Entfernt sich das Land weiter von Europa?

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IS-Rekrutierung in Bosnien : Im Hinterland
Una Hajdari Krsto Lazarevic
Weg in den Krieg. Hunderte Bosnier schlossen sich dem IS an, um in Syrien oder dem Irak zu kämpfen.
Weg in den Krieg. Hunderte Bosnier schlossen sich dem IS an, um in Syrien oder dem Irak zu kämpfen.Foto: Ruben Neugebauer

Sarajevo war bis zum 9. Februar auch der Arbeitsort von Mirsad Kebo, dem mittlerweile ehemaligen Vizepräsidenten des Landes. Das Interview, das er an diesem Tag gibt, ist eines der letzten in seiner Funktion als Vizepräsident. Zweimal schon hat er den Krebs besiegt und trainiert in seiner Freizeit Taekwondo. Um sich zu motivieren, klebt er die Gesichter ehemaliger Parteikollegen aus der SDA an den Boxsack, bevor er darauf einschlägt. Kebo hat der Staatsanwaltschaft tausende Seiten Dokumente überlassen, welche dabei helfen sollen, die Identität von ausländischen Kämpfern aus dem Bosnienkrieg und deren Kriegsverbrechen aufzuarbeiten. Von vielen Bosniaken wird ihm deswegen Verrat vorgeworfen. Doch er weist diese Vorwürfe zurück: „Ich habe niemals die Armee der Republik Bosnien-Herzegowina kritisiert. Ich spreche über die Verbrechen, die ausländische Islamisten im Krieg gegen Zivilisten begangen haben.“

Mirsad Kebo hat in den vergangenen Wochen die Seiten gewechselt. Laut eigener Aussage wollte er nicht mehr mit ansehen, wie das Land von seinen ehemaligen Parteifreunden der bosniakisch-konservativen SDA ausgebeutet wird und sich immer weiter von Europa entfernt. Er behauptet, dass es vor dem Bosnienkrieg 1992 keine Islamisten in Bosnien-Herzegowina gab. Der bosnische Islam sei tolerant und ein Teil Europas. Seine Vorwürfe sind brisant, weil Sie sich gegen amtierende Politiker richten. Die meisten davon Mitglieder der SDA, aus der er selbst 2013 ausgetreten ist: „Der Präsident Bakir Izetbegovic ist der Führer des Extremismus in Bosnien-Herzegowina. Die Kontakte zu den Mudschaheddin von damals bestehen bis heute.“ Warum er so lange geschwiegen hat, bevor er mit diesen Informationen an die Öffentlichkeit ging? „Es war Krieg, und manche Dinge brauchen eben ihre Zeit. Es hat ja auch 25 Jahre gedauert bis zu Willy Brandts Kniefall in Warschau.“

Vier Dörfer sind in der Hand von Extremisten

Die Spezialkräfte der Sipa sprechen von vier Dörfern, die heute in der Hand extremistischer Wahabiten sind. Neben Gornja Maoca sind das Dubnica, Bosanksa Bojna und Osve. Keines der Dörfer hat mehr als 1000 Einwohner. Sie liegen entweder im Nordosten des Landes oder im äußersten Westen an der Grenze zu Kroatien – und somit auch der EU.

Vor dem Bosnienkrieg gab es auch in Gornja Maoca keine Islamisten. In dem Dorf lebten einst bosnische Serben, die aus Holz Gebrauchsgegenstände gefertigt haben. Von ihrer einstigen Anwesenheit zeugt heute nur noch ein serbisch-orthodoxer Friedhof in der Nähe des Dorfes. Nach dem Krieg verkauften die Serben ihre Häuser zu Spottpreisen. Angesiedelt haben sich dort arme Bosniaken, Mudschaheddin und Hilfsorganisationen aus den Golfstaaten. Weil der bosnische Staat nirgendwo aktiv war, fiel es den Islamisten leicht ihre Interpretation des Islam durchzusetzen.

Nach den Plänen des IS-Anführers Abu Bakr al-Baghdadi soll der gesamte Balkan bis hinauf nach Wien dereinst auch Bestandteil des Kalifats werden, das die dschihadistische Terrororganisation Ende Juni in den eroberten Gebieten des Iraks und Syriens ausgerufen hat. In Gornja Maoca werden schon mal die Flaggen gehisst.

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels. Die Recherche wurde finanziert durch das „Journalisten vor Ort“-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung und ein Reisestipendium von N-Ost.

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