Musik für Steine, Stöcke, Flaschen : Der Mann, der allen Dingen ihren Klang entlockt

Alexej Gerassimez ist einer der besten Perkussionisten überhaupt. Er schreibt Musik für Steine, Stöcke, Flaschen. So klingt seine Welt.

Alexej Gerassimez ist immer auf der Suche nach neuen Klängen.
Alexej Gerassimez ist immer auf der Suche nach neuen Klängen.Foto: Mike Wolff

Der Junge steht auf der Verkehrsinsel und wartet, bis es grün wird. Sein Schulweg führt neuerdings über diese riesige Kreuzung. An diesem Tag fällt ihm auf, dass die Fußgängerampel klackert, und nicht nur die eine. „Ich stand da, es klickte um mich herum, jede Ampel in ihrem eigenen Takt, die Rhythmen haben sich ständig verschoben“, erinnert sich Alexej Gerassimez. „Und ich dachte: wow, cool.“ Seine Klassenkameraden dachten nur, was ist denn mit dem los?

Wie wird man Schlagzeuger von Beruf? Alexej Gerassimez hat sich jeden Morgen auf die Verkehrsinsel gefreut. Heute gehört der Multi-Perkussionist zu den fünf, sechs Weltbesten seines Fachs und füllt die Konzertsäle. Spielt Ravel auf dem Marimbaphon, führt eigens für ihn komponierte Schlagzeugkonzerte auf, wirbelt auf Trommeln jeder Art herum, macht den eigenen Körper zum Instrument und animiert das Publikum, kollektive Sounds zu generieren, indem sich jeder auf die Brust klopft oder den Handrücken reibt. Oder er bespielt eine banale Plastikwasserflasche mit den Fingern. Tippt, dribbelt, schlägt, schüttelt, man könnte tanzen dazu. „Soul of Bottle“ heißt das Drei-Minuten-Stück, Gerassimez hat es selbst geschrieben.

Es gibt auch Stücke für Steine von ihm. Oder für Stöcke, für schnipsende Finger. Im Quartett „Aqua Musica“ planschen vier erwachsene Männer mit den Händen in Mikrofon-bestückten Schalen herum und lassen das Wasser durch ein Nudelsieb rieseln.

Wie klingt die Seele der Dinge? Was ist der Rhythmus der Welt? Der 32-Jährige lebt in Berlin, er stammt aus einer Essener Musikerfamilie, hat inzwischen selbst Familie, die Tochter ist eineinhalb. Beim Treffen an einem Montagmorgen in seinem Studio in Schöneberg dreht sich das Gespräch schnell um die großen Fragen. Was ist der Unterschied zwischen Klang und Krach? Gerassimez fragt zurück: Definieren Sie unangenehm! Vielleicht empfinden wir Menschen regelmäßige Schwingungen als angenehmer, weil wir halbwegs symmetrisch gebaut sind. „Es entspricht unserem Wesen.“

Tock, tock, tock, Schritt für Schritt

Mit dem Herzschlag fängt es an. Mit dem eigenen Atem, dem Gehen. Tock, tock, tock, Schritt für Schritt. Die Schwerkraft spielt mit, ein zu Boden fallender, hüpfender Ball sorgt für das natürlichste Accelerando der Welt. Rhythmus ist Repetition. „Aber die Welt existiert zwischen Chaos und Ordnung“, sagt Gerassimez. „Wir brauchen beides. Manche brauchen mehr Ordnung, manche mehr Chaos, und jeder sucht seine individuelle Balance. Es hat etwas mit Glück zu tun. In der Musik ist es dasselbe. Reine Harmonie ist schnell langweilig.“

Das ist die Grundlage für seine Arbeit als Musiker und Komponist: Der Mensch stellt Ordnungen her, formt Muster und wirft sie über den Haufen.

Im Studio von Alexej Gerassimez stapeln sich die Instrumente - und auch Bratpfannen.
Im Studio von Alexej Gerassimez stapeln sich die Instrumente - und auch Bratpfannen.Foto: Foto: Mike Wolff

Der Schlagzeuger, ein Glückssucher? Das Studio ist vollgestopft mit Instrumenten: zwei Marimbas, ein Vibraphon, ein Glockenspiel, Drumsets, Becken, Röhrenglocken, Tom-Toms, Timbales, Bongos, Pfannen, rostige Rohre. Wie wohl all die Gerätschaften im Wandregal heißen, Rasseln, Klanghölzer, okay, und der Rest?

