Hat ein Einbrecher genug Zeit, kommt er überall rein

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Kriminalität in Berlin : Die Einbruchzahlen bleiben hoch, die Verunsicherung auch
Er kommt von draußen rein. 11.815 Mal schlugen Einbrecher im vergangenen Jahr in Berlin zu. Die Aufklärungsquote liegt bei rund 8,5 Prozent.
Er kommt von draußen rein. 11.815 Mal schlugen Einbrecher im vergangenen Jahr in Berlin zu. Die Aufklärungsquote liegt bei rund...Foto: dpa

Herde holt sein Smartphone raus und zeigt, was er zu sehen bekommt. Wohnungstüren, die eingetreten wurden, obwohl in der Mitte ein Querriegel montiert war („bringt bei Neubautüren gar nichts, investieren Sie da lieber in ein Stangenschloss und Sicherungen für die Scharniere“). Ein zweites Bild zeigt ein Loch in einer Rigipsdecke, die Täter hatten die Dachziegel abgehoben und waren so ins Schlafzimmer eingedrungen. Andere rissen Fenstergitter mit dem Wagenheber heraus, und im letzten Winter war es die Masche einer Bande, sich mit der Lötlampe durch den Kunststoffrahmen der Fenster zu schmelzen. Das funktioniere auch nachts, weil es kein Geräusch mache.

Was aber lernt der Kunde daraus? Dass der Einbrecher, wenn er nur Zeit genug hat, überall reinkommt. Und wie im Fall einer Wohnung in Friedenau gleich alles mitnimmt, sogar die Möbel. Meistens hat er aber keine Zeit. Nach fünf Minuten gibt er auf, heißt eine Branchenregel. Und für diese fünf Minuten ist Herde zuständig. Er erstellt ein Sicherheitskonzept, wie er das nennt. Das heißt, weil seine Kunden oft noch unter dem Eindruck eines Einbruchs stehen, muss er sie erst einmal beruhigen. „Die würden doch am liebsten, dass ich ihnen die Balkonbrüstung unter Strom setze.“

Kameras sind beliebt, aber bringen nicht viel

Hätte Herde Familie Iliesco beraten, hätte er ihr vielleicht auch die Sache mit der Kamera ausgeredet. Von Kameras, womöglich mit dem Smartphone gesteuert, hält er nicht viel. „Was sehen Sie da? Vielleicht, wie ein Mann durchs Bild huscht. Und dann ist er schon aus dem Blickwinkel der Kamera verschwunden.“ Vielleicht steht man aber auch irgendwann selbst im Internet, weil sich jemand ins hauseigene W-Lan gehackt hat und nun an seinem Computer Anteil am Familienleben nimmt.

Was Prävention bewirken kann, lässt sich gut an einer Ladentür am Platz der Luftbrücke 5 studieren. In Höhe des Schlosses ist der Rahmen eingedellt. „Weiß ich“, sagt Georg von Strünck, der hinter dieser Tür arbeitet. Ein wenig überrascht ist er aber schon, als er mit dem Finger prüfend über das Metall fährt. Denn zu den alten, bereits bekannten Spuren sind neue hinzugekommen. Schon wieder ein Einbruchsversuch. Hätte der Täter nicht aufgegeben, wäre das nicht unbemerkt geblieben. Das Büro ist mit einer EMA, einer Einbruchmeldeanlage verbunden, die ihr Signal direkt auf die andere Straßenseite leitet, zur Einsatzleitzentrale der Berliner Polizei

Strünck ist Kriminalhauptkommissar und leitet die polizeiliche Beratungsstelle zum Schutz vor Einbruchsdiebstahl, die sich hinter der lädierten Tür befindet. Drinnen erfährt der Besucher alles über Sicherungen für Fenster, Schlösser, Riegel und einbruchhemmendes Glas. Strünck und Kollegen machen auch Hausbesuche, um auf Schwachstellen hinzuweisen, allerdings nur bei Einfamilienhäusern und Wohnungen, die sich in Erd- oder Dachgeschoss befinden. Der Andrang ist groß, acht Wochen beträgt die Wartezeit für den kostenlosen Service.

Eine Hecke ist schön - aber schützt auch den Einbrecher

Bei Familie Iliesco hätte Georg von Strünck wahrscheinlich darauf hingewiesen, dass die Hecke ja sehr schön sei, aber auch den Einbrecher vor den Blicken der Nachbarn abschirmt. Und er hätte bestimmt gesagt, dass Einbrecher in Einfamilienhäusern vergleichsweise selten durch die Haustür kommen, sondern in 52 Prozent aller Fälle durch die Terrassentür.

