"Das sind alle sowieso nur Huren"

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Nach den Anschlägen von Paris : "Charlie Hebdo" und das kaputte Frankreich
Auch am Platz, an dem "Charlie Hebdo" seinen Sitz hatte, befinden sich fast keine politischen Botschaften mehr. Nur dieser Aufkleber ist geblieben: Platz der Meinungsfreiheit.
Auch am Platz, an dem "Charlie Hebdo" seinen Sitz hatte, befinden sich fast keine politischen Botschaften mehr. Nur dieser...Foto: M. Amjahid

Schon zehn Stunden nach dem ersten Schuss haben sie genau die selben Fragen gestellt. Die Radiotalkrunde am Abend des 7. Januar 2015, die unter dem Schock der Attentate angesetzt wurde, sollte zeigen, wo die Fronten in Frankreich verlaufen. Im Studio nahm Rokhaya Diallo neben Ivan Rioufol zur besten Sendezeit Platz. Die muslimische Journalistin aus dem Pariser Arbeiterviertel und der bürgerlich-katholische Kolumnist streiten seit Jahren über Frankreichs Probleme.

Während der Talkshow liefen im Fernsehen die Eilmeldungen über die fliehenden und mordenden Terroristen am unteren Bildschirmrand. Da zeigte plötzlich Ivan Rioufol mit dem Finger auf Rokhaya Diallo und schrie: „Distanzieren Sie sich! Distanzieren Sie sich jetzt!“ Die anderen Studiogäste griffen ein, empörte Schreie und dann plötzlich – Stille. Tränen liefen über das Gesicht von Rokhaya Diallo. Da saß sie, die personifizierte Minderheit, und heulte vor dem weißen, alten Mann, während draußen Terroristen töteten.

Die Nerven im Studio, in Paris, im ganzen Land lagen blank. Zehn Stunden nach dem Attentat symbolisierte diese Szene, was Frankreich aufzuarbeiten hat.

Näher sind sich die Seiten in den vergangenen sechs Monaten nicht gekommen, im Gegenteil.

"Charlie Hebdo": die Fahndung, die Ereignisse
Der Moment des Zugriffs der Sicherheitskräfte beim Supermarkt in VincennesWeitere Bilder anzeigen
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09.01.2015 15:23Der Moment des Zugriffs der Sicherheitskräfte beim Supermarkt in Vincennes

Alle kämpfen - an vorderster Front

Das Pressehaus der rechtskonservativen Tageszeitung „Le Figaro“ steht im schicken neunten Arrondissement umgeben von massiven Gebäuden und Prachtboulevards aus dem 19. Jahrhundert.
Und selbst hier, im sonnigen Hofgarten von „Le Figaro“, muss wieder dieser eine Satz herhalten. Dieses Mal ist es Ivan Rioufol, der sagt: „Als Journalist verteidige ich die Republik – an vorderster Front.“ Wenn man die Wahrheit ausspreche, werde man in Frankreich als Rassist dargestellt. Ivan Rioufol gibt sich als Mann, der alles weiß. Und dem viele Leser vertrauen. Zweifel sind ihm fremd. Er habe seit mehr als zehn Jahren darauf hingewiesen, dass solch ein Attentat anstehe.
„Ich wünsche mir das alte, starke Frankreich wieder“, sagt er. Das erfolgreiche Frankreich aus dem 19. Jahrhundert, das im Stadtbild von Paris verewigt ist, und zu dem die Welt aufgeschaut habe. In einem solchen Staat könne der radikale Islam einpacken, dann würde sich keine Religion mehr über die Republik stellen.

Ivan Rioufol ist der konservative Kolumnist. Er ist der Mann, der alles weiß.
Ivan Rioufol ist der konservative Kolumnist. Er ist der Mann, der alles weiß.Foto: M. Amjahid

Für solche Visionen hat Rokhaya Diallo nur ein Kopfschütteln übrig. Für ein Treffen hat sie die „Place de la Bataille de Stalingrad“ vorgeschlagen. „L’Afrique, c’est chic!“ steht auf ihrem T-Shirt, ihre Fingernägel hat sie rot lackiert, die Spitzen ihrer kurzen Haare blond gefärbt. Einmal im Jahr organisiert sie einen Preis für den größten Rassisten im Land. Sie gehört auch zu den Wütenden – aber subtiler, leiser als Zineb El Rhazoui. Bei der Talkshow habe sie geweint, weil man sie in eine Ecke mit Mördern gestellt habe. Das gehe ihr nahe. Ivan Rioufol sei „die Inkarnation der weißen Medienelite“, die das multikulturelle Frankreich nicht akzeptieren könne. Sie sei Französin. Aber sie sei nicht Charlie. Denn „Charlie Hebdo“ sei rassistisch. Und sie verstehe es als ihre Pflicht, dies anzuprangern.

„Ich kämpfe an vorderster Front – für die Republik“, sagt sie. Natürlich.

Die Place de la République war Zentrum der Demonstration nach den Terroranschlägen in Paris. Sechs Monate danach wurden die Fassaden gründlich von Graffitis und Botschaften befreit.
Die Place de la République war Zentrum der Demonstration nach den Terroranschlägen in Paris. Sechs Monate danach wurden die...Foto: M. Amjahid

Zineb El Rhazoui hat nur noch eine Zigarette in der grünen Schachtel liegen. Sie zündet sie an, findet, in Frankreich könne jeder sagen und tun was er will. Sogar Muslime hätten hier mehr Freiheiten als in islamischen Ländern, sie würden es nur nicht merken: „Bartträger sind zu doof dafür.“ Es wurmt sie schon, dass sie als Rassistin dargestellt wird. „Ich bin doch keine Françoise mit goldenen Locken“, sie zieht an ihren schwarzen Haaren als Beweis. Aber man merkt Zineb El Rhazoui ihre Wut an, sieht sie an ihrer geballten Faust, ihrer vegrippten, lauten, zitternden Stimme. Und an diesem Satz, der zeigt, das die Spaltung Frankreichs unüberwindbar scheint, wie kaputt das Land ist: „Die Rokhaya Diallos dieser Republik sind doch nur Huren.“

Seit den Anschlägen herrscht Meinungskrieg in Frankreich. „Charlie Hebdo“, seine Gegner und Kritiker – sie werden weiter kämpfen. Alle an vorderster Front.

Berlin trauert mit "Charlie Hebdo"
Stilles Gedenken. Tausende Berliner versammelten sich am Sonntag vor der französischen Botschaft am Brandenburger Tor.Weitere Bilder anzeigen
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11.01.2015 16:02Stilles Gedenken. Tausende Berliner versammelten sich am Sonntag vor der französischen Botschaft am Brandenburger Tor.