Die Sido-Jahre. Alle wollten reich und berühmt werden

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Märkisches Viertel : Ihr Block
Lucas Vogelsang
12 Stockwerke, 1 Liebe. Kein leichter Abschied. Du bist mein Märkisches Viertel, sagt Isabelle, aber sorry, ich muss dich jetzt langsam verlassen.
12 Stockwerke, 1 Liebe. Kein leichter Abschied. Du bist mein Märkisches Viertel, sagt Isabelle, aber sorry, ich muss dich jetzt...Foto: William Veder

Doch natürlich ist es verführerisch, die alten Geschichten immer wieder zu erzählen. Sie verkaufen sich gut. Denn die Sehnsucht nach dem Misslungenen ist groß, zumal wenn im Fernsehen der perfekte Popstar konstruiert wird. DSDS, die erste Staffel, war ein Jahr vor Sidos „Mein Block“ zu Ende gegangen. Mit einem Sieger, der unter der totalen Kontrolle seines Produzenten, der Plattenfirmen und RTL stand. Sollte so das Karrieremodell der Bildungsverlierer aussehen?

Sido kam als einer daher, den man nicht kontrollieren konnte. TV-Deutschland suchte den Superstar, Sido war der Zwischenruf aus einem anderen Deutschland, das offenkundig gescheitert war, sich aber auch nichts sagen lassen wollte.

MURAT DRAYEF: Meine Freundin sagt, wenn wir mal Kinder haben, will sie hier raus. Da streiten wir bis heute.
ISABELLE: Du bist mein Märkisches Viertel, aber sorry, ich muss dich jetzt langsam echt verlassen, weil wenn ich hier bleibe, werde ich bestimmt keine erfolgreiche Frau.

Sie nannten Isabelle die Hoodschwester. 2005 war das, oder 2006. Die Sido-Jahre, wie Isabelle sagt. Pubertätszeit. Rapzeit. Freizeit. Alle wollten damals reich und berühmt werden, der neue Sido sein. Er hatte es ja vorgemacht. Das schlechte Vorbild. Sie waren zu fünft. Vier Jungs und sie, die Prinzessin von der Platte. Einen Namen gaben sie sich auch: Gossenklang. Die Jungs rappten, sie sang dazu. In einem kahlen Raum, ganz hinten im Jugendzentrum ComX, klebten sie Eierkartons auf Spanplatten, bastelten Beats auf den Computern, Diskettenlaufwerk, Windows 98, die sie aus ihren Kinderzimmern geschleppt hatten.

Aus dem Raum ist heute ein echtes Tonstudio geworden. Keine Eierkartons mehr. Das Studio und einen Radiosender für das Viertel haben sie, unterstützt von der „Ich kann was“-Initiative der Telekom, 15 000 Euro gab es da, selbst aufgebaut. Isabelle, die damals auch eine eigene Sendung moderierte, ist jetzt 23 und hat keine Zeit mehr für die Musik. Kreatives Loch, sagt sie. Aber eigentlich ist sie ganz einfach aus den alten Posen heraus gewachsen. Zu alt geworden für den Rap, den Block. Sie studiert jetzt an der FU. Im vierten Semester. Im MV, Ort ihrer Kindheit, wohnt sie nur noch, weil sie die Mutter nicht allein lassen möchte.

ISABELLE: Das Märkische Viertel ist wie der erste Freund, den jedes Mädchen auf der Oberschule hat. Der mit dem Sixpack. Die große Liebe. Der ist zwar strohdumm, aber eben auch voll süß. Irgendwann verlässt das Mädchen diesen Jungen. Und wenn sie Jahre später zurückkommt, trifft sie ihn wieder und er hängt immer noch mit den Freunden ab, raucht Gras und hört die alten Sido-Tapes. Es ist dieser Vollidiot, aus dem nichts geworden ist.

Nur raus hier? Sido ist gegangen, als der Erfolg kam. Viele Märker aber bleiben. Sie könnten sich gar keinen besseren Ort vorstellen als ihr Viertel.
Nur raus hier? Sido ist gegangen, als der Erfolg kam. Viele Märker aber bleiben. Sie könnten sich gar keinen besseren Ort...Foto: William Veder


31,9 Prozent der Menschen im Märkischen Viertel leben von Hartz IV, mehr als die Hälfte der Kinder in Familien, die vom Staat unterstützt werden. Und die Jugendlichen, die irgendwann merken, dass hinter den Hochhäusern noch eine andere Welt liegt, die Jugendlichen also, die sich schnell langweilen, wenn sich niemand mit ihnen beschäftigt, sind unglücklich hier. Fühlen sich fehl am Platze, ziemlich verloren. Sie leben im Zwischenraum der Demografie. Wenn hier eine Klasse von der Schule abgeht, mittlerer Schulabschluss, ist klar: Vielleicht die Hälfte bekommt einen Ausbildungsplatz. Für alle anderen beginnt der lange Parcours der Aussichtslosigkeit. Programme, Ein-Euro-Jobs, Scheine machen, um Scheine zu machen. Programme, wenn die Jungs das sagen, klingt es wie Arbeitslager. Ist es eine Beleidigung, die wirklich trifft.

Einer der ersten Tracks, den Isabelle, Basti, Lem, Danny und Shadow aufgenommen haben, hieß „Verlorene Seelen“. Bis heute geil, sagt sie. Gänsehaut. Es geht in diesem Song um die Menschen von hier. Menschen, die sich quälen, unbedingt raus wollen. Dieses Gefühl, sagt Isabelle, habe sie immer mit dem Märkischen Viertel verbunden. Nur raus hier.

Sido hat das Viertel verlassen, nachdem der Erfolg ihn zu groß gemacht hatte. Isabelle geht Ende des Jahres für sechs Monate in die Türkei. Es kann sein, dass sie danach nie wieder richtig zurückkommt. Der Möbelwagen, er wird dann vor ihrer Tür stehen.

STEIG EIN.

An der 66 ist es ruhig. Murat Drayef lässt seine Finger über die Namen auf den Klingelschildern gleiten. Muss gleich weiter. Laufen. Nicht viel los heute. Da geht die Tür auf. Und plötzlich steht dort wieder ein Rapper. Dunkle Haut unter dunkler Kapuze. Afrob. Einer aus dem sauberen Stuttgart, aus dem Freundeskreis von Max Herre. Im neuen Sido-Video zum Song „30-11-80“ rappt er in der Metallenge eines beschmierten Aufzugs: „Ich sitz im MV, 11. Stock. Odd brennt.“

Ein Bekenntnis. Nicht nur zum Viertel, zur Droge. Sondern auch dazu, dass ein echter Rapper an einem Ort wie diesem leben muss, um zu wissen, worauf es ankommt. Oder dass sowieso alles Fake, Inszenierung, ist, auch der Schmutz, der vielleicht vorneweg, und sich Bilder immer auf Bilder beziehen.

Murat Drayef schaut Afrob an. Was machste, wer biste, woher kommste, wo willste hin. Gerade als er ihn fragen will, rennt Afrob los. Der Bus. 122er. Raus hier.

Sido, Vollbart und Sonnenbrille, liegt in diesem Video auf dem akkurat geschnittenen Rasen eines Gartens. Und schaut in die Sonne.

AH, DAMALS ALS ICH JUNG WAR, BIN ICH GEFLOGEN / HIN UND WIEDER RICHTUNG BODEN, ABER MIT DEM BLICK NACH OBEN
- Sido, 30-11-80

Dieser Text ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen.

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