Merkel sagt: "Ich brauche lange, und Entscheidungen fallen spät"

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Kanzlerkandidatur 2017 : Die Unverzichtbare: Merkel könnte Kohl einholen
Horst Seehofer hat verkündet, dass Merkel nunmehr auch Kanzlerkandidatin der CSU werde
Zeichen der Zeit. Horst Seehofer will Merkel nunmehr als Kanzlerkandidatin mittragen. SPD-Chef Gabriel ist unter Zugzwang..Foto: picture alliance / dpa

Ob sie zu irgendeinem Zeitpunkt in diesen wilden Wochen und Monaten ans Aufgeben gedacht hat – der direkten Antwort weicht Merkel aus: Die Flüchtlingsfrage sei in ihrem Entscheidungsprozess nicht der einzige Grund gewesen. Aber dass sie sich selbst gefragt habe, ob sie zu einem neuen Zusammenhalt in der Gesellschaft beitragen könne – dieses Eingeständnis lässt darauf schließen, dass sie die Zweifel an ihr nicht unberührt gelassen haben.

Andererseits – wer hätte es denn eigentlich sonst machen sollen? Am Sonntagabend beugt sich der halbe CDU-Vorstand über die Balustrade im ersten Stock des Adenauer-Hauses, bereit zum Begrüßungsapplaus. Das ist ganz praktisch, weil man so auf einen Schlag ungefähr alle vor Augen hat, die als Merkel-Alternative in Frage gekommen wären. Und, bleibt an einem der Blick hängen? An Ursula von der Leyen vielleicht, kurz mal. „Ich glaube, dass immer jemand da ist, der Stäbe übernehmen kann“, weicht Merkel auch dieser Nachfrage aus ins Allgemeingültige. Klar, stimmt, alternativlos ist niemand. Nur ob der oder die Neue die Staffel zum Sieg bringt? Da war keiner in Sicht.

Krisen waren immer ihr Metier

Außerdem aber ist der „gegebene Zeitpunkt“ im Merkelschen Sinne durchaus günstig. Krisen waren immer ihr Metier. Sie geben ihr die Chance, zurück in die Rolle der Kümmer-Kanzlerin zu schlüpfen. Dass die „New York Times“ sie zur „letzten Verteidigerin des freien Westens“ stilisiert, nennt sie zwar „grotesk“, ja „geradezu absurd“. Typisch Merkel eben, bloß nicht die Latte der Erwartungen zu hoch legen. „Kein Mensch, kein Mensch alleine, auch nicht mit größter Erfahrung, kann die Dinge in Deutschland, Europa, in der Welt mehr oder weniger zum Guten wenden, und schon gar nicht eine Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.“

Aber es ist ja andererseits kein Zufall, dass das Stichwort „Erfahrung“ in der Begründung ihrer Kandidatur häufiger vorkommt als jedes andere. Die Menschen, habe man ihr gesagt, hätten wenig Verständnis dafür, wenn sie in Zeiten wie diesen nicht ihre ganze Erfahrung noch einmal in die Waagschale werfen würde. Die malt sie aus, diese Zeiten: „Anfechtungen“ von rechts und von einer drohenden rot-rot-grünen Mehrheit von links, „große Anspannung“ der Europäischen Union, internationale Herausforderungen „für unsere Art zu leben“ und eine Weltlage, die „vorsichtig gesagt, erst mal neu zu definieren“ sei.

Angela Merkel: Ein Porträt in Bildern
Politische Karriere: Angela Merkel, damals noch Bundesfrauenministerin, während des CDU-Parteitags 1991 in Dresden mit ihrem Mentor, dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl.Weitere Bilder anzeigen
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20.11.2016 16:45Politische Karriere: Angela Merkel, damals noch Bundesfrauenministerin, während des CDU-Parteitags 1991 in Dresden mit ihrem...

Es fällt kein Name. Doch sie hätte genau so gut eine Liste der Herrschaften aufzählen können, die diese Weltlage erzeugen – von Donald Trump in Washington über Boris Johnson in London und Wladimir Putin in Moskau bis Recep Tayyip Erdogan in Ankara. Die Welt ist aus den Fugen, und die Risse scheinen täglich breiter zu werden. „In dieser Situation bin ich bereit zu kandidieren“, sagt Merkel. Hinten im Foyer des Adenauer-Hauses spricht ein Reporter laut in seine Kamera, auf Englisch. Für die Welt aus den Fugen ist Angela Merkels Kandidatur eine Top-Nachricht.

„Bei mir ist es so“, fasst sie zusammen: „Ich brauche lange und Entscheidungen fallen spät. Dann steh’ ich aber auch dazu.“ Dass es ein sehr anderer Wahlkampf wird als die bisherigen Einschläfer-Schlachten der „asymmetrischen Demobilisierung“, sagt sie selber. Härter wird er, hässlicher. Die Merkel-Raute als selbstironisches Zitat am Hauptbahnhof aufhängen – solche Mätzchen sind Geschichte.

Der Streit mit der CSU ist nicht ausgestanden

Der Streit mit der CSU ist nicht ausgestanden, sondern nur auf Eis gelegt. So wie Merkel nicht zur CSU nach München kam, wird Seehofer in zwei Wochen nicht zum CDU-Parteitag nach Essen reisen. Immerhin verkündet der CSU-Chef, dass Merkel nunmehr auch die Kanzlerkandidatin der CSU werde. Vorher verraten hat sie ihm ihre Entscheidung aber offensichtlich nicht.

Merkel-Vize Julia Klöckner aus Rheinland-Pfalz wird wissen, weshalb sie den Geist der Geschlossenheit beschwört: „CDU und CSU können nur gemeinsam gewinnen.“ Da wird aus einer Selbstverständlichkeit Außergewöhnliches. Eine Volkspartei hat die Gewissheit verloren, die sie jahrzehntelang in sich trug: Regierungspartei einer breiten Mitte zu sein, neben der es nur ein paar linke und kaum rechte Kräfte gab.

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Merkel tritt noch einmal für volle vier Jahre an
Merkel tritt noch einmal für volle vier Jahre an

Aber jedenfalls ist jetzt klar: Merkel zieht noch einmal in die Schlacht. Und da haben viele geglaubt, Helmut Kohl sei die eine historische Ausnahme gewesen von der Quasi-Regel, dass deutsche Kanzler von ihrem Volk acht Jahre zugestanden kriegen! Aussichtslos ist der Versuch ja nicht. So sehr Merkel manchen ihrer Gegner zum regelrechten Hassobjekt geworden ist, so erstaunlich stabil ist das demoskopisch messbare Zutrauen in diese Frau. 55 Prozent der Deutschen wollten sie im Kanzleramt behalten, hat Emnid gerade erst für die „Bild“-Zeitung ermittelt, und 92 Prozent der eigenen Anhänger.

Und wenn sie es schafft – dann kann die Zunft der Merkel-Astrologen sich auf neue Prophezeiungen verlegen, ob, wann und warum Angela Merkel nunmehr aber ganz sicher abtreten wird. Ein naheliegendes Spielfeld hat sie ihnen am Sonntag allerdings schon mal genommen: Sie trete für volle vier Jahre an, versichert Merkel, sofern die Gesundheit mitmache. Doch was das angeht: „Ich steh’ ja vor Ihnen ganz munter.“

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