Gerassimez weiß nicht, wie viele Instrumente er spielt, es gibt unendlich viele. „Wir gruppieren sie. Holz, Metall, Fell, gestimmt, ungestimmt.“ Aber schon das ist verwirrend, je nach Schlägel kann auch eine Trommel, eine Pauke klangvolle Töne erzeugen. Und es gibt noch mehr: Gerassimez greift nach dem Wasserglas auf dem Tisch und pocht dagegen. Dongdong, tack, dongdong, tack, ein Bling, ein höheres Bling, ein Glissando, ein Tremolo, kleine, feine Wassermusik.

Er findet Sachen auf der Straße, im Baumarkt, auf dem Schrottplatz

Ständig klopft er die Dinge auf die Musik hin ab, die in ihnen steckt. Er findet Sachen auf der Straße, im Baumarkt, auf dem Schrottplatz. Oder neulich im Adventskalender der Tochter: ein kleiner Plastikfisch mit beweglicher Flosse, ein Aufziehmechanismus mit Feder, der leise schnurrte. Diggediggediggdigg diggediggdiggedigg, herrlich. Am schönsten sind die mechanischen Geräusche, wenn sie von kleinen Störungen durchsetzt sind. Dann kramt er sein Smartphone heraus und drückt die Aufnahmetaste.

Im Sommer saß Gerassimez mit Freunden draußen in einem vietnamesischen Restaurant. Auf der Baustelle gegenüber trieben die Arbeiter schwere Nägel in einen Dachbalken, es war wie auf der Verkehrsinsel damals in Essen-Werden: Die Freunde waren vom Baulärm genervt, Gerassimez war begeistert. „Back, back, brako ki ga, brako, kiki ga, ein toller Rhythmus. Krach oder Klang, Sie entscheiden das selbst!“ Gerassimez will den Entdeckertrieb auch beim Publikum wecken. Gerne würde er die Leute im Konzert mal mit ihren Schlüsseln klingeln lassen.

Auch auf dem klassischen Schlagzeug spielt Alexej Gerassimez gerne.
Auch auf dem klassischen Schlagzeug spielt Alexej Gerassimez gerne.Foto: Mike Wolff

Auf dem Gewerbehof nebenan quietscht eine Metallplatte. Alles ist Musik? Nein, im Fernsehen haben sie ihn mal aufgefordert, ein Stück Tesafilm zu bespielen. Oder jemand wollte wissen, wie Mecklenburg-Vorpommern klingt. Auch Berlin hat keine klare Soundidentität. Jede Großstadt produziert niederfrequentes Grundrauschen, nachts ist es gut zu hören. Selbst auf dem Land ist es nicht mehr ruhig.

Apropos Stille. Sie gehört zu den Klängen, die vom Aussterben bedroht sind. Gerade ein Schlagzeuger braucht sie. Gerassimez schläft mit Ohrstöpseln, schon eine leise tickende Uhr im Hotelzimmer kann ihn in den Wahnsinn treiben.

Klar, es gibt Ortsspezifisches: Die Polizeisirenen in New York orgeln anders als in Berlin. Und es gibt den Wiedererkennungseffekt: Wenn Vater und Mutter ausgingen und die Gerassimez-Kinder sturmfreie Bude hatten, brauchte der VW-Bus der Eltern nur in die Straße einzubiegen, und sie waren gewarnt. Wo lauert Gefahr, wo lockt das Glück? Der Mensch, dieses höhere Tier, registriert Geräusche und Klänge als Signale, als Botenstoffe.

Das Reihenhaus in Essen wurde seine Musikschule

Als Kind war Musik machen wie sprechen oder spielen für ihn, total normal. In der Küche haute er auf Töpfen herum, nervte seinerseits die Familie, weil schon der Ton des Messers ihn entzückte, wenn er es wie eine Stimmgabel gegen die Tischkante schlug. Das Reihenhaus in Essen wurde seine Musikschule.

