Die Frauen suchte Kizilhan vor Ort in Flüchtlingslagern aus

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Jesidische Frauen in Deutschland : Aus der Hölle des IS in ein neues Leben

Fast die Hälfte der 2336 aus IS-Gefangenschaft geflüchteten, freigelassenen oder freigekauften Frauen profitiert davon, dass Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Oktober 2014 gesagt hat: „Wir müssen etwas tun.“ Da lag die Eroberung von Sindschar, der wichtigsten Stadt der Jesiden, drei Monate zurück, und das Grauen, das die IS-Kämpfer anrichteten, war täglich in den Nachrichten zu sehen.

Eine psychologische Grundversorgung sei im Nordirak nicht vorhanden, insgesamt gebe es dort nur 26 Psychologen, sagt Jan Kizilhan, der zudem an der dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen lehrt. Er wirbt nun dafür, mit einer Universität im Nordirak einen Ausbildungsgang für Psychologen aufzubauen, um das zu ändern. Je eher, desto besser.

Die Frauen, die zur Behandlung nach Deutschland gebracht wurden, suchte Kizilhan vor Ort in Flüchtlingslagern aus. Wie schwer diese Entscheidungen gewesen sein müssen! Einige Bedürftige auswählen, wenn doch viel mehr Hilfe benötigen. Weil jede von Grausamkeiten erzählen kann, die kaum vorstellbar sind. Jan Kizilhan hofft, dass er nach Beendigung des Programmes weiteren Frauen wird helfen können.

Gemeinsam mit einer deutschen Kollegin hat er nun eine der vielen Geschichten aufgeschrieben. Sie handelt von Shirin, einer 19-jährigen Jesidin, die dem IS entkommen konnte. Shirin ist nicht ihr wirklicher Name, und mit ihr persönlich zu sprechen, ist nicht möglich. Zu groß ist ihre Angst, dass ein Interview die im Nordirak – teils in Gefangenschaft – verbliebenen Familienmitglieder gefährden könnte. „Ich bleibe eine Tochter des Lichts. Meine Flucht aus den Fängen der IS-Terroristen“ heißt das Buch. „Vor allem eines möchten wir in Deutschland: in Frieden leben“, sagt Shirin darin. „Das empfinde ich als großartiges Geschenk.“

Zurück will sie nicht. "Wohin auch?"

Obwohl sie erst seit wenigen Monaten in Baden-Württemberg lebt, spricht sie bereits deutsch. Sie habe ihm sogar erzählt, dass sie sich verliebt habe, sagt Kizilhan – in einen jungen Mann aus dem Irak, der schon einmal in Deutschland war, aber zurückgekehrt sei. Shirin selbst kann sich derzeit nicht vorstellen, wieder in ihre Heimat zu reisen. „Zurück will ich nicht mehr“, heißt es im Buch. „Wohin auch? Alles liegt in Schutt und Asche.“

Für Shirin sei das Buch wichtig gewesen, um der Welt vom Schicksal der Jesidinnen zu berichten, sagt Jan Kizilhan. Ihre Leidensgenossinnen, so steht es darin, hätten sie ohnehin zu einer Art Anführerin erklärt, was Shirin erst gar nicht recht gewesen sei. Nun aber trage sie diese Verantwortung.

In allen Kommunen, die IS-Opfer aufgenommen haben, hat Kizilhan mit seinem Team Schulungen für Psychologen angeboten, um ihnen eine kultursensible Betreuung näherzubringen. Zwei Jahre lang kommt Baden-Württemberg für die Behandlung der Frauen in Deutschland auf, rund 95 Millionen Euro sind dafür eingeplant. Danach müssen sie sich entscheiden, ob sie bleiben oder gehen wollen. Mit einer Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis in Deutschland dürfen sie rechnen. Jan Kizilhan erzählt von einem neunjährigen Mädchen, das ebenfalls vergewaltigt und versklavt worden war. Sie habe vor ihm gesessen und gesagt: „Ich will in Deutschland studieren, damit ich meinen Leuten helfen kann.“

Der Baba Scheich stimmte zu - ein Glück

Jan Kizilhan war schon zuvor häufig im Nordirak und beherrscht alle dort gesprochenen Sprachen. Als er im März des vergangenen Jahres zum ersten Mal in der Mission „Rettung jesidischer Frauen“ unterwegs war, stellte er fest: „Es gab ungeheuer viele technische Hürden.“ Eine bestand darin, dass das deutsche Konsulat in der autonomen Kurdenregion des Nordiraks in Erbil sich nicht in der Lage sah, „mehr als vier Visa pro Woche“ auszustellen. Also setzten die Baden-Württemberger eine Visa-Gruppe ein, die für alle Frauen des Programms die notwendigen Papiere zusammentrug und diese dann gesammelt ins Konsulat brachte. Außerdem „konnten wir ja nicht einfach so kommen und Frauen mitnehmen“, sagt er. Deshalb schloss das Land mit der autonomen Kurdenregierung einen Staatsvertrag für das Programm.

Und Kizilhan, der als Orientalist seit Mitte der 1990er Jahre über den Kurdenkonflikt und das Schicksal der Jesiden geforscht hat, sprach mit dem Baba Scheich, dem obersten Religionsführer der Jesiden. Er und der Hohe Rat der Gemeinschaft stimmten dem Programm zu. Sonst wäre leicht der Eindruck entstanden, dass nach dem IS nun irgendwelche Europäer die Frauen entführen wollen.

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