Für die Separatisten führen alle Wege nach Moskau

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Krise in der Ukraine : Ein Krieg in der Sackgasse

Ohne Moskau können die Volksrepubliken Donezk und Lugansk kurz- und mittelfristig nicht überleben. „Wir haben zwei zinsfreie Kredite aus Russland bekommen, jeweils etwa 250 bis 300 Millionen Griwna“, sagt Litwinow. Zum aktuellen Kurs sind das je etwa 15 Millionen Euro, Peanuts angesichts der knapp zwei Millionen Menschen, die allein in der Donezker Volksrepublik leben. Neben der Unterstützung mit Kriegsgerät liefert Russland über die letzten Monate auch technische Hilfe für den Wiederaufbau und medizinische Güter. Der Chefarzt eines großen Krankenhauses erklärt, 90 Prozent seiner Lieferungen stammten aus Russland. Es gibt zwar vorsichtige Verhandlungen mit Kiew über Kohlelieferungen – die Ukraine muss ihre Heizkraftwerke befeuern – doch ansonsten führen für Litwinow und die anderen Separatisten derzeit alle Wege nach Moskau.

Im Vergleich zum August, als Hunderttausende die Stadt verlassen hatten und die Geschosse schon bis ins Zentrum flogen, gibt es in Donezk nun den Versuch, zu einer gewissen Normalität zurückzukehren. Nur in den Vierteln, die direkt an den Flughafen angrenzen, schlagen noch immer Granaten ein, gehen Häuser in Flammen auf und sterben fast täglich Menschen. Im Rest der Stadt fahren Straßenbahnen und Busse, Menschen eilen zur Arbeit, gehen einkaufen. Einzig ein Nachtleben gibt es wegen der Ausgangssperre ab 22 Uhr praktisch nicht mehr.

Wut auf den ukrainischen Präsidenten

Kämpfer in Tarnuniformen, mit Kalaschnikows und Panzerfäusten sieht man auf der Straße kaum noch, stattdessen fahren nun markierte Polizeiautos der Volksrepublik durch die Stadt. Für die Menschen ist das alltägliche Leben tatsächlich ordentlicher und sicherer geworden. Gekappter Lieferungen aus Kiew zum Trotz – die Menschen in Donezk denken noch nicht daran, sich zu sorgen. Sie haben die schweren Kämpfe des Sommers hinter sich, ihre Wohnungen sind warm, sie warten. Denn kann es noch schlimmer werden, als es ohnehin schon war?

Vor einer Filiale der Oschtschadbank, der letzten ukrainischen Bank, die lange noch funktionierte, stehen vor wenigen Tagen Männer und Frauen Schlange. Regelmäßig sammeln sich hier ab sechs Uhr früh insbesondere Rentner in der Kälte, um doch noch etwas Geld abzuheben – wenn der Bankautomat gefüllt wird. Die meisten sind stinksauer auf den ukrainischen Präsidenten. „Wir haben doch zwanzig Jahre in die Rentenkasse eingezahlt. Das Geld ist unseres“, schimpft eine alte Dame mit Pelzmütze. Ein älterer Mann gibt zu bedenken, dass man aber schließlich für die Unabhängigkeit der Volksrepubliken gestimmt habe. Daraufhin schauen die anderen etwas unschlüssig. Daran, dass viele beim Referendum im Mai mit der Hoffnung abgestimmt hatten, dass Russland nach der Krim auch sie „angliedern“ werde, erinnert man sich jetzt ungern. „Aber Kiew behauptet doch, dass wir weiter ukrainische Staatsbürger sind“, wirft die Dame schließlich ein. So geht das hin und her, zwischendurch tritt immer wieder jemand an den Bankautomaten und überprüft seinen Kontostand. Nur – an das Geld ranzukommen, ist unmöglich.

Der Geldautomat bleibt leer

Nina, 77 Jahre alt, trägt sich als Nummer 134 in eine Warteliste der Bank ein, die doch sinnlos ist, weil der Geldautomat auch an diesem Tag wieder leer bleiben wird. „Ich habe mit meinem Mann Geld für unser Begräbnis gespart, und das liegt bei uns zu Hause“, sagt sie, die ihr Leben lang als Ökonomistin in einem Bergwerk von Donezk gearbeitet hat. „Das brauchen wir jetzt erst mal auf, und dann sehen wir weiter.“ Dann eilt sie nach Hause. Sie ist durchgefroren und muss sich zudem um ihren Mann kümmern, ein Pflegefall.

Menschenschlange vor einer Bank in Donezk.
Menschenschlange vor einer Bank in Donezk.Foto: Moritz Gathmann

Menschen wie Nina und ihren Mann hat Enrique Menendez zu Dutzenden auf seinem Handy, „die traurigste Bildergalerie, die man sich vorstellen kann“. Menendez betreibt eine Hilfsorganisation, er bringt Lebensmittel und Medikamente – die er wiederum von einer tschechischen Organisation erhält – in die Wohnungen von Invaliden. Und er macht Bilder von ihnen.

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