Gerassimez hat einen ukrainischen Großvater, der andere Teil der Familie stammt aus Litauen. Der Vater, Trompeter bei den Essener Philharmonikern, übte im Arbeitszimmer, die Mutter spielte Bratsche unterm Dach, der ältere Bruder Nicolai saß im Erdgeschoss am Klavier, der jüngere, Wassily, mit Cello im Kinderzimmer. Und weil die eigene Familie die Welt bedeutet, dachte der Junge, alle Familien machen Musik. Bald hockte Alexej im Keller und trommelte.

Jeder Schlägel erzeugt andere Töne.
Jeder Schlägel erzeugt andere Töne.Foto: Mike Wolff

Rhythmus, das ist auch Ekstase und Trance. Trommeln, Afrika, sehr archaisch. Oder, Montagmorgen-philosophisch formuliert: „Musik ist die Tür zum Zustand des Eins-Seins. Eins-Sein in der Zeit, im Moment, mit der Welt.“ Wer bekommt das schon hin?

Mit sieben oder acht hörte er Igor Strawinskys „Sacre du Printemps“ im Konzert, das hat ihn geflasht. Der junge Alexej hockt sich ins Wohnzimmer und studiert die Partitur, aus Spaß. Zwei Jahre hatte er schon vorher gequengelt, dass er Schlagzeugunterricht bekommt. Der Vater wollte das nicht. Als Blechbläser saß er im Orchester vor den Paukern, „und wenn die Busch und Bumm machten, dröhnte es ihm in den Ohren. Bloß nicht auch noch zu Hause.“ Der Widerstand hat den Sohn bestärkt, das gibt es ja oft.

Mit 16 zieht er nach Berlin, wegen des Bach-Gymnasiums

Seiner ersten Lehrerin, Ann-Katrin Rothe, verdankt Gerassimez, dass er sich den Forscherdrang bewahrt hat. Mit zwölf wird er von Christian Roderburg an der Hochschule in Wuppertal unterrichtet, er ist der Kleine unter den Großen, sperrt die Ohren auf, entwickelt Lust am Zusammenspiel. Seitdem ist er Ensemble-Fan, tritt am liebsten mit anderen auf. Mit 16 zieht er nach Berlin, wegen des Bach-Gymnasiums, an der Schule speziell für den Musikernachwuchs macht auch sein KlavierBruder Abitur. Sein wichtigster Lehrer ist da bereits Peter Sadlo in München. Regelmäßig fliegt er hin, auch dank eines Stipendiums.

Von Sadlo hat er gelernt, das Musik von Hören kommt, von Horchen. Und von sich selber zuhören. Mit der Musik ist es wie mit der Liebe, sagt Gerassimez. Je länger man zusammen ist, desto betriebsblinder wird man. Man muss das Brett vorm Kopf wegkriegen, immer wieder einen Schritt zurücktreten. Und trotzdem versuchen, im Moment zu sein, das ist die Krux.

Schlagzeuger sind Augenmusiker

Gar nicht so leicht, wenn er wie kürzlich in Finnland ein Schlagzeugkonzert von Kalevi Aho spielt. „35 Minuten Musik, nicht ein Takt, der sich wiederholt, und ständige Taktwechsel. Elf-Achtel-Takt, Drei-Sechzehntel-Takt, Vierviertel-Takt, dann wieder fünf Achtel …“ Um frei die Instrumente wechseln zu können, muss Gerassimez auswendig spielen. Es geht gar nicht anders.

Der Geiger hat Hautkontakt zur Saite, der Pianist zu den Tasten, er kann blind spielen. Schlagzeuger sind Augenmusiker, ein Perkussionist muss hingucken. Die Marimba zum Beispiel, Gerassimez’ Lieblingsinstrument, besitzt in der Tiefe breitere Holzstäbe als in der Höhe, also muss er den Abstand zwischen den Schlägeln ständig verändern. „Und dann muss ich den Verstand ausschalten, denn wenn ich anfange, darüber nachzudenken, geht gar nichts mehr.“ Wer beim Laufen über die Technik des Gehens nachdenkt, würde auch sofort stolpern.

Gibt es Etüden für Schlagzeug? Aber klar. Vor allem für die Unabhängigkeit der Hände und Arme. Gerassimez reibt sich mit der Rechten den Bauch und klopft mit der Linken auf den Kopf, Bodypercussion – der Klassiker. Wichtig ist die Dynamik, die Geschwindigkeit kommt dann von selbst. „Im Leisen laut spielen. Energetisch, so dass die Musik groß wird und stark, ohne dass sie schreit“: Alexej Gerassimez nimmt einen Schlägel und macht es vor. Er hat Dutzende Sorten, lässt welche bauen, eine Wissenschaft für sich. Harter Kern, weiche Ummantelung, das gibt einen anderen Klang als umgekehrt. Vor allem jedoch spielt er mit dem Rücken, Schultern, Ellbogen, Handgelenk, den Fingern. Zum Ausgleich macht er Yoga.

