Jahrestag der Krim-Annexion : Rache an den Krimtataren

Seit fast drei Monaten hat Gulnara Bekirowa ihren Mann nicht gesehen. Die Repression hat auch ihn getroffen. Eine Reportage fünf Jahre nach der Krim-Annexion.

Simone Brunner
Maskierte Soldaten während der Krim-Annexion in Perewalnoje
Maskierte Soldaten während der Krim-Annexion in PerewalnojeFoto: dpa

Es wirkt so, als sei er eben noch da gewesen. Die Medikamente im Vorraum. Die Prothese im Badezimmer. Die Krücken, die an der Haustür lehnen. Doch seit fast drei Monaten hat Gulnara Bekirowa ihren Mann nicht gesehen. Sie hat weder seine Stimme gehört noch seine Hand gehalten. 89 Tage sind es an diesem zweiten Sonntag im März genau, so steht es auf dem Kalender, der hinter der Sitzbank in der Küche hängt. Jeden Tag hat sie mit Filzstift schwarz eingerahmt. „Free Edem Bekirow“, steht auf einem Porträtfoto Bekirows, das darüber gepinnt ist.

Das Dorf Nowooleksijiwka. Kleine, geduckte Häuser, die sich an staubigen Straßen aneinanderreihen. In der Weite der südukrainischen Steppe gelegen, wo die Sonnenstrahlen schon wärmen, anders als in der Hauptstadt Kiew, eine 13-stündige Fahrt mit dem Nachtzug nach Norden, wo noch Schnee liegt. Nur wenige Kilometer sind es von Nowooleksijiwka auf die Halbinsel Krim, in den Süden.

Fahnen in den blau-gelben Nationalfarben flattern auf den Hausdächern, aber auch die hellblauen mit dem gelben Siegel der Krimtataren, jener muslimischen Volksgruppe, die etwa ein Zehntel der Krimbevölkerung ausmacht und deren Selbstverwaltungsorgan, der Medschlis, sich vor fünf Jahren zur Ukraine bekannte und zum Boykott des Krimreferendums aufrief. Beim Referendum – abgehalten am 16. März 2014 – stimmten nach offiziellen Angaben mehr als 95 Prozent derjenigen, die daran teilnahmen, für eine Angliederung der Halbinsel an Russland.

14 Kilo Sprengstoff und Munition

An klaren Tagen kann man von Nowooleksijiwka bis dorthin sehen, wo seit der Annexion die russischen Grenzer stehen. Eine Staatsgrenze, so nennen es die Russen. Eine „administrative Grenze“, so nennen es die Ukrainer. Dort wurde Edem Bekirow, 57 Jahre alt, am 12. Dezember 2018 von russischen Beamten festgenommen. Der Vorwurf: Besitz und Mitnahme von 14 Kilogramm Sprengstoff und Munition, Paragraph 222 des russischen Strafgesetzbuches.

Seither wird ihm von den russischen Behörden der Prozess gemacht, er ist auf der Halbinsel, in Simferopol, in Untersuchungshaft. Seine Familie durfte ihn bisher nicht besuchen, nur sein Anwalt, ein Mal pro Woche. Der nächste Verhandlungstag ist für den 12. April angesetzt.

Gulnara Bekirowa sitzt in ihrer Küche mit der bunten Blumentapete, sie reicht Trockenobst und Früchte, ihre Schwester Fatima macht Kaffee. Bekirowa hat ein Kopftuch über ihre schwarzen Haare geknotet. Als sie Familienfotos auf der Tischdecke ausbreitet, seufzt sie. Ihr Mann – hinter Gittern? Ein Waffenschmuggler? Sie winkt ab. „Alles konstruiert“, sagt sie. Eigentlich habe ihr Mann vor dem Jahreswechsel nur seine Familie in Simferopol besuchen wollen, sagt sie.

Edem Bekirow sei kein Terrorist, sagt Gulnara Bekirowa. Sondern ein schwer kranker Mann. Er leide an Durchblutungsstörungen und Diabetes, nach einem Gefäßverschluss musste sein rechtes Bein amputiert werden, er geht an Krücken.

„Free Edem Bekirow!“

Wenige Monate vor seiner Verhaftung unterzog er sich einer Herzoperation, zum Jahreswechsel habe er erneut am Herzen operiert werden sollen, doch die ukrainischen Befunde, die seine Krankengeschichte dokumentieren, wurden auf der Krim nicht anerkannt. Im Krankenhaus von Simferopol wurde er als hafttauglich eingestuft. „Nach der Operation konnte er nicht einmal eine Wasserflasche hochheben und selbstständig trinken“, sagt Bekirowa. „Wie soll er da 14 Kilogramm Sprengstoff über die Grenze tragen? Wo er noch dazu an Krücken geht?“

Für viele in Nowooleksijiwka ist die Sache klar: Der Krimtatare Bekirow wurde bei seiner Einreise auf die Krim festgenommen, weil er keinen Hehl aus seiner pro-ukrainischen Einstellung machte – wie viele andere der Krimtataren, die turksprachigen Muslime, die seit dem 15. Jahrhundert auf der Halbinsel leben und die 2014 am lautesten gegen die russische Annexion protestierten. Weil Bekirows Frau Gulnara im Medschlis sitzt, dem krimtatarischen Selbstverwaltungsorgan, das die russischen Behörden als „terroristisch“ eingestuft haben und nur noch auf dem ukrainischen Festland operieren kann. Oder weil Bekirows Tochter Eleonora für den krimtatarischen Fernsehsender ATR arbeitet, der inzwischen nur noch aus der Ukraine senden kann.

