Keine Angst vor Nullen

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Investition in Berliner Wissenschaft : Wie das Naturkundemuseum an die Millionen kam
Staub und Schnäbel. Den Vogelsaal hat seit der Museumseröffnung 1889 kein Besucher betreten.
Staub und Schnäbel. Den Vogelsaal hat seit der Museumseröffnung 1889 kein Besucher betreten.Foto: Thilo Rückeis

Dann öffnet er die Tür zum „Vogelsaal“. Seit der Eröffnung des Museums 1889 war er noch niemals der Öffentlichkeit zugänglich, das soll sich mit der Sanierung ändern: „250 000 Vögel haben wir hier. Und dann noch mich und meine Frau.“

Der Direktor kann es nicht lassen. Er läuft nun schon exakt 55 Jahre mit diesem Nachnamen durch die Welt, aber Johannes Vogel ist die größte Schleuder von Vogel-Metaphern. Von den Millionen lässt er sich „beflügeln“.  

Jetzt steht der Metaphern-Mensch Vogel mit seinem Zahlenmenschen Junker vor zwei riesigen Straußenvögeln, die genau in die Vitrine passen. Würden sie wie bisher weiterhin ihren normalen Etat von fünf Millionen Euro pro Jahr bekommen, bräuchten sie für die 660 Millionen Euro 132 Jahre. Aber nun ist alles da für einen großen Wurf, etwas Grundsätzliches, ein Nachvornepreschen an die Spitze der Naturkundemuseen weltweit. Sieben Jahre Anlauf. 660 Millionen. Da müssen sie jetzt auch weit springen. „Jetzt entstehen die Erwartungen“, sagt Vogel. 30 Millionen einzelne Objekte sollen digitalisiert werden. Die Ausstellungsfläche vervierfacht. Es wird einen Architektenwettbewerb brauchen.

Der Kollege aus den USA schaut neidisch

Bislang sind alle Bauvorhaben des Museums, die Sanierung des Ostflügels und Sauriersaals, immer im Zeitplan und Budget gewesen. Jetzt vervielfachen sie die Summe. Sie dürfen jetzt bloß keine Angst vor Nullen haben.

Richard Lariviere, Direktor des Field Museum in Chicago, lief am Morgen noch in Turnschuhen durch die Ausstellung. In den USA sei es vollkommen undenkbar, dass eine Regierung eine derartige Summe an eine einzige Institution vergebe, sagte er. Manchmal schaue er neidisch auf Deutschland.

Vogel sagt dagegen: „Wenn sie einen Milliardär becircen, dann haben sie den sicher.“ Aber im fluiden Umfeld sich ständig ändernder politischer Konstellationen müssen am Punkt, wenn es passiert, alle miteinander wollen. Bund und Land, die je 330 Millionen geben, mussten an einem Strang ziehen, obwohl über die Jahre ständig die Akteure wechselten, inklusive Bundestagswahl mit neuer Regierung. Das war die größte Hürde.

Vogel sagt: Sie glauben gar nicht, wie tief wir zwischendurch in der Scheiße waren.

Ähm, also was für Scheiße genau?

Bürokratische Scheiße. Ach, und Eitelkeiten, alles. Das Problem hat sich soeben von selbst erledigt: Es liegt in der Natur von großen Erfolgen, dass der Erfolgreiche plötzlich nur noch von Freunden umgeben ist.

"Ich will die Welt retten"

„Dass die Mitarbeiter das überhaupt so lange mitgemacht haben“, sagt Vogel. Dass sie durchgehalten haben unter diesen Bedingungen und nach den Evaluationen, die sie als Teil der Leibniz-Gemeinschaft ständig durchführen, auch noch nachweislich ständig besser geworden sind dabei! Das sei das eigentlich Bemerkenswerte. Und neben aller Strategie der Grund für diesen Erfolg.

Vogel hat eine Ururenkelin von Charles Darwin geheiratet, die er am Londoner Naturkundemuseum getroffen hat. Welcher Biologe kann schon von sich sagen, den Evolutionsbiologen im eigenen Stammbaum zu haben? Er hat nun zwei Kinder, die Nachfahren von Charles Darwin sind.

Es gehe ihm gar nicht um dieses eine Museum, sagt er plötzlich. „Ich will die Welt retten.“

Darunter macht er’s nicht, oder?

Nö, sagt er.

Diversität, Forschung, es braucht Schnittstellen, Verknüpfung von Wissenschaft und Gesellschaft, Technik und Kommunikation, erst zusammen werden die einzelnen Erkenntnisse überhaupt nutzbar für die Gesellschaft. Die Schubladen der riesigen alten Schränke sind voller Antworten, auf Fragen, die noch nicht gefunden wurden.

Wird das hier ihr Lebenswerk? Ja, sagt Junker. Ja, sagt Vogel. Wenn das klappt, ist es mein Lebenswerk.

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