Das Waterphone erzeugt Klänge wie in einer Meereshöhle.
Das Waterphone erzeugt Klänge wie in einer Meereshöhle.Foto: Mike Wolff

Gerassimez kramt ein Instrument aus dem Regal, das aussieht wie ein veredeltes Regenschirmgerippe, ein Waterphone – benannt nach dem Erfinder Richard Waters –, und streicht mit dem Geigenbogen über den Kreis von Metallstäben. Ein gespenstischer Sound füllt den Raum, Meereshöhlenmusik. Noch so ein irrer Klang.

Das Suchen hört nie auf. Zum Beispiel beim Mikrotiming: Wenn der Schlag immer eine Spur nach dem Puls erfolgt, entsteht Schwermütigkeit. Kommt er ständig zu früh, entsteht Drive. Oder die Rhythmen der Inder mit ihren verrückten Primzahl-Takten. „Ich bräuchte drei Leben, um alles entdecken zu können“, sagt Gerassimez seufzend.

"Die Elbphilharmonie ist schwer, sie seziert den Klang"

Wie klingt die Welt, wenn es schneit? Was passiert mit der Piccolo-Snaredrum in der Elbphilharmonie? „Die Elbphilharmonie ist schwer, sie seziert den Klang, es fehlt das Satte.“ Gerassimez badet gern im Sound, mag Rundum-Räume wie den hölzernen Pierre Boulez Saal.

Am 16. Januar tritt er im Kleinen Saal des Berliner Konzerthauses auf, mit dem Signum Saxophone Quartet. Vier Saxophone und Schlagzeug, die Kombination gab’s noch nie. Sie spielen Gustav Holsts „Planets“, Pink Floyd und AC/DC, Kosmisches. Ein anderes Gerassimez-Programm heißt „Family Crash“, dafür geht er 2020 mit den Brüdern auf Tour. Konzerte mit den Geschwistern sind leichter und schwerer zugleich. Man versteht sich ohne Worte, gleichzeitig kommen die alten Geschichten hoch, und das Zusammenspiel wird zur Familientherapie.

Schlagzeuger müssen Logistik-Tüftler sein: Vor der Studiotür steht ein Sprinter, zu jedem Konzert wird der Transporter randvoll gepackt. „Auftreten bedeutet: zusammenpacken, einladen, hinfahren, ausladen, aufbauen, spielen, zusammenpacken, einladen, zurückfahren, ausladen, aufbauen, fertig.“ Wärst du mal besser Flötist geworden – den Satz hat Alexej Gerassimez schon oft gehört.

Aber es ist ihm egal. Weil er Helfer hat, sich inzwischen auch Stage-Manager und Konzertagentur leisten kann. Weil ihn diese Lust am Ausdruck treibt. „Musik ist brutal ehrlich, wenn ich spiele, teile ich superpersönliche Sachen mit“, sagt er. Und der Spaß, auch das Publikum in unbekannte Klangräume zu entführen.

Eins-Sein, den Moment feiern: Vielleicht ist das Schlagzeug deshalb beliebter denn je. Zwar ist die Crew der international erfolgreichen Solisten überschaubar: neben Gerassimez der Österreicher Martin Grubinger als derzeit größter Star der Szene, die Britin Evelyn Glennie, der schottische Virtuose Colin Currie, Pedro Caneiro aus Portugal. Aber die globale Percussion-Community ist gut vernetzt und viele neue Musiker sind unterwegs. „Wir sind mittendrin in der Entwicklung“, sagt er.

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Neulich ist er wieder hingefahren, zur Kreuzung nach Essen, in den Morgenstunden, um das Klicken möglichst ohne Autolärm aufzunehmen. Aber die Ampeln dort sind heute stumm. Er machte sich dann in München, wo er inzwischen selbst unterrichtet, mit einem Tonmann auf Ampelklickjagd. Nachts um vier, auf der Suche nach dem Zauber des Anfangs.

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