Amri soll sich als Selbstmordattentäter angeboten haben

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Mutmaßlicher Attentäter : Die fieberhafte Suche nach Anis Amri in Berlin
Das Bundeskriminalamt veröffentlichte Fahndungsfotos des Verdächtigen Anis Amri.
Das Bundeskriminalamt veröffentlichte Fahndungsfotos des Verdächtigen Anis Amri.Foto: Bundeskriminalamt/dpa

Am Donnerstag ist im Internet ein Video aufgetaucht, das Anis Amri wohl am Spreeufer nahe der Oberbaumbrücke zeigt. Der Gesuchte soll sich darauf selbst gefilmt haben – und summt vor sich hin. Es zeigt ihn mit rasierten Haaren und ohne Bart. Sein Gesicht ist schmaler als auf den offiziellen Fahndungsfotos. Das Video soll im September entstanden sein. Die Polizei bestätigt die Echtheit der Aufnahme nicht.

In Tunesien meldet sich am Donnerstag auch die Familie des Gesuchten. „Als ich das Foto meines Bruders in den Medien gesehen habe, habe ich meinen Augen nicht getraut“, sagt Abdelkader Amri, der Bruder des mutmaßlichen Mörders, vor Fernsehkameras. Neben ihm sitzen die Eltern. „Ich kann nicht glauben, dass er das Verbrechen begangen hat.“

Eine überraschende Aussage angesichts all der Details aus Anis Amris Vergangenheit, die inzwischen bekannt geworden sind. In seiner Zeit als Asylbewerber in Italien soll er mehrfach nach Körperverletzungen und Diebstählen erwischt worden sein, auf Sizilien soll er 2011 versucht haben, eine Schule anzuzünden. In Italien saß er vier Jahre im Gefängnis. Auch in seiner Heimat Tunesien hatte er mehrfach Ärger mit der Polizei. Medienberichten zufolge stahl er einen Lastwagen und handelte mit Drogen.

Bis September wurde Amri überwacht

In Deutschland fiel er unter polizeibekannten Salafisten auf. Zwischen März bis September diesen Jahres wurde Amri von deutschen Sicherheitsbehörden überwacht. In einem abgehörten Telefonat soll er sich einem deutschen Hassprediger gegenüber als Selbstmordattentäter angeboten haben, allerdings nicht wortwörtlich, sondern in derart blumigen Formulierungen, dass die Ansage offenbar nicht für eine Festnahme reichte.

Amri soll zudem versucht haben, Waffen zu besorgen. Das teilte am Mittwochabend die Berliner Generalstaatsanwalt mit. Weil sich der Tunesier ab Februar hauptsächlich in Berlin aufgehalten habe, wurde eben nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern auch in Berlin gegen ihn ermittelt. Amri plane, so die vorläufigen Erkenntnisse damals, nicht nur einen Einbruch, „um hierdurch Gelder für den Erwerb automatischer Waffen zu beschaffen“, sondern sei vielleicht auch „als Kleindealer im Zusammenhang mit dem Görlitzer Park tätig“. In einer Bar soll er sich geprügelt haben – „mutmaßlich aufgrund eines Streits in der Dealerszene“.

In Berlin verdingte sich Amri laut Staatsanwaltschaft als Kleindealer im Görlitzer Park.
In Berlin verdingte sich Amri laut Staatsanwaltschaft als Kleindealer im Görlitzer Park.Foto: dpa

Wie so oft unter Islamisten ist auch Amri offenbar zunächst ein erfolgloser Gewohnheitskrimineller.

Die „New York Times“ berichtet, dass Amri jedoch bald auch US-Ermittlern auffiel. Der Asylbewerber stand auf der amerikanischen Flugverbotsliste. Im Internet soll Anis Amri nach Anleitungen zum Bombenbau gesucht haben, außerdem sei zumindest eine Kontaktaufnahme zum „Islamischen Staat“ dokumentiert – und zwar über den Messangerdienst „Telegram“. Die App ist unter IS-Mitgliedern verbreitet, weil sich Nachrichten dort automatisch löschen lassen. Am Donnerstag wurde bekannt, dass die Spurensicherung seine Fingerabdrücke im Fahrerraum des Trucks vom Breitscheidplatz gefunden hat.

Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz
Am 22. Dezember wurden am Breitscheidplatz Betonpoller aufgestellt vom Technischen Hilfswerk.Weitere Bilder anzeigen
1 von 50Foto: REUTERS
22.12.2016 10:17Am 22. Dezember wurden am Breitscheidplatz Betonpoller aufgestellt vom Technischen Hilfswerk.

Rätsel um Amris Geldbörse

Rätsel gibt der Fund seiner Geldbörse auf. Sie lag im Fahrerhaus und brachte die Ermittler auf Amris Spur. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Täter ausgerechnet diesen Gegenstand dort verliert? Im Internet verbreiten Verschwörungstheoretiker, das Portemonnaie sei nachträglich von einem Dritten dort abgelegt worden, um den Verdacht auf den Falschen zu lenken. Dabei gibt es ziemlich logische Erklärungen, die ganz ohne Verschwörungsszenarien auskommen. Erstens könnte der Täter die Geldbörse verloren haben, während er im Cockpit mit dem polnischen Trucker kämpfte. Ermittler gehen davon aus, dass Fernfahrer Lukasz U., 37 Jahre, 140 Kilo schwer, den Täter zu stoppen versuchte.

Zweitens ist es nicht ungewöhnlich, dass islamistische Attentäter absichtlich Ausweise am Tatort zurücklassen und so die eigene Beteiligung dokumentieren. Sie wollen von Gleichgesinnten als „Märtyrer“ gefeiert werden. Außerdem garantiert das Bekenntnis, dass ihre Familien sozial abgesichert sind. Viele Terrororganisationen unterstützen die Hinterbliebenen von Attentätern finanziell – was wiederum als Anreiz für potenzielle, also künftige Massenmörder, gedacht ist. Die perverse Logik: Wer sich bei einem Terroranschlag in die Luft sprengt, kommt nicht nur ins Paradies, sondern tut auch seiner Familie was Gutes.

Zugriff in Prenzlauer Berg wirkt ungewöhnlich

Peter Neumann, Terrorismus-Experte vom Londoner King’s College, wies am Donnerstag darauf hin, dass das absichtliche Hinterlassen von Ausweisdokumenten „Teil der Inszenierung“ islamistischer Terroristen und unter anderem bei den Anschlägen in New York, London und Paris vorgekommen sei.

Die Polizei gibt in diesen Stunden zu all dem wenig preis. Nicht mal die drei Razzien in der Nacht zu Donnerstag bestätigt sie. Vor allem der Zugriff in der Lychener Straße in Prenzlauer Berg wirkt ungewöhnlich: Ein Video im Internet zeigt behelmte, vermummte Beamte, die aus einem Edel-Neubau mit hohen Fenstern kommen. Es handelt sich zumindest im Vorderhaus um Eigentumswohnungen, Quadratmeterpreis: ab 3000, manchmal 5000 Euro. Auf dem Klingelschild deutsche Namen, zwei spanische. Was macht ein mutmaßlicher Islamist in diesem Kiez?

Womöglich nicht SEK, sondern GSG 9 im Einsatz

Ein Justizbeamter sagt am Telefon: „Vielleicht wurde ein Einbruch gemeldet – oder Anwohner haben im Hof einen Blutenden getroffen.“ In diesen Stunden reicht das, damit Elitepolizisten anrücken. Überhaupt, sagt der Kenner, waren womöglich nicht die Berliner Spezialkräfte da, das SEK also. Sondern die GSG 9, die auch für internationale Großlagen ausgebildete Truppe. Die Elitekämpfer der Bundesregierung.

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