Pfadfinder und Jurist: Wie Renzi in die Politik kam

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Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi im Porträt : Der Wirbelsturm

Renzi hat seine Politikerkollegen ja auch provoziert bis aufs Blut. Warum, so fragte der gelernte Pfadfinderführer und frisch examinierte Jurist, als er kaum Mitte 20 war, sollen die Jungen immer darauf warten, bis ihnen die immer gleichen Alten einen Platz zuweisen? Und er ließ sich – am linken Parteiapparat vorbei – vom Volk wählen: zunächst zum Landrat, 2009 dann zum Bürgermeister von Florenz. Doch kaum hatte er dieses nach eigenem Bekunden „schönste Amt der Welt“ angetreten, berief er – von niemandem gebeten – Tagungen ein, um die Partei gleich auf nationaler Ebene zu reformieren. Die alten Kader müssten „verschrottet“ werden, rief Renzi, und in der Hauptstadt erregte sich Massimo D’Alema als einer der Gralshüter der italienischen Linken: „Da muss nur so ein Bengel aus der Provinz sagen, dass er uns mit Arschtritten davonjagen will, und schon räumen die Zeitungen ganze Seiten für Interviews mit ihm frei.“

Schon der Vater war Lokalpolitiker

Aufgewachsen in einem katholischen Elternhaus, in dem der Vater Lokalpolitik und eine Firma für Zeitungswerbung miteinander verband, bekam Renzi den Zusammenhang von Politik und ihrer publikumswirksamen Darstellung von klein auf mit. „Und heute“, sagt der Florentiner Journalist David Allegranti, der ihn seit zehn Jahren beobachtet, „ist Renzi der größte Kommunikator, den unsere Linke jemals hatte. Eigentlich sieht er Politik als Marketing.“

Allegranti findet auch, dass Renzi als Regierungschef genauso weitermacht wie als Bürgermeister von Florenz: Schon in der Stadtverwaltung habe er sich mit lauter Leuten seines Alters umgeben, habe er alle mit seinen Entscheidungen überfahren, provokativ, frech, selbstbewusst. „Lieber“, pflegt Renzi zu sagen, „entschuldige ich mich hinterher einmal, als dass ich zuvor jemanden um Erlaubnis frage.“ Die Umwandlung des Florentiner Domplatzes von einem Autobus-Knotenpunkt zur Fußgängerzone sei so ein Beispiel gewesen, sagt Allegranti: „Die wurde seit ewigen Zeiten diskutiert, dann hat Renzi sie im Handstreich beschlossen. Hätte er nach altem Brauch alle Interessengruppen und alle Bedenkenträger vorher angehört, wäre das Projekt heute noch nicht umgesetzt.“

Immer schon hat es Renzi auf Aktionen mit sofortiger Sichtbarkeit und Bildwirkung angelegt, „auf den Spot“, sagt Allegranti, auf den Wirbel: „Da hat er zur Stadtreform 100 Punkte für Florenz verkündet. Und als sich herausstellte, dass die nicht so umfassend realisiert werden konnten wie versprochen, hat er zur Ablenkung schnell 100 neue Punkte aus dem Hut gezaubert. Und dann wieder neue, immer wieder.“ Dass man zu Renzis Florentiner Zeiten von den anderen Mitgliedern der Stadtregierung ebenso wenig hörte wie heute von den Ministern in seiner Regierung, auch das hält Allegranti für eine Konstante: „Genauso, wie er immer schon als Outsider gestartet ist, hat er sich immer nur dort wohlgefühlt, wo der Nummer eins war.“

Mit Müllmännern diskutieren kann er jetzt nicht mehr

Nur etwas, mit dem der Bürgermeister Renzi sich so profiliert hat, kann der Regierungschef Renzi nicht mehr: In Florenz war er, auf seinem Rad unterwegs, immer unter den Leuten. „Schon um sechs Uhr morgens hat er irgendwo in der Stadt mit Müllmännern diskutiert oder mit Arbeitslosen oder mit Leuten, die irgendein Wehwehchen hatten. Für alle war er nur der ,Matteo’,“ sagt Allegranti: „Das wurde als erfrischend revolutionär umso stärker empfunden, als sich Renzis Vorgänger vor den Bürgern regelrecht versteckt hatte.“

Die Massenwirkung Renzis beruht nach Meinung vieler Kommentatoren darauf, dass er den „Palazzo“ zu den Menschen gebracht hat. Das heißt: Er hat die als abgeschottet, bürgerfern geltende Politikerkaste durch permanente persönliche Sichtbarkeit im Volk greifbar gemacht. Und heute? Renzi bricht aus seiner „Gefangenschaft“ im römischen Palazzo systematisch jede Woche aus, um Schulen irgendwo im Land zu besuchen: Da mischt er sich unters Volk, da verteilt er Millionen für Restaurierungsarbeiten, da gibt’s lebendige Fernsehbilder. Schließlich, sagt Renzi, „muss Italiens Neustart anfangen bei Ausbildung und Arbeit“.

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