Strünck und seine Abteilung sind ganz offensichtlich erfolgreich. Denn dass 42 Prozent aller registrierten Einbrüche Versuche bleiben, hat auch damit zu tun, dass Türen und Fenster immer besser gesichert werden. Und das wird Konsequenzen haben.

„Nur mal angenommen, Sie sind verzweifelt und brauchen Geld. Ganz schnell. Was würden Sie tun?“ Thomas Feltes wartet nicht lange auf die Antwort, sondern gibt sie gleich selbst. „Einbrechen“, sagt er, „das erscheint in einer solchen Situation als ganz gute Möglichkeit.“ Das Risiko ist überschaubar, denn die Aufklärungsquoten sind mit zum Beispiel rund 8,5 Prozent in Berlin extrem niedrig. Wird der Täter doch erwischt, darf er, zumindest wenn es das erste Mal ist, mit einer geringen Strafe rechnen.

Feltes ist Professor für Kriminologie und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität in Bochum. Für die seit Jahren anhaltend hohen Einbruchszahlen hat er eine einfache Erklärung: Wenn andere kriminelle Erwerbsquellen riskanter oder komplizierter würden, bleibe eben der Einbruch.

Aufwendige Sicherheitstechnik würde eigentlich nur eines bewirken: Der Einbrecher wendet sich von Objekten ab, die es ihm schwer machen. Stattdessen versucht er es beim Nachbarn, der weniger Geld investiert hat. Oder wählt leichtere Ziele. Die Zahl der Einbrüche in eher schlechter gesicherten Kellern und Dachböden ist um ein Drittel gestiegen. Feltes warnt auch davor, Landkarten wie den Kriminalitätsatlas überzubewerten. Denn erstens sei die Dunkelziffer hoch, wer etwa nicht versichert ist, meldet einen Einbruch gar nicht erst. Und zweitens würde leicht der Eindruck entstehen, betroffen seien vor allem Einfamilienhäuser. Tatsächlich finden knapp drei Viertel aller Einbrüche in einer Wohnung statt.

Die Spurenlage gebe in den meisten Fällen wenig her

Was das Profil der Täter angeht, verspreche die Statistik mehr als sie halten kann. Die Spurenlage gebe in den meisten Fällen wenig her. Für eine Studie wurden in Nordrhein-Westfalen 1900 Einbruchsakten ausgewertet. Lediglich in 0,7 Prozent aller Fälle wurden verwertbare Fingerabdrücke und in 1,4 Prozent DNA-Spuren des mutmaßlichen Täters sichergestellt. Und weil 70 Prozent aller Fälle auf „Hebeln“ oder „Eintreten/Einwerfen“ zurückgehen, gab es auch extrem selten Werkzeugspuren, die zum Täter führten.

Vor diesem Hintergrund relativiert Feltes die häufige Ansicht, reisende Banden südosteuropäischer Herkunft seien für die meisten Einbrüche verantwortlich. Zwar stellen Nichtdeutsche nahezu die Hälfte aller Verdächtigen. Wenn man aber in mehr als 90 Prozent der Fälle keinen Täter ermittelt habe, sei die Datenbasis für solche Rückschlüsse viel zu klein. Feltes geht stattdessen davon aus, dass ein ganz erheblicher Anteil auf das Segment Beschaffungskriminalität zurückgeht. Und zwar entweder von Drogenabhängigen oder von sozial abgehängten Jugendlichen.

Dem sei mit polizeilichen Mitteln allein kaum beizukommen. Dazu bedürfe es eher eines Quartiermanagements in ärmeren Kiezen. Einen ergänzenden Ansatz zur Polizeiarbeit sieht Feltes allerdings doch. Alle Einbrecher seien auf den Absatz ihrer Beute angewiesen. Deshalb müsse bei jeder Verurteilung auch ein Verfahren gegen den Hehler angestrengt werden. Was viel zu selten passiere. Anzustreben sei es auch, den Goldhandel besser zu kontrollieren. Allein das Berliner Branchenbuch nennt mehr als 100 Goldankauf-Stellen. Und schon beim ersten Anruf in einem dieser Geschäfte versicherte der Händler, es sei möglich, Gold ohne Angabe der Personalien zu verkaufen.

Der Ring von Adrian Iliesco ist wahrscheinlich längst eingeschmolzen. An den Einbruch denke er übrigens kaum noch. Trotzdem stand er neulich wieder auf der Leiter. Er hat jetzt auch im Obergeschoss Gitter vor den Fenstern angebracht.

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