„Wir sehen diese Festnahme als eine Fortsetzung der Unterdrückung der krimtatarischen Bevölkerung“, schreibt das ukrainische Außenministerium über den Fall Bekirow.

Die Bekirows kennen in Nowooleksijiwka alle. Wenn Gulnara Bekirowa durch den Ort fährt, winken die Leute. „Salam Aleikum!“, rufen ihr Nachbarn zu, wenn sie aus ihrem quietschenden Haustor tritt. „Solnetschka!“ – mein Sonnenschein! – ruft Bekirowa ins Telefon, wenn sie eine bekannte Stimme hört. Ihr Handy klingelt oft dieser Tage. Als ihr Mann verhaftet wurde, wurden im ganzen Grenzgebiet Aktionen organisiert, um auf den Fall aufmerksam zu machen. Plakate säumten die Straßen: „Free Edem Bekirow!“

Mehr als 70 politische Gefangene

Prozesse gegen Krimtataren sind häufig auf der Krim. So wurde zum Beispiel der Politiker Achtem Tschijgos vor zwei Jahren wegen „Aufruf zu Massenunruhen“ verhaftet. Die Anklage bezog sich dabei allerdings auf den 26. Februar 2014 als Tattag, als auch nach russischer Rechtsauffassung noch das ukrainische Recht galt. Die offizielle Annexion der Krim erfolgte zwei Tage nach dem Referendum, am 18. März 2014. Der UN-Kommissar für Menschenrechte hält in einem Bericht fest, dass Krimtataren „überdurchschnittlich durch Razzien und Verfahren verfolgt werden, die alle Menschenrechtsstandards unterschreiten“.

Gespräche und Gebete. Gulnara Bekirowa hofft auf Aufmerksamkeit.
Gespräche und Gebete. Gulnara Bekirowa hofft auf Aufmerksamkeit.Foto: Simone Brunner

Mehr als 70 politische Gefangene zählt die Ukraine derzeit auf der Krim, rund die Hälfte von ihnen Krimtataren. Bis zu zehn Prozent von ihnen sollen die Halbinsel inzwischen verlassen haben. Eine „hybride Deportation“ nannte das Anton Naumljuk, ein prominenter Journalist. Das Wort wiegt schwer in der krimtatarischen Geschichte: Stalin ließ die Krimtataren 1944 nach Zentralasien deportieren, weil er sie beschuldigte, mit den Nationalsozialisten kollaboriert zu haben.

Wer in Nowooleksijiwka Gespräche führt über das Hier und Jetzt, bekommt auch immer wieder Erinnerungen an damals zu hören, an „Kara Gun“, den schwarzen Tag. Auch an Gulnara Bekirowas Küchentisch. Mit den Erinnerungen ihres Vaters, der bei der Deportation zwölf Jahre alt war, ist Bekirowa, selbst in Usbekistan geboren, aufgewachsen. Wie die Menschen in Güterwaggons gesteckt wurden. Wie sie die Leichen auf dem Weg aus den Waggons warfen. Wie sie hungerten. Wie die Frauen den Verstand verloren, weil ihnen die Kinder unter den Händen wegstarben. Wie sie bei der Zwangsarbeit in Usbekistan Tote aus den Gräben zerrten, gestorben an Hunger, Erschöpfung oder Ruhr.

Ein Sehnsuchtsort, fern und unerreichbar

Doch die alte Heimat, die Krim, blieb in den Erinnerungen der Krimtataren immer lebendig. Ein Sehnsuchtsort, fern und unerreichbar. Als der Oberste Sowjet die Krimtataren in einem vagen Dekret 1967 rehabilitierte, packte Gulnara Bekirowas Familie ihre Sachen. Auf der Krim angekommen, wurden sie erneut von den Behörden vertrieben. Sie stiegen in den Zug, und in Nowooleksijiwka, dem ersten Eisenbahnstopp auf dem ukrainischen Festland, wieder aus.

Mit ihnen ließen sich in diesem Jahr vier andere krimtatarische Familien im Dorf nieder. Die Pioniere von Nowooleksijiwka. Bis heute ist die krimtatarische Gemeinschaft des 12000-Einwohner-Ortes auf rund 5000 Menschen angewachsen. So viele, wie sonst nirgends in der Ukraine. „Nowotatarka“, so wurde das Dorf im Volksmund genannt. Das Dorf der Krimtataren.

