiten, nicht in Notwendigkeiten“, ruft Vogel. Es war einfach die bessere Erzählung. Unterentwicklung ist nach dieser Logik immer ein Potenzial.

Er weiß es selbst. „Das klingt alles vermessen“, sagt er. „Aber man sollte eine Cambridge-Ausbildung nicht unterschätzen.“ Verkürzt lehre die: „Niemals Herdendenken! Denk anders, denk anders. Und: Das muss doch noch anders gehen!“

2012 sagte Vogel zu seinen Mitarbeitern: Wir machen jetzt eine Reise. Von „nice to have“ nach „necessary“. Er durfte das so sagen. Er ist in Bielefeld geboren, kam aber gerade vom Naturkundemuseum aus London. Von „ganz nett“ zu „notwendig“. Es gelte, sich von der wirtschaftlichen Misere den Stolz nicht nehmen zu lassen. Sie besaßen einen ausgestopften Papagei, der auf Alexander von Humboldts Schultern gesessen hatte. Die Insektensammlung umfasste Fliegen, die aus den Bandagen einer Mumie geklaubt wurden. Sie sind das einzige Museum weltweit, das alle drei Saurier-Zeitalter an echten Objekten zeigen kann. Keine nachgebauten Attrappen wie in London. Darum ginge es, sagt Vogel. Sie machen nicht in Spielzeug, sondern in Wissenschaft. Dann kommen nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. „Ein Gummiding kann jeder.“

Stroh und Kabel. Viele Ecke des Gebäudes müssen dringend saniert werden.
Stroh und Kabel. Viele Ecke des Gebäudes müssen dringend saniert werden.Foto: Thilo Rückeis

Bis dahin gab es in der Belegschaft auch viele Eitelkeiten, jeder war einzeln wichtig, in seiner Spezialisierung Experte. Nun gab es ein höheres Ziel für alle. Man sollte an ihnen nicht mehr vorbeikommen. Mit der Benennung der U-Bahn- und Straßenbahn-Haltestelle nach dem Museum ging die Reise los. Der Sauriersaal wurde renoviert. Sie waren Mitglied der Leibniz-Wissenschaftsgemeinde. Als Tristan, der Tyrannosaurus Rex, endlich durch den Zoll war, hielt Vogel langsam den Erfolg für möglich. Sie waren ja auch wissenschaftlich „necessary“, notwendig zur Beantwortung dringender Fragen der Gegenwart.

Der Schatz aus der Vergangenheit und die Forschung der Gegenwart liefern Lösungen für die Gesellschaft der Zukunft. So oder ähnlich hat Vogel das Mantra in sieben Jahren immer variiert. So sind sie mit dem Schatz, den einmal Alexander von Humboldt angelegt hat, von einem unterfinanzierten Bittsteller zu einem großen Versprechen geworden. Darauf, in Zeiten des Klimawandels und unerklärlichen Insekten-, Bienen- und Artensterbens dringend benötigte Antworten zu finden. „Wir tragen das jetzt alle auf unsere Stirn tätowiert“, sagt Vogel und haut sich an den Kopf. „Necessity“. Notwendigkeit. Praktisch unverzichtbar.

Transparenz, Partizipation, Treppenhäuser

Sie haben hier zum Beispiel das Stück Erz, anhand dessen das Element Uranium beschrieben wurde. „Das Original“, sagt Vogel. Zurzeit kündigt man mit dem Iran das Atomabkommen auf. Sichtbar zu machen, wie Wissenschaft die Wirklichkeit formt, sei jetzt die Aufgabe. Aber wie wird sein Museum aussehen? Nach dem Geldsegen? „Wenn ich ihnen das jetzt sagen könnte, würde ich scheitern“, sagt Vogel. „Dynamisch-adaptiv, das ist der einzige Weg!“ Die Mitarbeiter müssten mitgenommen werden, Ausschreibungen getätigt.

Eine Wohltat werde es schon sein, wenn man die beiden großzügig geschwungenen Treppenhäuser, die alle Säle verbinden, endlich öffnen könne. „Es ist ja ein Tageslichthaus, gebaut, um ohne Elektrizität zu funktionieren.“ Licht und luftig sei das schwere Haus dadurch, mit riesigen Oberlichtern. Das könne man jetzt kaum wahrnehmen, verkörpere aber genialerweise auch noch die Werte Transparenz und Partizipation. Eine Architektur gewordene Antwort auf ein gesellschaftliches Bedürfnis unserer Zeit!

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