Fast ist es so, als würde sich die Geschichte heute wiederholen, sagt Mustafa Dschemiljew. Eine Geschichte, die der 75-Jährige – er ist Parlamentarier in Kiew, bis 2013 war er Medschlis-Vorsitzender – gut kennt. Der hagere, kleingewachsene Mann mit dem schütteren Haar und dem Oberlippenbart sitzt in seinem Büro, schon im Exil in Usbekistan hat er sich für die Rechte der Krimtataren eingesetzt. Dafür verbrachte er 15 Jahre in sowjetischen Gefängnissen und Strafkolonien.

Als Dschemiljew, dessen Worte viel zählen in der Krimtataren-Gemeinschaft, vor fünf Jahren zum Boykott des Referendums aufrief. Als Russland daraufhin ein fünfjähriges Einreiseverbot gegen ihn verhängte, soll Dschemiljew zu einem russischen Grenzer gesagt haben: „Ihr müsst ziemliche Optimisten sein, wenn ihr denkt, dass ihr in fünf Jahren noch immer auf der Krim sein werdet.“

Tage voller Termine, Gespräche, Gebete

Die Annexion der Krim wurde international weit überwiegend nie anerkannt, doch de facto ist die Halbinsel fest in russischer Hand. Im vergangenen Jahr wurde die Brücke über die Meerenge von Kertsch eröffnet, die das russische Festland mit der Krim verbindet. Und Dschemiljew ist wieder im Exil. Zwar hätten Repressionen jede politische Tätigkeit der Krimtataren erstickt, „aber sie sind heute im stillen Widerstand“, sagt er.

Als die russische Marine zuletzt im Asowschen Meer 24 ukrainische Matrosen festnahm, wurde ihnen auf der Krim der Prozess gemacht. „Zu den Gerichtsverfahren sind hunderte Krimtataren gekommen“, sagt Dschemiljew. „Sie haben Spenden für die Matrosen gesammelt und Lebensmittelpakete übergeben.“

In Gulnara Bekirowas Küche zeigt ihre Schwester Fatima ein Video auf ihrem Handy. Bekirowas Tochter Eleonora hat zuletzt bei einer OSZE-Konferenz in Wien gesprochen, „mein Vater ist in Haft“, sagt sie im Video, „er hat keine Möglichkeit, sich richtig zu waschen, er bekommt keine frische Luft, außer, wenn sie ihn vor Gericht bringen.“ Bekirowas Schwester wendet den Blick ab und wischt sich Tränen aus den Augen, während sie selbst wortlos Nüsse schält, Nuss für Nuss, und sie auf eine weiße Serviette legt. „Sechs Stunden haben sie ihn an der Grenze festgehalten“, murmelt sie schließlich, in sich versunken. „Ohne Wasser, ohne Medikamente und ohne Essen. Was für Scheusale.“

Bekirowa wirkt müde, ihre Tage sind voll mit Terminen, Gesprächen und Gebeten. Zwar hat sich ihr Anwalt schon an den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof gewandt, aber wie viel Zeit mag ihrem kranken Mann noch bleiben? Die Frage nagt an ihr, doch schnell fasst sich Bekirowa wieder.

Ohne Brot und Bleibe

Am nächsten Morgen will sie zu einer Konferenz in das 200 Kilometer entfernte Cherson fahren, eine vierstündige Autofahrt über zerfurchte Straßen, um Mustafa Dschemiljew um seine Unterstützung zu bitten. Vielleicht kann er ein Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko arrangieren? Auf den Fall Bekirow international aufmerksam machen? „Ich kann nicht einfach nur hier sitzen, und untätig sein“, sagt Bekirowa. „Aber ich weiß, dass er zurückkommen wird. Ich weiß nicht, wie und wann, aber er kommt wieder zurück. Ganz bestimmt.“

Abends im Dorf, hinter den Gartenzäunen kläffen die Hunde, die Männer versammeln sich vor den Häusern, um zu rauchen. Von Weitem zieht ein würziger Duft durch die Siedlung, von der Moschee her, dort, wo Urie Dscheljajowa in der Suppenküche mit Fleisch gefüllte Teigtaschen zubereitet, die tatarischen Tschebureki. Die gesprächige Frau, die Hände voller Mehl, bäckt für Bedürftige.

Von ihnen gibt es dieser Tage wieder viele in Nowooleksijiwka, erzählt sie. Immer wieder würden Krimtataren an ihr Fenster klopfen, ohne Brot und Bleibe. Obdachlose, die in der Wirtschaftskrise ihre Arbeit verloren haben, die sie dann nachts heimlich in der Moschee übernachten lasse. Aber auch solche, die heimatlos geworden sind, weil sie nicht mehr auf die Krim zurückkönnen.

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